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Schleswig-Holstein Brokdorf: Für die einen das sicherste Akw, für andere das Symonym eines Feindbilds
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Akw Brokdorf wird abgeschaltet: Die Geschichte hinter dem Kernkraftwerk

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08:09 31.12.2021
Das Akw Brokdorf wird stillgelegt.
Das Akw Brokdorf wird stillgelegt. Quelle: Christian Charisius/dpa
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Brokdorf

In Schleswig-Holstein endet eine Ära: Kurz vor Mitternacht will Betreiber PreussenElektra das Atomkraftwerk Brokdorf an der Elbe endgültig vom Netz nehmen. Der Druckwasserreaktor mit einer Netto-Leistung von 1410 Megawatt war seit 1986 in Betrieb. Er hat bereits rund 350 Milliarden kWh produziert. An dem Atomkraftwerk scheiden sich seit Inbetriebnahme die Geister. Für die einen ist es das sicherste Akw, für andere das Symonym eines Feindbilds.

Akw Brokdorf: Großdemos bei den Baurbeiten

Der Bau: 1972 beginnt die Kraftwerk Union AG mit Planungen. Zwei Jahre später folgt der Antrag auf Errichtung der Anlage. 1976 erhalten die Planer eine erste atomrechtliche Teilgenehmigung. Es folgen massive Proteste. Am Bauplatz kommt es 1976 zu gewalttätigen Zusammenstößen. Ein vierjähriger vorläufiger Baustopp bringt nur scheinbare Ruhe.

Nach knapp 35 Jahren Betriebszeit wird das Atomkraftwerk Brokdorf vom Betreiber Preussen Elektra Ende 2021 abgeschaltet. Quelle: Christian Charisius/dpa

Die Großdemonstrationen: Die angekündigte Wiederaufnahme der Bauarbeiten löst Proteste aus. Am 28. Februar 1981 wollen rund 100 000 Demonstranten bei bitterer Kälte nach Brokdorf. Es soll die bis dahin größte Anti-Akw-Demo hierzulande werden.

Den Atomkraftgegnern stehen am Bauzaun 10 000 Polizisten gegenüber. Die Behörden verbieten den Protestzug aber. Das Bundesverfassungsgericht wird dies später als verfassungswidrig bewerten.

1992 wird das Akw Brokdorf erstmals „Weltmeister“ bezüglich der Brutto-Jahresstromerzeugung. Quelle: Christian Charisius/dpa

Straßensperren sollen Protestler auf dem Weg nach Brokdorf aufhalten, vielfach brechen Demonstranten durch. Knapp 130 Polizisten und etwa ebenso viele Atomkraftgegner werden verletzt. Im Juni 1986 protestieren erneut 40 000 gegen den Weiterbau. Wieder gibt es Krawalle.

Kraftwerk in Brokdorf wurde erst nach Tschernobyl in Betrieb genommen

Die Inbetriebnahme: Am 3. Oktober 1986 erhält das Kraftwerk die Dauerbetriebsgenehmigung - als weltweit erstes Akw nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl. Im Dezember beginnt der kommerzielle Leistungsbetrieb. 1992 wird das Akw erstmals „Weltmeister“ bezüglich der Brutto-Jahresstromerzeugung.

So sieht das Kontroll- und Steuerungspult im Leitstand des Kernkraftwerk Brokdorf aus. Quelle: Christian Charisius

Im Mai 2005 wird die 200-milliardste Kilowattstunde Strom erzeugt. Der Beschluss des Bundestags aus dem Jahr 2011 zur Energiewende und dem Ausstieg bedeutet das absehbare Ende. Nur noch bis Ende 2021 darf dort Strom produziert werden.

Die drei Atomkraftwerke in Schleswig-Holstein

Der Siedewasserreaktor in Brunsbüttel war das erste Atomkraftwerk in Schleswig-Holstein. Von der kommerziellen Inbetriebnahme am 9. Februar 1977 bis zum letzten Abfahren am 18. Juli 2007 erzeugte es eine Netto-Leistung von knapp 119 Milliarden Kilowatt-Stunden (kWh). Ende 2018 genehmigte das Umweltministerium den Rückbau des Meilers mit einer Nettoleistung von 771 Megawatt.

Wie Brunsbüttel durfte auch das am 28. März 1984 in Betrieb genommene Akw Krümmel seit 2011 als Konsequenz aus der Katastrophe von Fukushima keinen Strom mehr erzeugen. Laut Vattenfall ist es mit einer Nettoleistung von 1346 Megawatt der leistungsstärkste Siedewasserreaktor der Welt. Seit Mitte 2007 war dieser nach Pannen aber nur noch gut zwei Wochen am Netz. Am 4. Juli 2009 ging er endgültig vom Netz. Am 24. August 2015 stellte Vattenfall Antrag auf Rückbau. Das Akw hat eine Netto-Leistung von mehr als 201 Milliarden kWh erzeugt.

Das Akw Brokdorf wird von PreussenElektra betrieben, 20 Prozent gehören Vattenfall. Der Druckwasserreaktor hat eine Leistung von netto 1410 Megawatt und läuft als letztes Kernkraftwerk in Schleswig-Holstein weiter störungsfrei. Ende des Jahres muss die Anlage endgültig vom Netz. Sie hat rund 350 Milliarden kWh produziert.

Die Auffälligkeiten: Im Februar 2017 wird bei einer Revision der Brennstäbe eine außergewöhnlich dicke Oxidschicht entdeckt. So könne das Akw nicht wieder anfahren, sagt der damalige Umweltminister Robert Habeck (Grüne). Erst Ende Juli erteilt die Atomaufsicht die Genehmigung zum Wiederanfahren mit Einschränkungen.

Die Dampfturbinen (l) und den Generator im Maschinenhaus des Kernkraftwerks Brokdorf stehen nach knapp 35 Jahren nun still. Quelle: Christian Charisius/dpa

Experten haben zuvor herausgefunden, dass zu der auffälligen Oxidation der Brennstäbe außer dem Hüllrohrmaterial auch die 2006 erhöhte Leistung und ein immer häufigeres schnelles Hoch- und Herunterfahren geführt hatten.

Immer wieder Proteste vor dem Kernkraftwerk in Brokdorf

Der Dauerprotest: Mit Mahnwachen vor den Toren des Akw Brokdorf fordern Kernkraftgegner beharrlich seit 1986 „sofort stilllegen“ - symbolträchtig jeweils am 6. Tag jedes Monats. Das soll erinnern an den Atombombenabwurf über Hiroshima am 6. August 1945.

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Mit einer Menschenkette demonstrieren am 24. April 2010 mehrere Tausend Teilnehmer am Elbufer in Brokdorf für den Atomausstieg.

Von dpa Andre Klohn