Chef der Tafeln in SH zu Corona: „Lage unserer Kunden ist dramatisch“
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Schleswig-Holstein Corona: „Lage unserer Tafel-Kunden ist dramatisch“
Nachrichten Schleswig-Holstein Corona: „Lage unserer Tafel-Kunden ist dramatisch“
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21:00 30.03.2020
Von Jürgen Küppers
Eine Mitarbeiterin mit Latexhandschuhen verpackt Lebensmittel für Bedürftige in einer Tafel.
Eine Mitarbeiterin mit Latexhandschuhen verpackt Lebensmittel für Bedürftige in einer Tafel. Quelle: Bodo Schackow/dpa
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Schleswig

Herr Hildebrandt, registrieren ihre Kollegen bei den Tafeln im Norden angesichts der vielen Einschränkungen bei der Lebensmittelausgabe bereits Hilferufe von Menschen, die nicht genug zu essen haben?

Frank Hildebrandt: Das zwar noch nicht. Trotzdem ist die Lage vieler Kunden dramatisch. Die meisten hatten sich nicht rechtzeitig darauf einstellen können, dass sie wahrscheinlich weitaus mehr Geld für Essen benötigen als bei einem normalen Tafel-Betrieb.

Frank Hildebrandt leitet die Tafeln in Schleswig-Holstein. Quelle: Martin Geist

Was wollen, was können die Tafeln im Land nun tun?

Das ist pauschal schwer zu beantworten. Jede Tafel muss individuell entscheiden, wie sie ihre Notdienste am besten organisiert. In Lübeck beispielsweise gibt es mobile Ausgabestellen, wo vorgepackte Lebensmitteltüten verteilt werden. In Rendsburg können Berechtigte solche Tüten zumindest noch an einer regulären Ausgabestelle abholen – was natürlich alles andere als optimal ist.

Warum nicht?

Weil der Andrang so groß ist. Bei den langen Warteschlangen werden die Mindestabstände von zwei Metern wohl mit einiger Sicherheit nicht eingehalten.

Wie ist die Lage bei den Tafeln im Kieler Raum?

Derzeit ist die Kieler Tafel ebenso dicht wie die im Kreis Plön. Wir denken aber darüber nach, einen Pack- und Bringdienst zu organisieren, so wie es schon einen in Schleswig gibt. Helfer, die die bestellten Lebensmittel zu den Kunden nach Hause bringen würden, hätten wir zwar. Dafür müssen wir andere Probleme lösen.

Um welche Probleme handelt es sich dabei?

Hauptsächlich um organisatorische. Wir müssen zum Beispiel die Bestellungen der Kunden aufnehmen, an unsere Lebensmittellieferanten weitergeben und deren Lieferungen abwarten. Außerdem ist der Datenschutz zu beachten. Denn unsere Kunden müssen damit einverstanden sein, dass wir ihre Adressen an unsere Bringdienst-Helfer weitergeben. Das macht natürlich jede Menge Arbeit und ist zeitaufwändig.

Was heißt das konkret? Wann könnte es frühestens losgehen mit den ersten Auslieferungen?

Wenn alles so glattläuft, wie wir hoffen, könnte es zum kommenden Wochenende hin so weit sein. Es könnte aber auch genauso gut sein, dass sich alles wegen des hohen Aufwands noch weiter verzögert. Das ist jetzt schwer zu sagen, wir müssen es einfach abwarten.

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Wie sieht es denn mit dem Lebensmittelnachschub aus? Gibt es hier bereits größere Engpässe?

Noch geht's einigermaßen. Aber es könnte noch sehr eng werden. Vor allem, weil uns die Geschäfte künftig weniger Lebensmittel zur Verfügung stellen.

Aus welchem Grund sollten sie ihre Lieferungen zurückfahren?

Weil immer mehr Menschen im Homeoffice arbeiten, sich im häuslichen Umfeld verpflegen. Damit steigt natürlich der Umsatz in Supermärkten und anderen Lebensmittelgeschäften. Folglich bleibt auch weniger für die Tafeln übrig. Das wird wohl in nächster Zeit auch weiterhin ein Trend bleiben — selbst, wenn die Hamsterkäufe irgendwann zurückgehen.

Wie können Schleswig-Holsteiner mit großen Herzen den Tafeln im Norden am besten unter die Arme greifen?

Auch darauf kann man nicht pauschal antworten. Denn die Probleme und Bedürfnisse sind nicht überall gleich. Manche Tafeln brauchen Geld, andere eher Helfer, organisatorische Unterstützung oder mehr Lebensmittel. Das ist regional sehr unterschiedlich.

Was können Hilfsbereite tun? Wie sollen sie vorgehen?

Am besten, sie gehen im Internet auf unsere Homepage. Dort finden sie unter der Rubrik Schleswig-Holstein die Kontaktdaten aller Tafeln im Norden. Für unsere Unterstützer bietet es sich an, bei den jeweiligen Tafeln in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft nachzufragen, welche Art von Hilfe dort benötigt wird. Das würde das Wir-Gefühl der Solidarität in den Regionen sicher stark beflügeln.

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KN-online (Kieler Nachrichten) 30.03.2020
Anne Holbach 30.03.2020