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Schleswig-Holstein Warum sterben die grauen Riesen?
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11:43 03.02.2016
Von Gerhard Müller
Gleich acht Pottwale stranden und verenden vor Dithmarschen. Quelle: Hauke Brunckhorst/dpa
Kiel

Acht tote Wale im Watt – das hat es in Schleswig-Holstein noch nie gegeben. Mitarbeiter des Nationalparks Wattenmeer fuhren am Dienstag mit schwerem Gerät etwa zwei Kilometer weit hinaus, rund 200 Schaulustige verfolgten vom Deich den ersten Bergungsversuch, doch der fiel buchstäblich ins Wasser. Sturm bis zu neun Windstärken hatte den Pegelstand auf zwei Meter über Normalmaß angehoben. Es gab keine Chance, die rund zehn Meter langen Kolosse mit Raupenfahrzeugen an Land zu ziehen. Am Mitwoch soll die Bergung beginnen.

Herde verirrt sich in Nordsee

Acht junge Wale, ein Schicksal. Warum bewegt uns ein solches Drama? Pottwale sind seit Jahrhunderten ein Mythos. Womöglich ist von ihnen schon im Alten Testament die Rede. Der Prophet Jonas erwähnt einen großen Fisch, der ihn verschlungen habe – als Strafe Gottes. In der Bibelübersetzung von Martin Luther wird daraus: „Denn gleich wie Jonas war drey Tage und drey Nacht in des Wallfisches Bauch …“. Knapp 300 Jahre später eine andere Episode. 1839 berichtete US-Marineoffizier Jeremiah Reynolds von einem Monster-Wal, der etliche Schiffe versenkt haben soll. Dieser angeblich 30 Meter lange und 100 Tonnen schwere Riese animierte wiederum hundert Jahre darauf den amerikanischen Schriftsteller Hermann Melville zu einem Roman über den Kampf des Walfängers Ahab mit einem gigantischen weißen Pottwal. Moby Dick erschien 1951 und wurde ein Welterfolg. In Wirklichkeit sind die größten Raubtiere unseres Planeten eher friedfertig, und sie gelten als gemütlich. Die Weibchen bleiben in tropischen Gewässern und kümmern sich um den Nachwuchs, die jungen Männchen machen sich selbstständig und ziehen mit ihren Kumpeln über die Meere.

Hier sehen Sie Bilder von den gestrandeten Pottwalen vor Dithmarschen.

Eine solche Herde hat sich nun erneut in die flache Nordsee verirrt. „Ihre Route führt normalerweise westlich von Irland ins Polarmeer, vermutlich sind sie nördlich von Schottland in die Nordsee geschwommen. Die wird dann für die Wale zur Sackgasse, weil sie den Ausgang, den Ärmelkanal, nicht finden und zugleich zu wenig Fische“, erklärt Boris Culik, ehemaliger Professor am Institut für Meereskunde in Kiel und jetziger Chef der Firma F3 in Heikendorf.

In den Mägen jener unglücklichen Verrirrten, die vor zwei Wochen in Wilhelmshaven seziert wurden, fanden Tierpathologen praktisch keine Nahrungsrückstände. „Das spricht dafür, dass sie schon längere Zeit vor ihrem Tod nichts mehr gefressen hatten“, berichtet Vanessa Herder von der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Häufigkeit ist ungewöhnlich

Die Gründe für diesen tödlichen Irrtum, das Versagen des tierischen Echolotes, liegen im Dunkeln. „Darüber gibt es diverse Spekulationen, es können Krankheiten sein, Störungen der Sinnesorgane, Infektionen oder Umwelteinflüsse“, sagt Dirk Brandis, Leiter des Zoologischen Museums an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Boris Culik erzählt von Untersuchungen, denen zufolge Sonnenwinde das Erdmagnetfeld beeinflussen und das GPS der Wale verschieben, sowie von der Theorie, dass Sonare von Marineschiffen, die U-Boote suchen, das Echolot der Wale stören. Für Dirk Brandis steht jedenfalls fest: „Dass Wale falsch in die Nordsee abbiegen, passiert schon seit Jahrhunderten, die jetzige Häufung aber ist außergewöhnlich.“ 1723 wurden beispielsweise 21 tote Tiere auf der Insel Neuwerk angespült.


Stranden die Tiere schließlich, sterben sie an Herz-Kreislauf-Versagen, weil sie sich mit ihrem Gewicht Blutfluss und Lunge abdrücken. Für Gerd Meurs-Scheer beginnt damit buchstäblich die Knochenarbeit. Der Leiter des Nationalpark-Zentrums Multimar Wattforum wird die Kadaver, sollte deren Bergung am Mittwoch bei Niedrigwasser gelingen, in den kommenden Tagen an einer Stelle hinterm Deich mit Unterstützung von rund 20 Kolleginnen und Kollegen aus Hannover, Dänemark und den Niederlanden zerlegen. Seit 25 Jahren kümmert sich der promovierte Biologe um Wale, ein solches Drama hat auch er noch nicht erlebt. „Wir werden sehr sorgfältig arbeiten“, verspricht er, als handele es sich um einen letzten Dienst an den beliebten Meeresbewohnern. Vielleicht hilft es, das Rätsel zu entschlüsseln, warum die Riesen in unserer Nähe sterben müssen.

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