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Schleswig-Holstein "Von allen verhöhnt . . ."
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De jüdische Dichter Harry Wolff is in't KZ kamen

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13:53 16.07.2020
Von Heike Thode-Scheel
Dat KZ Auschwitz. In Farv, as dat hüüt utsehn deit - in swatt-witt en Originolbild mit Insassen. Quelle: Foto dpa/Montage th
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Düsse Fraag hett sik 1979 ok en Historiker stellt. Un bi‘t Institut för Nedderdüütsche Spraak (INS) in Bremen nafraagt. Claus Schuppenhauer weer domols de Experte, wat Platt angeiht. Liekers: „Wir wußten mit dem Namen Harry Wolff buchstäblich nichts zu verbinden“, schrifft he in en Opsatz över den Dichtersmann. Aver en Blick in’e Sammlungen vun’t Institut un he  weer plietscher: „Es hat diesen Mann wahrhaftig gegeben hat und er hatte eine Reihe von Büchern veröffentlicht.“ Op Hochdüütsch un op Plattdüütsch. Harry Wolff weer en echten Heimatdichter un Füer un Flamm för Plattdüütsch. Man na de Entdecker-Freud keem bi Schuppenhauer glieks deepe „Betroffenheit“: „Mich wird die Spur nicht so bald wieder loslassen. Hier ist ein Mann, der binnen 10 Jahren außerordentliche Erfolge gehabt hat, sozusagen von heute auf morgen aus dem Bewußstein aller verdrängt und später nie mehr erwähnt wird – weil er Jude war.“

Dat Schicksal vun Harry Wolff is so besünners, wieldatt he en vun’e gröttsten Anhänger vun Heimat und Volk weer. Schuppenhauer geiht noch en Schritt wieder: „ . . . ein produktiver und vielseitiger Literat, überdies ein damals maßgebender Propagandist und Organisator der Heimatbewegung.“ Nu liegt de Heimatbewegen un de Ideen vun‘ Nationalsozialismus böös dicht bienanner. Op den Neddersassendag 1936 hett de Dichter Moritz Jahn en Aart Gutachten „Zur Pflege des Plattdeutschen“ vörleggt un dor steiht in Punkt 2: „Das Niederdeutsche bildet den vollkommenen Ausdruck unseres Wesens . . .“ In den nächsten Punkt sett he sogor de Spraak in Beziehung „zu den Kräften des Blutes und des Bodens.“

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Claus Schuppenhauer warrd kloor, datt „mit jedem Zitat, jedem Herausgeber- und Verfassernamen wieder ein führender Kopf der niederdeutschen Bewegung vor uns auftaucht.“ Un merrnmang all de plattdüütschen Dichterslüüd, de nu mit ehr Spraak sotoseggen to Handlanger vun’e Nazis warrd, düükert denn de Naam Harry Wolff wedder op.

Harry Berthold Wolff is an‘ 20. August 1900 in Vegesack born. Sien  jüüdschen Vadder Siegmund Wolff harr en Bettengeschäft un seet sogor in‘ Stadtraat. Mit 17 Johr bringt Wolff sien eerstes Book rut: „Wandervogels Fahrtenschatz“. Sien Karriere güng teemli fix vöran: He weer Autor, Redakteur, hett de Leit vun‘n Bookverlag hatt un weer de Grünner vun de Tietschrift „Unterm Strohdach“. In‘ August 1924 hett Wolff de „Niederdeutschen Heimatblätter“ rutgeven. Dat Blatt weer bald dat „Organ für zwanzig führende Heimatvereinigungen Niederdeutschlands“. In twee Johr is he „vom unbekannten jungen Mann zu einer respektierten Zentralfigur der Bewegung aufgestiegen“, meent Claus Schuppenhauer.

