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Schleswig-Holstein Nichts als Ärger auf der Schiene
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20:46 28.11.2016
Von Bastian Modrow
Endstation Sehnsucht: Wer zum Bahnhof in Westerland auf Sylt fahren möchte, braucht derzeit viel Geduld. Quelle: Olaf Malzahn
Westerland/Kiel

Anfang November waren an den Kupplungen der Waggons technische Probleme aufgetreten, in der Folge musste nahezu die gesamte Reisezugflotte der Nord-Ostsee-Bahn auf der wichtigsten Linie an der Westküste stillgelegt werden.

„Wenn ich könnte, würde ich spontan Urlaub einreichen und abwarten, bis der Spuk vorbei ist“, sagt die junge Frau, die frühmorgens mit dem Zug von Klanxbüll nach Westerland pendelt. Ob die 23-Jährige pünktlich im Kindergarten die Jungen und Mädchen in Empfang nehmen kann, „das gleicht einem Lotteriespiel“, sagt sie und rollt mit den Augen. Viel zu häufig muss sie 30 Minuten, manchmal sogar eine Stunde auf den Zug warten. „Ein paar Mal kam die Bahn auch gar nicht – zum Glück habe ich Kolleginnen und einen Arbeitgeber, der sehr verständnisvoll ist.“ Bei der Erzieherin hält sich das Verständnis für die technischen Probleme der „Marschbahn“ in Grenzen. „Ich frage mich, weshalb diese Kupplungen plötzlich alle zeitgleich kaputt gehen.“

Sylvia Tamm, Urlauberin aus Cottbus: "Fahrgäste haben sich so sehr gestritten, dass ein Zugbegleiter eingreifen musste." Quelle: Olaf Malzahn

Am Montagmorgen, als sie noch vor dem Morgengrauen am Gleis gen Westerland steht, scheint ihr das Glück wohlgesonnen zu sein. Mit nur wenigen Minuten Verspätung rollt der Regionalexpress ein, nimmt sie und die anderen Passagiere an Bord. Sogar einen Sitzplatz in dem alten „SH Express“, der seine besten Zeiten in den 1980er-Jahren gehabt haben dürfte, ist ohne Mühe zu finden. „Wenigstens etwas“, sagt die 23-Jährige. Selbstverständlich war dies in den vergangenen Wochen nicht. Als am 10. November das Desaster mit den Triebwagen der NOB seinen Lauf nahm, habe es vor allem im Berufsverkehr immer wieder chaotische Zustände in den wenigen Ersatzfahrzeugen gegeben, berichten viele Bahnpendler. Das Gedränge sei so groß gewesen, dass sogar Menschen kollabierten. Urlauberin Sylvia Tamm aus der Nähe von Cottbus hat eine ganz andere Szene mitansehen müssen: „Fahrgäste haben sich derart um einen angeblich reservierten Platz gestritten, dass der Zugbegleiter eingreifen musste“, berichtet die 63-Jährige.

Christina Conrad, pendelte regelmäßig nach Husum: "Was sind schon Verspätungen von zehn Minuten gegen eineinhalb Stunden?" Quelle: Olaf Malzahn

Zumindest solche Szenen gehören mittlerweile der Vergangenheit an. Aus ganz Deutschland haben die NOB und die Deutsche Bahn Waggons zusammengezogen. Zwar sind Verspätungen noch immer ein gewaltiges Problem, aber „momentan reichen die Kapazitäten offensichtlich wirklich“, sagt Dennis Fiedel vom Nahverkehrsverbund Nah.SH vorsichtig optimistisch. Die junge Hotelfachfrau Christina Conrad, die regelmäßig von Sylt zu ihrer Mutter nach Husum pendelt, spricht bereits von einem gewaltigen Fortschritt: „Was sind schon Verspätungen von zehn Minuten gegen eineinhalb Stunden?“ Entwarnung will Fiedel aber nicht geben. „Es bleibt wackelig, weil weiterhin kaum Reserven vorhanden sind.“ Ein Dilemma – auch für die Deutsche Bahn, die der privaten Nord-Ostsee-Bahn zwar mit mehreren Dutzend alter Personenwagen ausgeholfen hat, die allerdings mit dem Problem bald allein da stehen wird. „Mit dem Fahrplanwechsel am 11. Dezember übernehmen wir die Strecke wieder von der NOB, und eigentlich sollten wir auch den Fuhrpark übernehmen“, sagt Egbert Meyer-Lovis von der DB in Hamburg.

Daraus wird aber definitiv nichts: „Frühestens Ende März werden die notwendigen Ersatzteile wohl lieferbar und sukzessive eingebaut werden.“ Die Folge: Die Bahn ringt weiter um ein Ersatzkonzept. „Auch wir haben nicht 90 Fahrzeuge ungenutzt in Deutschland herumstehen“, sagt Meyer-Lovis. Er habe in mehreren Jahrzehnten bei der Deutschen Bahn so etwas noch nicht erlebt.

"Die herrliche Woche Urlaub lasse ich mir durch die Verspätungen nicht trüben", Dietrich Kitzing, fuhr am Montag zurück nach Cottbus. Quelle: Olaf Malzahn

All die Wirren um defekte Kupplungen und fehlende Ersatzwaggons können Dietrich Kitzing nichts anhaben. Gemeinsam mit seiner Frau Elfriede geht es am Montag zurück nach Frankfurt. „Wir haben eine herrliche Woche Nordsee hinter uns, und dieses Gefühl lassen wir uns bestimmt nicht von Verspätungen trüben.“

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