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Schleswig-Holstein Das Problem mit dem Blut
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13:10 09.12.2019
Von Christian Trutschel
Blut rettet Leben: In Schleswig-Holstein wurden 2017 insgesamt 112.000 Blutkonserven benötigt. Quelle: Patrick Seeger/dpa (Symbolfoto)
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Kiel

Zum ersten Mal befasst sich die Barmer in ihrem aktuellen Krankenhausreport mit dem „Patient Blood Management“ (engl. für Patientenblut-Management). Anomysierte Daten von 9,2 Millionen Versicherten, darunter 382000 in Schleswig-Holstein, bilden die Basis des Reports, den Barmer-Landesgeschäftsführer Dr. Bernd Hillebrandt jetzt zusammen mit Prof. Matthias Grünewald, stellvertretender Direktor der Kieler UKSH-Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin, in Kiel vorgestellt hat.

„Patient Blood Management“, kurz: PBM, ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt, wird aber in der Medizin schon seit Jahren diskutiert, insbesondere in den operierenden Fächern. Denn in keinem Land der Welt wird pro Kopf so viel Spenderblut benötigt wie in Deutschland. 2017 waren es insgesamt 3,2 Millionen Blutkonserven, davon 112.000 in Schleswig-Holstein.

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„In Deutschland wurden zuletzt mit 54,6 EKs (EK = Erythrozyten-Konzentrat) pro 1000 Einwohner doppelt so viele Blutkonserven transfundiert, wie es in den Niederlanden der Fall ist (27 EKs pro 1000 Einwohner)“, schreiben die Autoren um Prof. Patrick Meybohm, heute Universitätsklinikum Frankfurt/Main, früher UKSH Kiel, in der ebenfalls neu erschienenen Ausgabe „Gesundheitswesen aktuell 2019“ der Barmer.

Hat dieser Patient eine Anämie? Ein Anhaltspunkt ist die Konzentration von Hämoglobin (Hb) im Blut. Die Weltgesundheitsorganisation WHO gibt als Grenzwert mindestens 13g/dl für Männer, 12g/dl für Frauen und Kinder, 11g/dl für Schwangere und Kleinkinder an. Der Hb-Wert lässt sich mit nicht invasiven Hb-Messgeräten schmerzfrei und in ein paar Sekunden ermitteln. Zur Diagnose gehören zusätzlich die Zahl roter Blutkörperchen (Erythrozyten) und der Hämatokrit. Quelle: Uwe Paesler

Wird in Deutschland zu viel operiert?

Man könnte einwenden, dass in Deutschland zu viel operiert werde. Dieser Frage gingen die Autoren jedoch nicht nach. Sie konzentrieren sich auf drei Aspekte:

  • Erstens sollte man mit Blutkonserven nicht aasen. Denn schon bald wird eine wachsende Anzahl älterer Empfänger einer sinkenden Anzahl potenzieller Blutspender gegenüberstehen.
  • Zweitens bergen Fremdblut-Transfusionen für Empfänger Risiken, wie Störungen des Immunsystems, Infektionen und allergische Reaktionen.
  • Drittens: „Etwa 30 Prozent aller chirurgischen Patienten sind bereits vor der Operation von einer Anämie betroffen.“

Anämie (Blutarmut) bedeutet einen Mangel an Hämoglobin und sauerstofftragenden roten Blutkörperchen. Die Folge kann eine Sauerstoffunterversorgung lebenswichtiger Organe sein.

Auf der Intensivstation wird häufig Blut abgenommen

Anämische Patienten haben nicht nur ein erhöhtes Risiko, während und nach einer Operation Fremdblut-Transfusionen zu brauchen, sondern auch ein erhöhtes Risiko für Komplikationen. In einer Studie mit mehr als 220.000 Teilnehmern betrug die Sterblichkeit von Patienten mit schwerer, nicht behandelter präoperativer Anämie zehn Prozent – mehr als zehnmal so viel wie bei nicht anämischen Patienten.

