Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Schleswig-Holstein Bio oder nicht? Fett liefert den Beweis
Nachrichten Schleswig-Holstein Bio oder nicht? Fett liefert den Beweis
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:00 08.07.2019
Von Karen Schwenke
Neben Eiern und Mehl ist vor allem Milch in Bioqualität gefragt. Quelle: Bernd Schoelzchen/dpa (Symbolfoto)
Kiel

Der Marktanteil von Bio-Produkten steigt Jahr für Jahr. Neben Eiern und Mehl ist vor allem Milch in Bioqualität gefragt. Äußerlich sind die Lebensmittel oft identisch, wie also kann man ökologisch von konventionell erzeugter Ware unterscheiden?

Das fragte sich auch Joachim Molkentin vom Max-Rubner-Institut in Kiel und hat für Milch und Lachs Verfahren entwickelt, mit denen man im Labor analysieren kann, ob es sich um Bio-Qualität handelt. Jetzt tüftelt er noch an weiteren Tests – zum Nachweis von Weidemilch und zur Bestimmung der Region, aus der die Milch in Schleswig-Holstein kommt.

Bei Bio-Milch besteht laut Molkentin wegen des Preisunterschieds sowie sporadischer Lieferengpässe ein Risiko der Falschdeklaration konventionell erzeugter Milch als Bio-Ware. Schon vor Jahren hat er ein Testverfahren für Milch entwickelt, das bereits in einigen Landeslaboren im Einsatz, in Schleswig-Holstein allerdings noch im Aufbau sei.

Bio-Kühe fressen mehr Weidefutter

Dafür analysiert Joachim Molkentin die Zusammensetzung der Milch, die sich aus der unterschiedlichen Fütterung ergibt: Bio-Kühe fressen mehr Weidefutter und weniger energiereiches Kraftfutter als konventionell gehaltene Kühe.

Joachim Molkentin an seinem Arbeitsplatz im Max-Rubner-Institut in Kiel. Mit seiner Analysemethode kann er Bio-Schummel nachweisen. Quelle: Frank Peter

Milch ist für Konsumenten ein guter Kalzium- sowie Protein-Lieferant, Forscher Molkentin interessiert sich für ihre elementaren Bestandteile: Die Elemente Kohlenstoff und Stickstoff untersucht er in einem Massenspektrometer auf ihre Stabilisotopen-Verhältnisse, was ihm Rückschlüsse auf die Fütterung erlaubt. In der Welt des promovierten Chemikers besteht das Milchfett außerdem aus rund 400 Fettsäuren, die er einer (gaschromatografischen) Analyse unterzieht.

Teurere Bio-Milch hat nur geringe Vorteile

Diese spezielle Sichtweise auf das Molkereiprodukt bringt aber auch für den Verbraucher interessante Erkenntnisse. Zum Beispiel, dass die teurere Bio-Milch in Bezug auf die Fettsäuren nur geringe Vorteile hat. Zwar enthält Bio-Milch laut Molkentins Analyse knapp doppelt so viel von der essentiellen Alpha-Linolensäure wie konventionell produzierte Milch, allerdings ist der Gehalt in Vollmilch generell äußerst gering (unter 0,03 Prozent).

Dennoch wächst laut Bundesverband Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) der Verkauf von Bio-Milch stetig, im vergangenen Jahr auf 8,7 Prozent der insgesamt in Deutschland verkauften Milch.

Nachfrage nach Bio-Milch erfordert Import von Milch

Die Nachfrage nach Bio-Milch könne nicht allein durch deutsche Milchbauern gedeckt werden, sondern müsse teils aus dem Ausland importiert werden, sagt Selvihan Koç von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein – und weist darauf hin, dass aus der Herkunftsbezeichnung auf der Verpackung nicht hervorgeht, ob die Bio-Milch aus dem Ausland stammt, da sich die Abfüllanlagen in Deutschland befinden.

Durch lange Transportwege werde aber der ökologische Vorteil wieder aufgehoben. Koç sagt: „Wenn man Nachhaltigkeit möchte, dann macht es keinen Sinn, Bio-Produkte aus dem Ausland zu kaufen. Das gilt für Milch genauso wie für neuseeländische Bio-Äpfel oder israelische Bio-Möhren.“ In solchen Fällen sollte man konventionelle Produkte, die regional und saisonal sind, vorziehen.