Blangen all sien Doon schrifft Wolff flietig wieder. Vertellen üm dat Hoffleben – op Hochdüütsch mit plattdüütsche Dialoge.  Un denn keem sein eerstes plattdüütsches Book „Minschen achtern Diek“. „Wolff kann good vertellen“, meen Dichterkolleg Hermann Quistorf, „man he bliwwt meerstieds noch an de Butensied behacken . . .“ He waagt sik 1927 sogor an en Drama ran: „Stedinger“. Dat speelt in’t 13. Johrhunnert, man de Dichter seggt in’t Vörwoort ganz kloor, wat sien Gesinnen is: To alle Tieden würr dat de Minschen un Völker blots  „üm Macht, üm Freeheit, God un Blod“ gahn. Dor steekt all domols jüst de nationalsosialischte Idee achter, de em later to’n Verhängnis warrn schall. Harry Wollf weer en vun de „Gläubigsten“, wat den Heimatgedanken angeiht. Op en Konferenz mit Nedderdüütsche is he sik wiss, datt de Nedderdüütschen „die Treue zur Heimatkultur, die Pflege der Eigenarten eine heilige und ernste Sache ist“.

1928 grünndt he noch en niege Tietschrift: „Niederdeutsche Heimat. Monatsschrift für Volkstum und Heimatpflege“.  He blifft sik jümmers treu un wünscht sik sogor noch 1933: „Wir wollen das Reich aufbauen, das Reich des niederdeutschen, des deutschen Menschen.“ Kuum to glöven, wat he dor schreven deit. Ob he würkli nix ahnt hett? Denn all in‘ März 33 güng dat los mit de Schikanen vun’e Nazis: He müss sien Posten as Schriftleiter opgeven. Denn na dat „Schriftleitergesetz“ müssen alle en Ariernawies bringen. Wolff weer aver Jud‘. Vun nu an düükert de Naam Harry Wolff  jichtenswo mehr op. Man he lett sik nich ünnerkriegen un schrifft wieder. 1936 bringt he noch en lütt Band rut mit Gedichte: „Wat de Wind weiht“. In’t Vörwoort heet dat: „Einer von denen, die dieses niederdeutsche Wesen am reinsten erklingen lassen, ist Harry Wolff . . . ein Volksdichter im besten und umfassendsten Sinn.“

Man dat sünd blots holle Wöör: Vun nu an is Harry Wolff nämli wech vun’t Fenster. 1939 warrd em kloor, datt he in Düütschland nich överleven kann. He will na Chile to sien Broder utwannern. Sien Packelaag weer all ünnerwegens – man de Flucht is em nich glückt. Worüm, weet keeneen. Wat sik aver 1943 afspeelt hett, dat weet wi nipp un nau vun sien enzig Dochter Ruth Gisela Wolff, de dat KZ överlevt hett. Ehr Anwalt schrifft 1948 an de Wiedergutmachungsstell: „Die Antragstellerin, ihre Mutter und ihr Vater wurden im Februar 1943 aus dem Haus heraus von der Gestapo verhaftet. Das ganze Haus wurde anschließend von der Gestapo in Besitz genommen. Nur die 16 Jahre alte Antragstellerin durfte es später noch einmal in Begleitung eines Gestapobeamten betreten, um für den Abtransport ins KZ einen Koffer mit Bekleidung abzuholen.“ Harry Wolff hett sien Dochter nie mehr weddersehn. „Die Berechtigte wurde am 5.3.1943 nach Theresienstadt verschickt. Ihr Vater war zu dieser Zeit noch in Haft der Gestapo Bremen. Er ist am 28. Mai nach Auschwitz überführt worden.“

 De Heimatdichter Harry Wolff is an‘ 13.9.1943 üm fief Minuten na halv twee in’t KZ Auschwitz storven: „Herzschwäche bei spetischer Angina“, steiht in sien Akte. Se hebbt em ümbröcht. Den Dichter, de mehr as jedeen annern an sien Heimat glöövt hett: „Alles in mir ist taub und leer . . . Ausgestossen, von allen verkannt, von allen geschmäht, von allen verhöhnt . . . Und wenn sie mir noch mehr meinen Stolz mir rauben, sie nehmen mir niemals an Deutschland den Glauben. Mein Deutschland, das mich als Deutschen geboren. Und wenn sie mir alles und jedes nehmen, was du mir bist, kann mir keiner nehmen . . .“

KN-online (Kieler Nachrichten) 16.07.2020
16.07.2020
Heike Stüben 16.07.2020