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Hinzu kommt, dass Patienten auf der Intensivstation drei- bis zehnmal pro Tag Blut zur Untersuchung abgenommen wird. In der Folge zeigen etwa zwei Drittel dieser Patienten schon am ersten Tag auf der Intensivstation einen zu niedrigen Hb-Wert. Nach einer Woche sind 97 Prozent betroffen – fast jeder.

„Viele wissen nicht, dass sie anäm sind“, sagt Matthias Grünewald. Anämie betrifft Ältere (60 und älter) häufiger und Frauen dreimal so häufig wie Männer. Etwa die Hälfte aller Anämien in Industrieländern sind durch Eisenmangel bedingt. „In Schleswig-Holstein“, erklärt Bernd Hillebrandt, „ist Eisenmangel-Anämie bei mehr als 50000 Einwohnern ärztlich dokumentiert.“ Hochgerechnet haben mindestens 100.000 Schleswig-Holsteiner eine Anämie.

„Man sieht eine Anämie von außen nicht,“ erklärt Grünewald. Klarheit kann eine Blutuntersuchung beim Hausarzt bringen oder ein nicht invasives Hämoglobin-Messgerät (großes Bild). Mindestens 13g/dl – diesen Wert empfiehlt Matthias Grünewald für beide Geschlechter.

Arzt warnt: Nicht einfach Eisen-Tabletten einnehmen

Er rät davon ab, auf gut Glück irgendwelche Eisen-Tabletten einzunehmen, „weil die andere Hälfte der Anämie-Patienten ja keinen Eisenmangel hat, weil es große Unterschiede bei den Eisen-Präparaten gibt, weil Hepcidin die Eisen-Aufnahme im Darm hemmt, und weil es unerkannte Blutungen im Magen-Darm-Trakt geben kann.

Man sollte deshalb immer den Rat eines niedergelassenen Arztes einholen, bevor man Eisen nimmt.“ Besser, zumal wenn eine Operation anstehe, sei die direkte intravenöse Therapie – auch beim Hausarzt.

Gute Therapie einer Anämie vor einer OP ist im „Patient Blood Management“ die erste Säule. Die beiden anderen beziehen sich auf die OP selbst. Eigenblut des Patienten sollte aufgefangen, gewaschen und bei Bedarf wieder zugeführt werden, Fremdblut-Transfusion nur das letzte Mittel sein. Deren Zahl ist seit der Einführung von PBM 2012 in Deutschland deutlich zurückgegangen.

Hintergrund: Patient Blood Management

Hintergrund: Patient Blood Management

„Patient Blood Management“ (PBM) geht auf Forderungen der Weltgesundheitsorganisation WHO an ihre Mitgliedsstaaten zurück. In Deutschland wurde es 2012 eingeführt. Die ersten vier Krankenhäuser waren die Uniklinika Frankfurt, Münster, Bonn und Kiel. Der Katalog von PBM-Maßnahmen basiert auf drei Säulen:

  1. Eine Anämie (Blutarmut) vor geplanten Operationen mit hohem Transfusionsrisiko soll früh erkannt und behandelt werden.
  2. Ein Blutverlust während der OP soll minimiert werden, durch moderne OP-Techniken und durch Wiederaufbereitung von Eigenblut während der OP.
  3. Blutkonserven sollen rational eingesetzt werden: Transfusion als Ultima Ratio.

Ein gesunder, 70 Kilogramm schwerer Erwachsener hat etwa fünf Liter Blut (70-80 ml Blut/kg Körpergewicht). Das Knochenmark produziert täglich ein Prozent des gesamten Blutvolumens – im Beispiel also etwa 50 ml.

„2010 und 2011 waren es jeweils mehr als 4,3 Millionen Fremdblut-Transfusionen, 2017 noch 3,2 Millionen, obwohl Patienten zur OP immer älter und kränker werden“, sagt Grünewald. Er vertritt im nationalen PBM-Netzwerk von heute 200 Krankenhäusern das UKSH Kiel, das mit den Uniklinika Bonn, Frankfurt und Münster zu den PBM-Pionieren gehört. Eine PBM-Leitlinie gibt es nicht, aber Hinweise zu PBM in der Leitlinie zur Therapie von Anämien.

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