Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Schleswig-Holstein Jetzt wehren sich die Bauern
Nachrichten Schleswig-Holstein Jetzt wehren sich die Bauern
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:04 13.11.2019
Von Anne Holbach
Fordern mehr Respekt für die Bauern: Das Landwirte-Ehepaar Markus und Uta Kühl. Quelle: Frank Peter
Wasbek

Links steht der Kuhstall, rechts das Wohnhaus, dazwischen laufen vier Ziegen und ein paar Hühner über den Hof. „Seit über 1000 Jahren werden die Flächen hier schon bewirtschaftet“, sagt Landwirt Markus Kühl, der den Hof in Wasbek von seinen Eltern übernommen hat. 140 Hektar bewirtschaftet er, 150 Kühe stehen im Stall. Ob eine seiner drei Töchter die Tradition später weiterführt, sei noch offen. „Empfehlen würde ich es ihnen im Moment nicht“, sagt der 41-Jährige. Zu entbehrungsreich sei der Beruf geworden, zu gering die Wertschätzung, die einem entgegengebracht werde.

Er und seine Frau Uta gehören zur Bewegung „Land schafft Verbindung“, die Proteste wie die heutige Demonstration in Hamburg organisieren. Der Trecker für die Aktion ist schon vorbereitet. Er trägt ein Schild mit den Worten „No farmers, no food, no future“ – ohne Bauern keine Lebensmittel und keine Zukunft. Auf dem Küchentisch liegen bereits Flyer parat, die heute an Verbraucher verteilt werden sollen.

Landwirte: Wir sind nicht alleine Schuld am Insektensterben

Ein Streitpunkt darauf ist der Insektenschutz im Agrarpaket der Bundesregierung, das Einschränkungen bei Pflanzenschutz und Düngung vorsieht. Bauern bestreiten nicht, dass sie am Rückgang der Insektenpopulationen eine Mitverantwortung tragen. „Aber viele schreiben der Landwirtschaft die alleinige Schuld zu“, ärgert sich Uta von Schmidt-Kühl. Dabei gebe es viele weitere Faktoren wie Funknetze, Flächenversiegelung oder Verkehr, die Einfluss auf die Tiere haben. Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) habe bislang noch nicht offengelegt, auf welche Studien sich ihr Programm genau stütze. „Wir möchten, dass sie die rausrückt und wir die Gelegenheit haben, Stellung dazu zu nehmen“, sagt die Landwirtin. Politiker hörten sich die Meinung vieler Gruppen an, aber nicht die der Bauern.

Schon aus Kostengründen kaufe jeder Landwirt nur so viel Düngemittel zu, wie es sein müsse, sagt ihr Mann. Die Stickstoffmenge, die ein Bauer aufs Feld bringen darf, sei streng reglementiert. 30 Kilogramm Stickstoff pro Hektar sei das bei ihm. „Das ist nicht viel.“

Naturschützer oder Umweltvergifter?

Die neue Verordnung sehe Schutzgebiete vor, wo die Düngermenge so stark gekürzt werden soll, dass es für Bauern nicht mehr machbar sei. So werde nicht nur der Boden schlechter, es komme zu Ertragsverlusten, die nicht aufgefangen werden können. „Das geht zu Lasten der Landwirte und ihrer Familien“, sagt Uta von Schmidt-Kühl. „Wir sind nicht gegen die Maßnahmen. Aber die ökologischen Änderungen benötigen einen ökonomischen Ausgleich.“ Es liege nicht im Interesse der Landwirte ihre eigene Fläche in irgendeiner Weise zu vergiften, wie mancher es ihnen vorwerfe. Dass sie oft pauschal als „Umweltvergifter“ oder „Tierquäler“ abgestempelt würden, sei nicht fair. „Wir sind mit Herzblut dabei. Und verdienen nur Geld mit unseren Tieren, wenn sie sich wohlfühlen und sie gesund sind.“

Im Schnitt hat das Ehepaar eine 80- bis 90-Stunden-Woche. Mindestens zwei Stunden pro Tag verbringe er mit Dokumentationspflichten, schätzt Kühl. „Wir ertrinken manchmal in den Unterlagen, die wir alle ausfüllen müssen.“ Der Beruf werde stark verunglimpft. „Dabei sind das alles verantwortungsvolle und gut ausgebildete Leute“, sagt seine Frau.

Es entsteht ein neues Wir-Gefühl

Ein Problem sei, dass die meisten Menschen kaum noch direkte Berührungspunkte mit der Landwirtschaft hätten. „Ich komme selbst aus diesem Teil der Gesellschaft. Das ist ja wie eine Parallelwelt. Es ist immer das Medium Supermarkt dazwischengeschaltet“, sagt die 39-Jährige, die vor ihrer Heirat keinen Bezug zur Landwirtschaft hatte. Das sorge für große Unwissenheit bei den Verbrauchern. „Nicht jedes Mal, wenn ein Bauer eine Spritze am Trecker dran hat, sprüht der Glyphosat. Das glauben aber viele“, sagt Kühl. Er habe zuletzt vor fünf Jahren eine Fläche von fünf Hektar mit zehn Litern damit behandelt. „Wenn ein Landwirt abends oder nachts rausfährt, macht er das nicht, um heimlich zu spritzen, sondern weil es dann windstiller ist und ihm der Tau hilft.“

Die Empfänglichkeit für den Protest sei bei den Bauern so groß, weil sie sich lange alleine mit ihren Sorgen gefühlt hätten. „Viele haben sich zuletzt durch die Verbände schlecht vertreten gefühlt“, so die Landwirtin. Nun entstehe ein neues Wir-Gefühl. Schon die letzte Trecker-Demo habe gezeigt, dass es in der Branche brodele. Ziel in Hamburg ist es, mit ihren Anliegen ernst genommen und von Verbrauchern und Politik gesehen zu werden. Am 26. November ist die nächste Aktion in Berlin geplant.

Lesen Sie auch: Hier müssen Sie mit Verkehrsbehinderungen rechnen

Kostenexplosion bei den Baukosten für Wasserstraßen: Das Bundesverkehrsministerium muss erheblich mehr Mittel einplanen, auch für den Nord-Ostsee-Kanal.

KN-online (Kieler Nachrichten) 13.11.2019

Flüchtlinge finden zwar zunehmend Jobs, aber vorwiegend im Dienstleistungsbereich. Schleswig-Holsteins Arbeitsminister Buchholz sieht Fortschritte bei deren Integration auf dem Arbeitsmarkt. Nicht alle von ihnen ohne Job tauchen in der Arbeitslosenstatistik auf.

13.11.2019

Für die Tötung eines Bekannten mit einer fünf Kilogramm schweren Hantel soll ein 48-jähriger Mann aus Kiel auf Antrag der Staatsanwaltschaft acht Jahre ins Gefängnis. Zugleich forderte der Ankläger – ebenso wie die Verteidigung – die Unterbringung des Mannes in einer Entziehungsanstalt, teilte die Gerichtspressestelle am Mittwoch mit.

13.11.2019