Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Politik „Wir haben es wieder mit einer aufmüpfigen Generation zu tun“
Nachrichten Politik „Wir haben es wieder mit einer aufmüpfigen Generation zu tun“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:00 14.03.2019
Rebellische Jugend: Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg (rechts) und die deutsche Organisatorin Luisa Neubauer. Quelle: GETTY IMAGES EUROPE
Hannover

Herr Hurrelmann, sind Schüler heute doch viel politischer als gedacht?

Ja, sie sind viel politischer als die über 20- und vor allem die über 25-Jährigen. Aus Studien, zum Beispiel der Shell-Jugendstudie, konnten wir das steigende politische Interesse schon herauslesen. Dass es aber zu einer richtigen Bewegung werden könnte, ist überraschend und wirklich bemerkenswert.

Woher kommt dieser Wandel?

Ich kann das nur mit einem Aspekt interpretieren. Die über 20-Jährigen mussten nicht nur den 11. September 2001 und Fukushima, sondern auch noch die Weltwirtschaftskrise 2008 mit hoher Jugendarbeitslosigkeit bewältigen. Das hat diese Generation dazu gezwungen, sich zunächst mit ihrem eigenen Fortkommen zu beschäftigen, überhaupt erst mal sicherzustellen, dass sie in Arbeit und Beruf kommen. Das war auch in Deutschland keineswegs selbstverständlich.

Das ging den Jüngeren anders.

Genau. 2010 hat sich der Arbeitsmarkt gedreht. Die Jüngeren müssen gar nicht bange sein, dass sie in einen Ausbildungsberuf kommen. Das könnte der entscheidende Punkt sein: Diese nicht mehr auf die wirtschaftliche Existenz ausgerichtete Grundhaltung, die den Blick frei werden lässt für die Gesamtsituation, die großen Herausforderungen.

„Auffallend ist, dass sich jetzt auch Mädchen und junge Frauen stark engagieren“: Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg (rechts) und die deutsche Organisatorin Luisa Neubauer. Quelle: GETTY IMAGES EUROPE

Warum engagieren sich die Schüler gerade für dieses Thema so sehr?

Umwelt hat für junge Leute seit Langem einen hohen Stellenwert, deutlich höher als in der älteren Generation. Dieses Thema scheint für die jungen Leute auch gefühlsmäßig – und das ist für sie eine wichtige Dimension – eindeutig an der Spitze zu stehen. Auffallend ist, dass sich jetzt auch Mädchen und junge Frauen, die sich sonst bei politischen Protesten eher zurückhalten, stark engagieren. Es geht hier weniger um technische Aspekte von Macht und Strukturen, sondern um eine emotional empfundene, tiefe Bedrohung. Das gibt wohl den Ausschlag.

Bei früheren Jugendprotesten ging es meist auch um Rebellion. Jetzt lobt sogar die Kanzlerin die Schüler. Ist Abgrenzung nicht mehr wichtig?

Das kann man nicht sagen. Die Schüler haben zwei provokative Elemente eingebaut: Sie verstoßen gegen Gesetze, indem sie streiken. Und sie wenden sich gegen die ältere Generation, in einem deutlich aggressiven Ton. Sie werfen den älteren Politikern vor, dass sie die Weichen falsch gestellt hätten, Entscheidungen der Zukunft nicht getroffen und nicht an die Jüngeren gedacht haben. Da sind zwei echte Abgrenzungen drin. Die Älteren müssen sich darauf einrichten, dass wir es hier wieder mit einer aufmüpfigen Generation zu tun haben.

Der Protest wirkt bislang eher gesittet. Könnte er dennoch in Gewalt umschlagen?

Im Moment halten sich die Demonstranten an ihre Leitfigur: die stoisch friedliche, ghandiartige Greta, die mit passivem Protest und scharfen Vorwürfen demonstriert. Die Umarmungsstrategie von Eltern, Lehrern und Politikern könnte ihnen aber den Wind aus den Segeln nehmen. Die Bewegung muss sich dann neu konstituieren. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass dann aggressivere Varianten zum Zuge kommen.

Lange durchgehalten: Demonstranten halten in Stuttgart während einer Demonstration von Schülern gegen den Klimawandel Schilder in die Höhe. Quelle: dpa

Welche Ausdauer trauen Sie den Schülern zu?

Ich bin bisher überrascht, dass die jungen Leute überhaupt schon so lange durchgehalten haben. Es geht ja schon drei Monate. Um sich zu verstetigen, braucht diese Bewegung nun verbündete Ereignisse, die ihre Ziele noch dringlicher erscheinen lassen. Die Erkenntnis, Wetter- und Umweltkatastrophen etwa, dass wir eine spürbare massive Erwärmung mit katastrophalen Folgen haben. Dann könnte ich mir vorstellen, dass sich die Basis für die Bewegung verbreitert. Bisher aber sind Bewegungen, die unabhängig von Parteien agierten, nur erfolgreich gewesen, wenn sie sehr aggressiv auftraten und an die Grenze von Gewaltausübung gingen. Das tut diese jetzige Bewegung noch nicht.

Es gilt als einer der führende Experten für die Jugend: Der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann untersucht seit vielen Jahren die politischen Einstellungen Jugendlicher. Nach langjähriger Tätigkeit an der Universität Bielefeld arbeitet er seit 2009 als Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Quelle: dpa

Von Thorsten Fuchs

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die GroKo nervt. Sie ist anstrengend, mitunter einer Zumutung. Und trotzdem ist diese Koalition besser als ihr Ruf, kommentiert Andreas Niesmann.

14.03.2019

Jahrelang galten Schüler als brav und entpolitisiert – doch der Trend dreht sich. Das zeigen die Schülerproteste gegen den Klimawandel. Bei der aktuellen Schülergeneration sieht der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann rebellisches Potenzial.

14.03.2019

Satt, selbstzufrieden und träge: Österreichs Kanzler Kurz sorgt sich um den Zustand der Europäischen Union (EU) – und zerpflückt die Vorschläge des französischen Präsidenten.

14.03.2019