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Schleswig-Holstein Aminata Touré: Plötzlich Landtags-Vizepräsidentin
Nachrichten Schleswig-Holstein Aminata Touré: Plötzlich Landtags-Vizepräsidentin
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17:00 27.08.2019
Von Christian Hiersemenzel
Aminata Touré (Grüne) soll am Mittwoch zur neuen stellvertretenden Präsidentin des Landtags von Schleswig-Holstein gewählt werden. Quelle: Frank Peter
Kiel

Touré ist nicht nur ein Flüchtlingskind. Sie ist schwarz. „Hautfarbe spielt nun mal eine Rolle“, sagt die 26-Jährige. „Immer.“ Wer etwas anderes behaupte, verkenne eine Lebensrealität. „Freunde der Volksmusik, das gehört zu meinem Alltag. Meine Hautfarbe ist Teil meiner Identität.“

"Man muss ein dickes Fell haben"

Die 26-Jährige lebt mit ihrem Ehemann Joschka, Pressesprecher beim grünen Umweltminister Jan Philipp Albrecht, in Kiel. Wo genau, will sie nicht sagen. Seit sie in der Politik in erster Reihe arbeitet, erhalte sie immer wieder rassistische, Frauen verachtende Hass- und Drohnachrichten – viel zu viele, als dass man sie ignorieren könne. Zumal viele Verfasser dreist mit Klarnamen unterschreiben.

Inzwischen gebe sie solche Schreiben der Polizei und versuche im Übrigen, sich auf positive Inhalte zu konzentrieren und sich ein dickes Fell wachsen zu lassen. „Das muss man doch haben in der Politik.“

Kind einer Flüchtlingsfamilie

Aminata Touré kam 1992 in Neumünster als dritte von insgesamt vier Schwestern zur Welt. Ihre Eltern waren ein Jahr zuvor dem Putsch im westafrikanischen Mali entflohen. Alle drei, vier Wochen musste sich die Familie auf dem Amt melden und eine Aufenthaltsverlängerung beantragen. Wenn immer wieder die komplette Existenz infrage gestellt werde, gehe das nicht spurlos an Menschen vorbei, stellt die Politikerin fest.

Ob sie diese Erfahrung stärker gemacht habe? So könne man das nicht ausdrücken. „Das impliziert die Feststellung: War alles nicht so schlimm.“ Sei es aber gewesen. Als Touré zwölf Jahre alt war, kehrte der Vater nach Mali zurück. Der Kontakt brach ab, die Mutter musste ihre Töchter allein versorgen.

Ihre Mutter fragte: "Kämpfst du genug?"

Sie brachte ihnen vor allem eines bei: Selbstbewusstsein. Ob man mit 26 Jahren für den Job als Vize-Landtagspräsidentin nicht ein bisschen jung sei? „Die Landesgeschäftsordnung sieht nicht vor, zu jung zu sein“, antwortet die Grünen-Politikerin. „Ich versuche mir jeden Tag klarzumachen: Ich kann das machen. Das lasse ich mir von niemandem wegnehmen.“ Ihre Mutter habe ihr beigebracht, sich stets zu fragen: „Kämpfst du genug?“ Wenn manche Parteifreundin sie jetzt allerdings als potenzielle Ministerpräsidentin ins Gespräch bringe, halte sie das für überzogen. „Ich bin ja nicht größenwahnsinnig.“

Feminismus und der Kampf gegen Rassismus

Der Parlamentspräsident und erst recht seine drei Stellvertreter stehen protokollarisch noch über dem MP an der Spitze des Landes, haben machtpolitisch aber wenig Einfluss. Und zur Wahrheit gehört, dass die Fraktionen die Personalie mitunter dazu nutzen, allzu kritische Geister nach oben wegzuloben.

Zuletzt hatten die Grünen Tourés Vorgänger, Rasmus Andresen, dort geparkt, weil er mit der Jamaika-Regierungskoalition recht wenig anfangen konnte und noch bis kurz vor Abschluss des Koalitionsvertrags öffentlich gegen das Bündnis Stimmung gemacht hatte.

Nein, ihr sei nichts aufgedrückt worden, stellt Touré klar. Sie finde es „cool“, bestimmte Themen künftig stärker nach außen tragen zu können. Feminismus gehöre dazu ebenso wie der Kampf gegen Rassismus.

"Voll gerne" in Neumünster aufgewachsen

Touré spricht schnell, akzentuiert - und unüberhörbar norddeutsch. Sie sei „voll gerne“ in Neumünster aufgewachsen. „Wenn das dein Zuhause ist, sind Armut und eine migrantische Gesellschaft für dich normal. Aber für uns war es ein Traum, da bleiben zu können.“ Okay, den Bahnhof finde sie ziemlich hässlich.

„Aber Neumünster hat viel Grün, den Einfelder See, das Schwimmbad. Und meine Schule“, die Gesamtschule Faldera, „war super cool.“ Nach dem Abitur 2011 hatte Touré an der Kieler Uni Politik und Französisch studiert. Ein Praktikum beim Landesflüchtlingsbeauftragten 2012 motivierte sie, bei den Grünen einzutreten. Auch wenn asylpolitische Fragen für sie damals keine Rolle mehr spielten, „wäre es dumm gewesen, mich nicht einzubringen“.

Reisen nach Washington D.C. und Oslo

Im vergangenen Herbst nahm Touré als Vertreterin der Schwarzen Europäischen Delegation in Washington D.C. an der Konferenz des „Schwarzen-Ausschusses“ teil. Dort ging es um Demokratie und die Rechte von Minderheiten. Am Dienstag kehrt sie von einer Konferenz der Ostseeparlamentarier in Oslo zurück.

Ob ihr der Rummel nicht unheimlich sei? Touré gibt sich unbeeindruckt. Nein. „Politik lebt von Höhen und Tiefen“, sagt sie. „Das kann auch mal wieder weniger werden, I don’t know.“

An der Debatte, ob sie auch für den Chefposten der Fraktion infrage komme, wolle sie sich nicht beteiligen. Das sei für sie, die auf Listenplatz elf und nicht auf Platz drei gestartet sei, nicht relevant. Aber in zweieinhalb Jahren könne alles passieren. „Politik ist ein Konkurrenzbetrieb. Da muss man sich nichts vormachen.“

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