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Schleswig-Holstein Klimabäume sind im Trend
Nachrichten Schleswig-Holstein Klimabäume sind im Trend
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18:04 01.08.2019
Von Sven Hornung
Bernhard von Ehren sagt: „Wir verkaufen den Faktor Zeit, Wellness und Schönheit."
Bernhard von Ehren sagt: „Wir verkaufen den Faktor Zeit, Wellness und Schönheit."
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London

Allein ihr Ballendurchmesser beträgt drei Meter. Die Sumpfeiche ist elf Meter hoch, dreieinhalb Meter breit und elf Tonnen schwer. Alle drei Tage wurde ihre Krone mit insgesamt zwei Kilometer Bastband Stück für Stück zusammengebunden – mit ganz viel Fingerspitzengefühl. Ein Tieflader wird den stattlichen Baum gleich abholen. Ziel: London! Bernhard von Ehren ist zufrieden. „Wir verkaufen den Faktor Zeit, Wellness und Schönheit“, sagt er, „und wollen die Städte weltweit gesünder machen.“

Baumschule Lorenz von Ehren zählt zu den führenden Baumschulen Europas

Seit fast 150 Jahren züchtet, veredelt und kultiviert die Baumschule Lorenz von Ehren knorrige Riesen und exotische Schönheiten. Die Hamburger Traditionsfirma zählt zu den führenden Baumschulen Europas. Sie pflanzt Junggehölze, wertvolle Baum-Antiquitäten in private Gärten und prestigeträchtige Großprojekte: Ihre kegelförmig geschnittenen Eiben schmücken das Disneyland Paris und prachtvolle Felsenbirnen das Bundeskanzleramt.

Das Verschulen verhindert, dass ein Baum dicke Wurzelstränge bildet

Rund 500 000 Gehölze jeden Alters und in jeder Größe stehen auf dem 550 Hektar großen Gelände in Rellingen (Schleswig-Holstein), Hamburg-Harburg und Bad Zwischenahn (Niedersachsen). Die meisten Bäume sind vor mehr als 40 Jahren gepflanzt worden. Nach einem festgelegten Plan werden sie von etwa 160 Mitarbeitern in Form gebracht und kultiviert: mit speziellen Nährstoffen aufgezogen, beschnitten und meistens alle vier Jahre umgepflanzt. „Verschulen“ heißt das in der Fachsprache. „So haben wir von unserer Seite alles dafür getan, dass die Bäume beim Kunden auch anwachsen“, sagt Bernhard von Ehren. Das Verschulen verhindert, dass ein Baum dicke Wurzelstränge bildet, die tief in den Boden reichen. Ein kompakter Ballen aus feinen Faserwurzeln lässt sich dagegen leichter ausgraben und gewährleistet ein leichteres Anwachsen.

Bernhard von Ehren fährt seine Besucher gerne mit dem Kleinbus über seine fast 400 Hektar großen Produktionsflächen am Hamburger Standort – gerade im Herbst, wenn das Geschäft brummt. „Wir wollen die Pflanzen nicht bei ihrem Wachstum stören, deshalb geht der Verkauf erst ab Oktober los“, sagt der Geschäftsführer. In seiner Baumschule stehen 98 Prozent der Bäume im Boden und werden nicht als Containerpflanzen angeboten. Er und sein Team erziehen die Pflanzen – jeden einzelnen, liebevoll mit Schere und Schnitt.

Familienbetrieb in fünfter Generation

Eigentlich wollte Bernhard von Ehren Pilot werden, aber der Reiz, den Familienbetrieb in fünfter Generation weiterzuführen, war letztlich zu groß. Bevor er Betriebswirtschaftslehre studierte, hatte er eine Ausbildung zum Gärtner gemacht, um zu wissen, womit er später handeln würde. Auch privat versucht der 42-Jährige jede freie Minute, seinen 1200 Quadratmeter großen Garten zu verschönern und neue Schmuckstücke zu entwickeln. „Ich schnippele gerne an meinen Pflanzen herum. Dabei kann ich mich wunderbar entspannen“, sagt er.

