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Schleswig-Holstein Boostedts Bürgermeister redet Klartext
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10:52 15.02.2019
Von Bastian Modrow
"Der öffentliche Hilferuf war richtig. Ich würde es heute wieder so machen", sagt Boostetds Bürgermeister Hartmut König (60). Quelle: Ulf Dahl
Boostedt/Kiel

Herr König, sechs Monate sind seit Ihrem öffentlichen Hilferuf vergangen. Ist jetzt alles gut in Boostedt?

Hartmut König: Vieles hat sich normalisiert. Die Lage hat sich spürbar beruhigt. Die Boostedter selbst sind auch wieder ein wenig zur Ruhe gekommen. Die Stimmung im Ort ist nicht mehr so aufgeheizt.

Das bedeutet, die Probleme, die Sie benannt hatten, sind gelöst?

Was den Alkoholkonsum betrifft, das öffentliche Rumgammeln, die Respektlosigkeiten – ja, die Probleme gibt es nicht mehr. Natürlich kann man sagen: Es ist ja auch Winter und für die Flüchtlinge wenig einladend draußen, aber ich bin grundsätzlich großer Hoffnung, dass die vielen Angebote des Betreuungsverbandes wirksam sind und den Flüchtlingen Perspektiven bieten, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten. Es hat sich ein Stückweit zurechtgerüttelt. Das war das, was ich mir gewünscht hatte. Ich wollte, dass sich die Menschen in der Unterkunft wohlfühlen, aber eben auch die Boostedter.

Neue Unterkunft in Rendsburg

Sie haben damals viel Gegenwind bekommen für Ihre Aussagen. Wie empfinden Sie dies im Rückblick?

Es hat sich für die Menschen gelohnt, die hier in Boostedt leben. Ich habe von Anfang an gefordert, die Last auf mehr Schultern zu verteilen. Ich hatte gefordert, eine dritte Unterkunft zu eröffnen. Das hat unser Innenminister Hans-Joachim Grote zunächst kategorisch abgelehnt. Naja, und was ist nun? Die Unterkunft in Rendsburg wird wieder eröffnet. Warum nicht gleich so?

War das Ihr Erfolg?

Ich will mir nicht irgendetwas anheften, auch keine Erfolge. Ich habe Probleme benannt und das Land hat eine Entscheidung getroffen. Unter welchen Bedingungen, das ist mir egal. Letztlich zählt nur eines: das Ergebnis.

Ihr zweites Anliegen war, dass Boostedt nicht dauerhaft eine Erstaufnahme bleibt.

Ich hatte die Entscheidung meines Gemeinderates zu vertreten, dass die Erstaufnahme zeitlich befristet eingerichtet wird. Auch in diesem Punkt ist unser Ziel erreicht. Es gibt einen verbindlichen Vertrag mit dem Land.

Ministerpräsident Günther besuchte Boostedt

Erfolge, für die Sie in der Öffentlichkeit aber jede Menge Prügel bezogen haben. Für viele in der CDU waren Sie ein Nestbeschmutzer.

Vor einigen Wochen war Ministerpräsident Daniel Günther bei uns in Boostedt, was mich sehr gefreut hat. Er hat ausdrücklich betont, dass er keinen Groll auf uns Boostedter oder mich als Bürgermeister hegt. Im Gegenteil: Er hat sogar ausdrücklich seinen Respekt bekundet und gelobt, dass wir die Stimme erhoben und unseren Forderungen Ausdruck verliehen haben. Er hat verstanden, dass es uns um unseren Ort und nicht um parteipolitische Grabenkämpfe ging. Das tat gut.

Wer hat Sie im Rückblick am meisten enttäuscht?

Das kann ich nicht an einzelnen Personen festmachen. Da gibt es auch zu viele. Was mich persönlich getroffen hat, das waren Akteure, die das eine sagten, aber das andere machten. Man ist insgesamt sehr kritisch mit mir umgegangen. Das war nicht fair, vor allem aber nicht angemessen.

Bürgermeister steht hinter Willkommenskultur

Hat Sie das Verhalten verletzt?

Ich bin ein Befürworter davon, Flüchtlingen Hilfe zu leisten. Ich stand und stehe hinter der Willkommenskultur. Was mich verletzt hat, war dieses Schwarz- oder Weiß-Denken vieler Menschen. Entweder du bist mit Haut und Haaren für die Flüchtlinge, dann darfst du aber auch nie irgendwas Kritisches sagen. Wenn du stattdessen aber einen Mittelweg beschreitest, dich hinter die Willkommenspolitik stellst, aber negative Erscheinungen benennst und klare Regeln einforderst, dann bist du ganz schnell einer der anderen. So ist es mir ergangen. Und als wäre das noch nicht schlimm genug gewesen, wurde ich plötzlich auch noch mit den Thesen dieser anderen Seite konfrontiert, die sagten „Siehst du, wir haben doch immer gesagt, dass Flüchtlinge böse sind“. Das war ein Spannungsfeld, das mir sehr zugesetzt hat. Da bin ich ganz ehrlich.