Fettreicher Fisch wichtig für die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems

Hält man sich an die Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), dann gehören Milch und Milchprodukte ebenso zum Speiseplan wie Fisch. „Fettreicher Fisch ist von besonderer Bedeutung für die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems und vermindert das Risiko für Schlaganfälle“, erklärt DGE-Sprecherin Silke Restemeyer.

Gelobter Inhaltsstoff sind die langkettigen Omega-3-Fettsäuren. Neben Makrele und Hering zählt Lachs zu den fettreichen Fischen, und er ist der beliebteste Speisefisch der Deutschen. Auch für ihn hat Molkentin einen Test zur Bio-Authentifizierung entwickelt.

Omega 3: Lachs ist der Milch weit überlegen

Omega 3 gilt als gesundheitsfördernd. Relativ unumstritten ist, dass die Fettsäuren vor Herzerkrankungen schützen. In Bezug auf diesen Inhaltsstoff ist ein fettreicher Fisch laut DGE-Sprecherin Silke Restemeyer ernährungsphysiologisch wertvoller für den Menschen als Milch. „Um die in 200 Gramm Lachsfilet enthaltene Menge an Omega-3-Fettsäuren mit Milch abzudecken“, rechnet Chemiker Joachim Molkentin vor, „müsste man zehn bis zwölf Liter Vollmilch zu sich nehmen.“

Aquakulturlachs enthalte deutlich mehr Fett als Wildlachs, selbst Lachs aus konventioneller Aquakultur habe mehr von den wertvollen Omega 3-Fettsäuren namens Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) als Wildlachs. Bio-Lachs hat pro Gramm Filet die meisten Omega-3-Fettsäuren, nämlich 1,7 Prozent. Lachs in Bio-Qualität gibt es übrigens ausschließlich aus Aquakultur, weil nur hier die Haltung kontrolliert werden kann.

Bio-Lachs bekommt mindestens 40 Prozent Fischmehl

Die Messmethoden beim Lachs sind die gleichen wie bei der Milch, denn auch hier basiert der Test auf der unterschiedlichen Fütterung der Tiere. Lachs aus biologischer Haltung bekommt mindestens 40 Prozent Fischmehl oder -öle, bei konventioneller Haltung wird aus Kostengründen ein hoher Anteil von pflanzlichem Futter gewählt.

Die unterschiedliche Ernährung kann der Naturwissenschaftler in der Fettsäuren- und Isotopenzusammensetzung seiner Fischfilet-Proben nachweisen. In einer von 58 Proben fand er tatsächlich ein fälschlich als Biolachs deklariertes Produkt.

Bisher sind die Testverfahren von Molkentin kein Standard und die Analyse-Ergebnisse nicht gerichtsfest. Sollte also in einem Landeslabor ein Bio-Schummel mit den Testverfahren aufgedeckt werden, muss dieser Betrug anhand einer Betriebs- oder Buchprüfung noch nachgewiesen werden.

Stimmen Sie ab!

Auf einer Skala von 0 (gar nicht wichtig) bis 5 (extrem wichtig): Wie wichtig sind Ihnen Bio-Produkte?
Ergebnis ansehen
Diese Online-Umfrage ist nicht repräsentativ.
Auf einer Skala von 0 (gar nicht wichtig) bis 5 (extrem wichtig): Wie wichtig sind Ihnen Bio-Produkte?
So haben unsere Leser abgestimmt
Diese Online-Umfrage ist nicht repräsentativ.

Bio-Produkte

Mehr zum Thema:

Kommentar von Karen Schwenke zum Bio-Etikettenschwindel

Experten warnen vor Etiketten-Schwindel

Im Notfall muss es auf den nordfriesischen Halligen auch ohne einen Arzt am Ort gehen. Für die medizinische Versorgung ist zumindest auf drei der kleinen Inseln jetzt mehr „Land in Sicht“.

08.07.2019

Der Sommer macht in Schleswig-Holstein weiterhin eine Pause: Es bleibt in der zweiten Ferienwoche frisch, mit Schauern und Gewitter ist in den kommenden Tagen zu rechnen.

07.07.2019

Mit Quallen ist es wie mit Mücken: Sie werden von vielen Menschen an der Norsee und Ostsee nur als lästig und schmerzhaft empfunden. Dabei könnten die seit rund 500 Millionen Jahren in den Weltmeeren existierenden Nesseltiere eine neue Bedeutung als Ressource gewinnen.

07.07.2019