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Schleswig-Holstein Experten fordern rigoroses Verbot für Großveranstaltungen
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08:10 07.03.2020
Von Heike Stüben
Leichte Spiel für das Coronavirus: Beim Handball  kommen sich nicht nur die Spieler nah. Immer mehr Experten fordern deshalb, solche Großveranstaltungen wegen Coronavirus zu verbieten. Quelle: Friso Gentsch/dpa (Symbolfoto)
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Kiel

Von Donnerstag auf Freitag ist die Zahl der registrierten Infektionen bundesweit von 349 auf 534 gestiegen. Basierend auf der bisherigen Entwicklung hat der Leiter des Kieler Instituts für Mikrodaten-Analyse, Thomas Drabinski, ein Simulationsmodell entworfen.

Es basiert auf der Annahme, dass jeder Infizierte in Deutschland binnen einer Woche drei weitere Menschen ansteckt. Danach würde die Zahl der Infektionen am 21. März 2020 die 10000 überspringen und Mitte März die Millionengrenze. Anfang Mai wären dann rund 35 Millionen Personen infiziert.

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Hochrechnung: Im Mai 200000 Tote durch Coronavirus?

Die Todesrate würde bei einer Mortalität von einem Prozent ab Mitte April drastisch steigen - auf mehr als 200000 im Mai. Allerdings müsste es nach diesem Modell schon jetzt fünf Todesopfer in Deutschland geben.

Bisher ist in Deutschland aber zum Glück niemand an der Virusinfektion gestorben. Das nährt Zweifel an der Prognose. Dennoch hält Drabinski rigorose Maßnahmen wie das Verbot von Großveranstaltungen für notwendig.

Zu hohes Risiko bei Spielen von THW Kiel und Holstein Kiel

„Leider finden auch in Schleswig-Holstein jetzt am Wochenende immer noch Großveranstaltungen wie die Spiele von THW und Holstein Kiel statt, bei denen zusammen über 20000 Zuschauer erwartet werden, von denen etwa ein Viertel nicht aus Kiel kommt und ein Viertel im Corona-kritischen Alter ist.“

Wird später bei einem Besucher eine Infektion festgestellt, ist nicht mehr nachvollziehbar, zu wem er alles direkten Kontakt hatte.

Aktuelle Zahlen zum Coronavirus

Prof. Christian Drosten: Coronavirus muss eingedämmt werden

Auch der Virologe Prof. Christian Drosten mahnt: Die Infektionsketten sollten möglichst früh unterbrochen werden. Das bedeutet: Ein Infizierter soll möglichst keinen oder nur wenige Personen anstecken, die schnell identifiziert werden können. Das würde die Ausbreitung eindämmen und insgesamt verlangsamen.

Je langsamer das Virus sich verbreitet, desto größer die Chance, dass die Erkenntnisse über das Virus größer und die Behandlung verbessert werden kann.

Alternative: Coronavirus läuft sich tot

Die Alternative dazu wäre: Das Virus verbreitet sich so lange weiter bis der Großteil der Bevölkerung eine Infektion durchgemacht hat und das Virus irgendwann ins Leere läuft, weil die meisten Menschen immunisiert sind.

Dazu müssten sich aber Zweidrittel der Bevölkerung anstecken. Selbst wenn die meisten Infektionen harmlos verliefen, würden die schweren Verläufe das Gesundheitssystem in eine Ausnahmesituation katapultieren.

Risiko: 287000 Tote durch Coronavirus in Deutschland

Vor allem wäre nach Angaben von Drosten bei einer Mortalität von 0,5 Prozent allein in Deutschland mit 278000 Todesfällen zu rechnen. Der Virologe fordert deshalb ein Verbot für Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen.

Auch im Sozialministerium Schleswig-Holstein verweist man auf die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts, nach denen vor Ort jeweils Veranstaltungen einschätzen und bei erhöhtem Risiko absagen oder verschieben sollen.

Wer soll über Verbot entscheiden?

Die Entscheidung darüber obliegt jedoch nach dem Infektionsschutzgesetz bis auf Weiteres dem Veranstalter oder Gesundheitsamt. Drabinskis fordert hingegen ein staatliches Verbot. Das scheut die Politik aber bisher. Möglicherweise spielt dabei auch die Frage nach Schadensersatzforderungen eine Rolle.

Coronavirus

Das sind Risikofaktoren bei Großveranstaltungen

Das Robert Koch-Institut empfiehlt folgende Kriterien, um das Risiko einer Veranstaltung einzuschätzen:

  • Identifizierung: Wird registriert, wer an der Veranstaltung teilnimmt? Sind Kontaktdaten aller Teilnehmer hinterlegt?
  • Teilnehmer: Kommen Teilnehmer aus Risikogebieten oder Gebieten mit einer Häufung von Infektionen? Ist die Dichte der Teilnehmer hoch?  Nehmen Menschen mit akuten respiratorischen Symptomen teil? Nehmen ältere Menschen und Menschen mit Grunderkrankungen teil?
  • Kontakt-Dichte: Ist von einer hohen Anzahl und Intensität der Kontakte auszugehen - etwa beim Tanzen, beim Gedränge in einer Schlange?
  • Ort der Veranstaltung: Sind bereits Infektionen in der Region der Veranstaltung aufgetreten?  Ist es eine Indoor-Veranstaltung, gibt es begrenzte Räumlichkeiten oder eine schlechte Belüftung? Sind die Angebote für zusätzliche Kontrollen gegeben? Gibt es genügend Toiletten und Waschbecken für ausreichende Hygiene?

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