Atom-U-Boote im Atlantik: Was plant Putin unter dem Meer?
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Schleswig-Holstein Was plant Putin unter dem Meer?
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06:23 17.12.2019
Im Sommer 2017 passierte das russische Atom-U-Boot "Orel" den Fehmarnbelt und Puttgarden.
Im Sommer 2017 passierte das russische Atom-U-Boot "Orel" den Fehmarnbelt und Puttgarden. Quelle: Frank Behling
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Kiel/brüssel

Marinesoldaten der Nato glaubten anfangs ihrer eigenen Aufklärung nicht, als sich Mitte Oktober im Nordatlantik ein sehr ungewöhnliches Bild ergab. Ein ganzer Schwarm moderner russischer U-Boote stieß durch das Gebiet zwischen Grönland, Island und Großbritannien nach Südwesten vor und ging dann in große Tiefe. Erst eine offene Machtdemonstration, dann ein Versteckspiel: Was genau, fragen sich bis heute die Strategen der Nato, plant Russlands Präsident Wladimir Putin unter dem Meer?

Erstmals die ganze Bandbreite von U-Booten im Einsatz

Die Entsendung einer ganzen Flottille von U-Booten war der Höhepunkt einer Kette von Machtdemonstrationen, die 2017 mit der ersten Entsendung eines russischen Atom-U-Bootes in die Ostsee begann. „Dieses Manöver jetzt hat deshalb für Aufsehen gesorgt, weil erstmals wieder die ganze Bandbreite russischer U-Boot-Typen eingesetzt wurde. Das gab es zuvor in dieser Form nicht“, sagt Johannes Peters, zuständig für die Abteilung Maritime Strategie und Sicherheit am Institut für Sicherheitspolitik an der Kieler Universität.

Nato will mit mehr Patrouillen reagieren

„Russland verstärkt kontinuierlich seine Operationen unter Wasser“, sagt die Sprecherin der Nato, Oana Lungescu. Besonders betroffen seien der Nordatlantik und die Norwegische See. Die Nato werde darauf reagieren, unter anderem mit mehr Patrouillen. Zudem werde man in moderne U-Boot-Bekämpfung aus der Luft investieren.

Russlands U-Boote sind leise, die Rakten schneller

Der Nordatlantik bleibe, betonte die Sprecherin, mit Blick auf Nachschubrouten, Handelswege und Kommunikationskanäle „von vitaler Bedeutung für die Sicherheit Europas“. Sorgen macht den westlichen Planern vor allem die Kombination von neuen U-Booten und neuen Raketen. An beiden Stellen setzte Putin in den vergangenen Jahren technologische Verbesserungen durch: Russlands U-Boote sind neuerdings sehr viel leiser, Russlands Raketen zugleich schneller als früher.

Vier weitere neue U-Boote im Bau

In diesen Tagen testet Russland gerade die „Knyaz Vladimir“ (Prinz Wladimir) im Nordmeer. Es ist das erste Atom-U-Boot der neuen Klasse 955A, in der Nato auch als modernisierte Borei-Klasse bekannt. Der 170 Meter lange und bis 24.000 Tonnen verdrängende Koloss kann bis zu 16 der neuen Bulava-Atomraketen befördern.

Vier weitere Neubauten sind im Bau. „Man muss aber auch sagen, dass die Bauzeit für diese russischen U-Boote sehr lang ist. Die russischen Werften liefern jetzt Boote aus, die zum Teil schon seit zehn Jahren in Bau sind“, sagt Peters. Sorgen vor einem Wettrüsten wie in den 80er Jahren bestehe deshalb nicht.

Russlands Manöver sind völlig legal

Der Fokus sollte vielmehr auf der Beobachtung und Aufklärung der Aktivitäten liegen. „Die neuen U-Boote haben gezeigt, dass sie auch mal einfach verschwinden können“, so Peters. Die Manöver wie im Sommer und Herbst seien „völlig legitim“ und im Einklang mit der freien Nutzung der Meere. Sie seien strategische Signale an die Nato, die man richtig deuten müsse.

Neue Raketen könnten Nato Probleme bereiten

Das gelte auch bei den neuen Waffen, die Russland gerade aufs Meer bringt. Im Laufe des kommenden Jahres sollen die ersten Schiffe der Nordflotte mit Überschall-Raketen des Typs Zirkon ausgerüstet werden. Durch ihre hohe Geschwindigkeit steht nicht genau fest, ob gegenwärtige westliche Abfangsysteme sie überhaupt aufhalten können.

Nähern sich die so bewaffneten Boote den Küsten der EU oder der USA, könnte schlagartig eine neue Lage entstehen. „Wir müssen die Bedeutung des Buchstabens „A“ für Atlantik in der Nato wieder stärker im gesellschaftlichen und militärischen Bewusstsein verankern“, forderte Vizeadmiral Andreas Krause, Inspekteur der deutschen Marine.

Neue Aktivitäten drohen, Nato-Nachschubwege zu unterbrechen

Die neuen Aktivitäten Russlands drohen, die Nato-Nachschubwege zu unterbrechen. Auch begrenzte Attacken auf Ziele wie Verladeeinrichtungen der US-Armee in Bremerhaven, Rotterdam oder Antwerpen sind denkbar. Die russische Marine könne, wenn sie zugleich die Ostsee abriegele, die strategische Lage in Europa grundlegend zugunsten Moskaus verschieben.

Von Frank Behling und Matthias Koch

Christian Hiersemenzel 16.12.2019
Ulrich Metschies 16.12.2019