Fühlten Sie sich damals missverstanden?

Ja, denn mein Hilferuf war keine Abrechnung mit Flüchtlingen. Ich habe auf Probleme im täglichen Miteinander hingewiesen. Meine Sorge war, dass die Stimmung in der Gemeinde kippen könnte. Und ich wollte, dass die Politik unsere Belange ernst nimmt, uns nicht allein lässt und mit an Lösungen arbeitet. Punkt. Mitunter hatte ich den Eindruck, einige Landespolitiker und Medien wollten mich bewusst falsch verstanden haben. Ich musste mich plötzlich für Dinge rechtfertigen, die ich nie gesagt hatte. Dabei war mein Hilferuf klar und unmissverständlich gewesen.

Rückhalt von Freunden und Angehörigen

Sie dachten zwischenzeitlich darüber nach hinzuwerfen.

Was ich aber nicht getan habe. In der ganz heißen Phase wäre es eine Kapitulation gewesen, eine Art Scheitern. Danach waren es sehr enge Freunde und Angehörige, die mir das gegeben haben, was ich dringend brauchte: Rückhalt und Wertschätzung.

Welche Lehren sollten Ihrer Meinung nach aus der Diskussion gezogen werden?

Ich habe gespürt, wie schnell man in Schubladen gesteckt wird, in die man nicht gehört. Das fand ich erschreckend. Hier müssen wir als Gesellschaft sehr vorsichtig sein: Es wäre fatal, wenn wir nicht mehr Probleme, auch bei sensiblen Themen wie dem Flüchtlingszuzug, öffentlich benennen können, um frei von Emotionen zielführende Lösungen entwickeln zu können.

Was hat Boostedt aus dem Fall gelernt?

Wir haben als erste Konsequenz unseren Runden Tisch wiederbelebt, in dem wir als Gemeinde mit Vertretern von Kirchen, Vereinen und Verbänden uns gemeinsam für Flüchtlinge engagieren. Der war zuvor eingeschlafen und ich hatte aus den Augen verloren, wie wichtig dieser Runde Tisch war. Heute gibt es diesen Kreis wieder. Das freut mich sehr, allerdings merken wir auch, wie schwer es ist, Menschen wieder für das Ehrenamt zu begeistern, wenn sie erstmal weg sind. Wir haben jetzt einen Flyer entwickelt und wollen demnächst ein neues Programm starten, mit dem wir zeigen wollen: Boostedt ist nicht flüchtlingsfeindlich, sondern weltoffen.

Bürgermeister kam an seine Grenzen

Würden Sie alles heute wieder genauso machen?

Ich habe den Kieler Nachrichten damals ein Interview gegeben – und würden die Probleme heute genauso weiter bestehen, würde ich alles, was ich damals gesagt habe, genau so wiederholen. Wir Boostedter benötigten damals öffentliches Gehör. Natürlich hätte ich einzelne Dinge den betreffenden Akteuren auch direkt sagen können, aber hätten wir eine zufriedenstellende Lösung bekommen?

Sie denken nicht?

Ich denke nicht, dass Herr Grote eine dritte Unterkunft eröffnet hätte. Er hat dies bis zur Einwohnerversammlung in Boostedt und anschließend in Neumünster doch grundsätzlich ausgeschlossen. Ohne öffentliche Diskussion wäre er von seinem Kurs nicht abgewichen. Da bin ich sicher. Ich habe im Sommer 2018 einen Weg gewählt, der der richtige war für Boostedt, für die Bürger und für die Flüchtlinge.

Was bleibt unterm Strich?

Mich hat diese Zeit in einem Maße körperlich, mental und menschlich gefordert, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Das Erlebte hat mich an eine Grenze gebracht. Ich bin ein sehr emotionaler und emphatischer Mensch – und anders als ein Berufspolitiker, der viel Geld bekommt und der sich nach einer Amtszeit finanziell zurücklehnen kann, bin ich ehrenamtlicher Kommunalpolitiker. Ob ich dies noch vier Jahre durchhalte? Ich kann es Ihnen heute noch nicht sagen.

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Interview: Bastian Modrow

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