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Politik Warum sich der Bundespräsident einen Brocken Kohle ins Zimmer stellt
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17:36 03.04.2019
„Dieses Stück erzählt Geschichte“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über das Stück Kohle (links).
„Dieses Stück erzählt Geschichte“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über das Stück Kohle (links). Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa
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Berlin

Für den Besuch in Bellevue haben die Bergleute noch einmal ihre Kluft angezogen. Mit Helmen und klobigen Sicherheitsschuhen stehen sie auf dem blank gewienerten Parkett, über das sonst Staatsgäste wandeln. Sie haben ein sieben Kilo schweres Stück Kohle mitgebracht: Das letzte Stück Steinkohle, das in Deutschland abgebaut wurde.

Am letzten Arbeitstag der Grube war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dabei, als seine Besucher es zu Tage förderten. Jetzt ist es lackiert und soll einen Ehrenplatz im Arbeitszimmer des Bundespräsidenten bekommen.

Steinmeier: „Dieses Stück erzählt Geschichte“

„So sehen wir uns wieder“, sagt Steinmeier, als er ihnen zur Begrüßung die Hände schüttelt. Zwei Vertreter des Ruhrkohle-Chores treten an ihn heran, drücken ihm eine kleine Statue in die Hand. Es ist eine Skulptur der Heiligen Barbara, Schutzpatronin der Bergleute. Steinmeier wurde soeben kaum hörbar zum Ehrenmitglied des Ruhrkohle-Chores erklärt.

Der unscheinbare schwarze Brocken, den die Kumpel dem Bundespräsidenten übergeben, birgt viel Symbolkraft. „Das, was wir hier sehen, ist nicht einfach ein Stück Kohle und es ist auch nicht nur das letzte in Deutschland geförderte Stück Steinkohle“, sagt Steinmeier. „Dieses Stück erzählt Geschichte.“

Anders als Braunkohle wird Steinkohle seit Dezember 2018 in Deutschland nicht mehr abgebaut. Sie deckt zwar immer noch einen Anteil des Strombedarfs, die Energieversorger importieren sie aber aus dem Ausland.

Die Bergleute lauschen der Geschichte vom Ende

Die Bergleute haben sich neben ihm aufgereiht und lauschen stumm, wie er von der Geschichte ihres Berufs erzählt und von seinem Ende, das gleichzeitig das Ende ihres bisherigen Lebens bedeutet. Über ihren Schultern hängen Grubenlampen, einer hat einen Zollstock in der Hosentasche.

„Es ist ein Stück Kohle, das erzählt die Geschichte von Mangelwirtschaft nach dem Krieg, von Montanunion, von den Anfängen Europas“, sagt Steinmeier. „Und es erzählt die Geschichte von Solidarität. Von Solidarität, die nicht nur unter Tage gelebt wurde, sondern die sozusagen eine ganze Region geprägt hat.“ Die Kumpel senken den Blick und nicken.

Es sind auch Angehörige der Grubenwehr dabei, deren Kluft schreiend orange ist. Ihre Aufgabe war es, auf die Sicherheitsbedingungen aufzupassen und bei Unglücken zu helfen.

Die Kohle kommt in ein spezielles Zimmer

Steinmeier will das Stück Steinkohle auch als Dank im Schloss Bellevue aufbewahren – als Dank für die Arbeit der Bergleute, die „über Jahrzehnte unter Tage unter schwierigsten Arbeitsbedingungen einen wichtigen Anteil am wirtschaftlichen Gelingen unseres Landes, an dem Wiederentstehen einer industriellen Wirtschaft geleistet haben.“

Dass das Kohlestück in Steinmeiers Arbeitszimmer kommt, soll eine besondere Ehre sein. Denn anders als im Amtszimmer, das nur für offizielle Besuche gedacht ist, verbringt er in dem Raum viel Zeit und schreibt etwa seine Reden dort.

Persönliches für den Präsidenten

Einer der Bergleute hat dem Bundespräsidenten ein persönliches Erinnerungsstück mitgebracht. „Das ist eine Pike von dem letzten Walzenlader in Deutschland und diese Pike hat die letzte Schicht gemacht und auch dieses Kohlestück aus dem Flöz geschnitten“, erklärt er. Er dreht sich zu Steinmeier: „Ich gebe das Ihnen zu Händen, ich hab das aus meiner Vitrine.“

Von Elena Butz/RND