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Schleswig-Holstein Weißer Ring will schneller reagieren
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15:15 22.03.2018
Deutschlands größte Opferschutzorganisation kündigte am Donnerstag nach einer Sondersitzung der Spitze in Mainz an, dass die Satzung geändert werde. Quelle: Hans-Jürgen Jensen
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Mainz/Lübeck

Der Weiße Ring will nach dem Vorwurf sexueller Belästigung gegen einen Mitarbeiter in Notfällen künftig schneller eingreifen. Deutschlands größte Opferschutzorganisation kündigte am Donnerstag nach einer Sondersitzung der Spitze in Mainz an, dass die Satzung geändert werde. Der Geschäftsführende Bundesvorstand solle die Möglichkeit bekommen, im Notfall einzugreifen und Mitarbeiter vor Ort zu suspendieren und von ihren Aufgaben zu entbinden. Weibliche Opfer von Sexualdelikten sollten in Zukunft beim ersten Gespräch generell nur von einer Opferhelferin betreut werden - sei das nicht möglich, sollten zwei Opferhelfer dabei sein. Außerdem solle sich ein unabhängiger Ansprechpartner um Beschwerden und Feedback kümmern.

Ein 73 Jahre alter ehemaliger Außenstellenleiter in Lübeck soll hilfesuchende Frauen in Beratungsgesprächen sexuell belästigt und sich vor ihnen entblößt haben. Auch soll er ihnen empfohlen haben, als Prostituierte zu arbeiten. Bisher hatten sich nach Angaben des Weißen Rings zwölf mutmaßliche Opfer gemeldet. Mehrere Frauen und der Bundesverband stellten Strafanzeige gegen den Mann. Er hatte die Vorwürfe zurückgewiesen und Anzeige wegen Verleumdung und übler Nachrede erstattet. Der Landesverband hatte nach Ansicht der Bundesspitze zu zögerlich reagiert, Ende 2016 habe es erste Hinweise gegeben.

In zwei Jahren drei Vorwürfe

In den vergangenen zwei Jahren gab es beim Weißen Ring nach eigenen Angaben bundesweit drei Vorwürfe sexueller Belästigung, bei denen die Mitarbeiter aber sofort suspendiert oder abberufen worden seien. Einen vergleichbaren Fall habe es noch nie seit der Gründung 1976 gegeben. Der Weiße Ring hat mehr als 3000 ehrenamtliche Mitarbeiter.

Ein Krisenberater empfahl der Organisation klare Handreichungen für Beratungen. "Dort sollte stehen: Was darf die Person, die mir gegenübersitzt, und was darf sie nicht?", erklärte Sozialunternehmer Kilian Kleinschmidt, der unter anderem für die Vereinten Nationen in Krisenregionen arbeitete. "Viele Opfer von extremer Gewalt haben gar keine Maßstäbe mehr." Wer sein Leben lang brutalisiert worden sei, wisse nicht mehr, ob es normal sei, wenn sich jemand vor ihm entblöße. In Handreichungen solle etwa stehen, ob ein Berater das Opfer in die Arme nehmen darf, wenn es weint. Klar sei: "Wo es Abhängigkeiten und Autoritäten gibt, kann es immer zu sexueller Gewalt kommen. Man muss sogar davon ausgehen, dass es dazu kommen wird."

Von lno

Imke Schröder 22.03.2018
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