Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Politik Computer erhärtet Suizid-These
Nachrichten Politik Computer erhärtet Suizid-These
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:55 02.04.2015
Von Deutsche Presse-Agentur dpa
Teilte die Suche des Copiloten nach Suizidmöglichkeiten mit: Staatsanwalt Christoph Kumpa in Düsseldorf. Quelle: dpa/Rolf Vennenbernd
Düsseldorf/Marseille

Bergungskräfte fanden am Donnerstag auch den zweiten Flugschreiber. Er könnte Gewissheit bringen, was am 24. März in dem Airbus A320 geschah. Politik und Luftfahrtbranche beraten, ob die Cockpittür-Sicherheitsmechanismen erneut geändert werden sollten.

„Der Browserverlauf war nicht gelöscht, insbesondere konnten die in der Zeit vom 16.3. bis zum 23.3.2015 mit diesem Gerät aufgerufenen Suchbegriffe nachvollzogen werden“, teilte die Staatsanwaltschaft nach Auswertung eines Computers mit, der in der Düsseldorfer Wohnung des 27-Jährigen gefunden wurde. Am Unglückstag war der Mann eigentlich krankgeschrieben, was er jedoch anscheinend verheimlichte.

Der Copilot des Flugs 4U9525 wird verdächtigt, den Piloten aus dem Cockpit ausgesperrt und die Maschine auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf absichtlich in die Katastrophe gesteuert zu haben. 72 der 150 Toten waren laut Auswärtigem Amt Deutsche.

„Abgeklungene schwere depressive Episode“

Bereits seit kurz nach dem Absturz war bekannt, dass der Copilot während der Ausbildung in der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa in Bremen mehrere Monate Unterbrechung hatte. Am Dienstag hatte Lufthansa mitgeteilt, Lubitz habe die Schule 2009 im Zusammenhang mit der Wiederaufnahme der Ausbildung in einer E-Mail über eine „abgeklungene schwere depressive Episode“ informiert. Er wurde danach als flugtauglich eingeschätzt. Germanwings ist eine Lufthansa-Tochter.

Am Donnerstag sagte ein Sprecher der Ermittlungsbehörde in Düsseldorf, der Nutzer des Tablets habe sich „zum einen mit medizinischen Behandlungsmethoden befasst, zum anderen über Arten und Umsetzungsmöglichkeiten einer Selbsttötung informiert“. An mindestens einem Tag habe er sich auch über mehrere Minuten mit Suchbegriffen über Cockpittüren und deren Sicherheitsvorkehrungen auseinandergesetzt. Welche Begriffe genau in Suchmaschinen eingegeben wurden, behielt die Behörde für sich. Weitere Ermittlungsergebnisse seien in den nächsten Tagen nicht zu erwarten, hieß es.

Den Sprachrekorder der Maschine hatten Bergungskräfte noch am Unglückstag gefunden. Aus den Aufzeichnungen schloss die französische Staatsanwaltschaft bereits, dass der Copilot den Kollegen wohl aussperrte und die Maschine in die Katastrophe steuerte. Neun Tage später fanden Einsatzkräfte jetzt den zweiten Teil der sogenannten Blackbox. Der sogenannte Flugdatenschreiber sei verschüttet gewesen, sagte Staatsanwaltschaft Brice Robin in Marseille. Er könne vermutlich ausgewertet werden und werde dafür nun zur französischen Untersuchungsbehörde BEA nach Paris gebracht.

Arbeitsgruppe soll nach Ostern starten

Der Flugdatenschreiber zeichnet Kurs, Geschwindigkeit, Flughöhe oder Neigungswinkel auf. Gespeicherte GPS-Daten geben Auskunft über den genauen Ort eines Unglücks. Der Flugdatenschreiber kann 25 Stunden lang aufzeichnen.

Bei der Identifizierung der Opfer müssen laut französischer Staatsanwaltschaft die gefundenen DNA-Profile mit den Vergleichsproben der Angehörigen abgeglichen werden. „Diese Arbeit wird schnell beginnen können, von Anfang kommender Woche an“, sagte Robin. Jede Familie werde benachrichtigt, wenn eine Übereinstimmung vorliege.

Fachleute der deutschen Luftfahrtbranche wollen über Lehren aus dem Absturz beraten. Eine neue Arbeitsgruppe soll nach Ostern starten, wie Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, Klaus-Peter Siegloch, sagten. Die Gruppe soll auch über mögliche Veränderungen der Regeln zur festen Verriegelung der Cockpittüren beraten. Geprüft werden sollen auch weitere medizinische und psychologische Checks, mit denen die Flugtauglichkeit von Piloten festgestellt wird. Als Reaktion auf den Absturz hatten die deutschen Fluggesellschaften bereits entschieden, dass immer zwei Personen im Cockpit sein sollen.

Ausweispflicht an Flughäfen?

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) schlug die Einführung einer Ausweispflicht an Flughäfen vor. Die Airlines sollten auch bei Flügen im Schengen-Raum die Identität ihrer Passagiere überprüfen, sagte der Minister in Dresden. Sonst bleibe unter Umständen unklar, wer tatsächlich im Flugzeug sitze. Bislang müssen Passagiere bei Flügen innerhalb des Schengen-Raumes nicht immer einen Ausweis vorzeigen.

De Maizière hält das für ein Sicherheitsproblem. Hintergrund ist das Schengener Abkommen, dem sich bis auf wenige Ausnahmen alle EU-Staaten sowie einzelne andere Länder angeschlossen haben. Im Schengen-Raum gibt es keine systematischen Grenzkontrollen.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

Gut eine Woche nach dem Absturz der Germanwings-Maschine dauert die tiefe Trauer in der besonders betroffenen westfälischen Stadt Haltern an. Zu einem öffentlichen Gedenkgottesdienst kamen am späten Mittwochnachmittag sehr viel mehr Menschen, als die St.

Deutsche Presse-Agentur dpa 02.04.2015

Berlin (dpa) - Nach dem Germanwings-Absturz will die Bundesregierung nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung die Sicherheit im Flugverkehr verbessern. Demnach würden derzeit unter anderem Änderungen der Türschutz-Mechanismus in Flugzeug-Cockpits sowie das Sammeln und der Austausch von Informationen aus den Flugpassagierlisten diskutiert.

Deutsche Presse-Agentur dpa 02.04.2015

Wenn ich das nächste Mal in den Osterferien in einen Airbus 320 steige, beschert mir auch die ärztliche Schweigepflicht ein Gefühl von Sicherheit. Säße dann im Cockpit ein Pilot, bei dem in der Vergangenheit Depressionen oder ein anderes psychisches Krankheitsbild diagnostiziert wurde, möchte ich, dass er in therapeutischer Obhut und medikamentös gut eingestellt ist. Was ich nicht möchte, ist das Wegbrechen eines geschützten Raumes, der in vielen Fällen einen letzten und einzigen Ausweg darstellt.

Tamo Schwarz 01.04.2015