Grünes Stadtbild: Leitbilder in Paris, London oder Zürich

Nicht nur Privatkunden, sondern auch Garten- und Landschaftsplaner, die von den Städten beauftragt werden, kaufen bei von Ehren ein. Interessenten findet er von Großbritannien bis Kasachstan, von Skandinavien bis Spanien. In Moskau begrünte Bernhard von Ehren einen neu gebauten Stadtteil für ein Auftragsvolumen von rund einer Million Euro. Pro Jahr macht sein Unternehmen 20 Millionen Euro Umsatz. „In vielen deutschen Städten sind wir noch nicht auf dem Stand von Leitbildern wie Paris, London oder Zürich, wo viel Geld in die Hand genommen wird, um die Städte zu begrünen und die Bäume in Schuss zu halten“, sagt er. Aber die Politik in Deutschland sei mittlerweile auf dem richtigen Weg. Jüngste Studien hätten sogar ermittelt, dass die Kriminalitätsrate in Städten ohne erkennbare Grünanlagen höher sei als in Städten mit grüner Lunge. „Dass Menschen, die nur Beton sehen, deprimierter durch den Alltag gehen, liegt doch nahe, oder?“

Klimabäume: Die Sommer werden heißer - darauf müssen sich die Städte einstellen

Bei der Wahl der Baumarten sei Vorsicht geboten. „Kastanien, Eschen und Erlen wird es künftig in deutschen Städten immer seltener geben“, sagt Bernhard von Ehren. Grund dafür sei der Klimawandel. „Die Sommer werden heißer, und es gibt trotzdem eisige Winter. Die Stadtbäume der Zukunft müssen demnach sowohl Hitze als auch Kälte und Spätfröste tolerieren.“ Verändern sich die klimatischen Bedingungen, können sich außerdem neue Schädlinge ausbreiten, die über den internationalen Handel eingeschleppt werden. Auch denen müssen die Bäume trotzen. Stadtbäume seien mit ihren Verwandten im Wald oder Park kaum vergleichbar. Die Gewächse in der Innenstadt müssten deutlich mehr aushalten, weil sie in engen Wohngebieten stehen – oder an dicht befahrenen Straßen. Da sind nicht nur Autoabgase in der Luft, Streusalz und die gegen Bäume pinkelnden Hunde. In den Städten staut sich zudem Wärme, die Luft ist trockener und Bäume haben meist weniger Boden zum Leben. Das alles stresst die Pflanzen.

Zu den robusten Baumarten, die dem Klimawandel trotzen und auch den Stadt-Stress ertragen, gehören der Amberbaum, Feldahorn, Eisenholzbaum, Ginkgo oder die Gledizie. Die ausgewählten Bäume kommen ursprünglich aus Asien, Amerika und dem mediterranen Raum. „Bei diesen Arten ist uns kein Schädling bekannt, aber natürlich ist der Einkauf für die Städte eine Kostenfrage“, sagt Bernhard von Ehren.

Kiel: Viele Privatkunden, die alte Bäume und Pflanzen kaufen

Auch wenn Kiel stets knapp bei Kasse ist: Stadtgrün spielt hier traditionell eine große Rolle. „Die Stadt ist auf einem guten Weg“, sagt der Landschaftsingenieur Trond Bischoff. Gerade die jüngeren Ingenieure beim Grünflächenamt würden sich mit dem Thema Klimabäume auseinandersetzen. Zudem werde allen Stadtbäumen, die an Baustellen stehen, ein Spezialsubstrat hinzugefügt, damit sie sich besser entwickeln können.

Trond Bischoff stellt fest, dass die Zahl an Privatkunden, die alte Bäume und Pflanzen kaufen, in den vergangenen Jahren auch hier deutlich gestiegen ist. „Das hat etwas mit dem Rückzug in den eigenen intimen Schutzraum, die Erweiterung des Wohnzimmers nach draußen und mit der ganzen Landlust-Bewegung zu tun“, sagt er. Viele Hausbesitzer, die ihr Eigentum in den 1970er-Jahren gekauft haben, hätten es jetzt abbezahlt. „Mit den Bausparverträgen investieren sie in den Garten – und zwar teilweise zwischen 40000 und 50000 Euro. Vor zehn Jahren waren es eher 5000 Euro.“ Bischoff betreut in der Region Kiel über 1000 Kunden und kauft viele Bäume bei Bernhard von Ehren ein. Der 52-Jährige hilft seinen Kunden, die vier Jahreszeiten auch im Garten zu erleben. „Die Waschbetonterrasse kommt raus, die Fichte wird gerodet, und nette Sträucher, Stauden und Gehölze werden gepflanzt“, sagt er.

Jeder Baum hat seinen eigenen Charakter

In der Hamburger Baumschule steht Bernhard von Ehren unter einem besonders eindrucksvoll rot-gelb gefärbten Blattwerk. „Jeder Baum hat seinen eigenen Charakter“, sagt der Baumschulbesitzer, nimmt drei Blätter in die Hand und reibt leicht an ihnen. „Riechen Sie doch mal diesen süßen Duft, das ist ein Lebkuchenbaum. Ist das nicht herrlich?“

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