Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
De moderne "Frau Doctorin" ut Lübeck
Nachrichten Schleswig-Holstein

Dorothea Schlözer weer de eerste Fru mit en Doktortitel

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:00 10.01.2021
Dorothea Schlözer (Büste vun Alexis Poitevin) weer in'e Brede Straat in Lübeck tohuus. Se weer en gelehrte Fru.
Dorothea Schlözer (Büste vun Alexis Poitevin) weer in'e Brede Straat in Lübeck tohuus. Se weer en gelehrte Fru. Quelle: fotomontage th
Anzeige

Dorothea Schlözer ut Lübeck weer en Wunnerkind. De „Herzentochter“, dat „himmlische Glück“, kann mit föfftein Maande „87 Wörter und hat 192 Ideen“, noteert de stolte Vadder, Perfesser August Ludwig Schlözer 1771. Un noch dree Maande later: „Mein Dortgen spricht nun alles und lernt das ABC nach einer neuen Methode . . .“ Man dat weer noch lang nich all’ns: „Dorothee zählte erst zwei Jahre und acht Monate, da begann der Unterricht mit Stricken und Plattdeutsch sprechen, welches letztere der Vater theils an sich, theils als Hülfsmittel zur Erlernung mehrer verwandter Sprachen für unentbehrlich hielt“, schrifft de Pädagoog Eusebius Schmidt 1846. Un dat hett wull op’t Best funkschoneert. Denn mit söbentein Johr kann se tein Spraken perfekt schnacken.  Se weer so plietsch, datt se 1787 as eerste Fru in Düütschland den Doktertitel vun’e philosophischen Fakultät Göttingen kregen hett.

Dat "gelehrte Frauenzimmer" weer berühmt

Kuum to glöven: Verleden Johr hett de moderne Fru „Doctorin“ ehrn 250 Geburtsdag fiert. Twintig Johr weer Dorothea Schlözer-Rodde in Lübeck tohuus.  In‘e Breede Straat 13 hebbt sik Wetenschapler, Dichter, Künstler, Politiker, Diplomaten un Philosophen drapen. Johann Heinrich Voß, Friedrich Heinrich Jacobi un Wilhelm von Humboldt hörten to ehr berühmte Frünnen. Se hett mit Kaiser Napoleon in Paris an en Disch seten un Goethe in Göttingen kennenliert. Dat, wat dat „gelehrte Frauenzimmer“ vör mehr as tweehunnert Johr tostann bröcht hett, weer sowat as en Meilensteen, wat uns Fruuns un de Bildung angeiht.

Anfungen hett all’ns mit en Wett twüschen Dorotheas Vadder, den Politik-Perfesser August Ludwig Schlözer un den Pädagogikperfesser Johann Bernhard Basedow. Beide schullen se Vadder warrn un nu güng dat Duell los: Wokeen kann sien Kind mehr Bildung bipuuln? Schlözer kunn partout nich verstahn, datt Basedow Fruunslüüd vun’e Bildung trüchholln wull. He stell sik de Fraag: „Steht ein studiertes Weib nicht unabhängiger im Leben da? Kann es der Menschheit nicht auch nützliche Dinge leisten?“ Un denn güng sien Experiment los. Mit 15 Maande kann de Deern all 87 Wöör un fangt mit dat ABC an. Ehr Vadder noteert all’ns in en Book: „Dortgen geht manchmal mit mir auf dem Wall spazieren.  Es sieht schnackisch aus, ein Kind von 25 Monaten . . . und diskutierend, als wäre sie 6 Jahre alt.“ Schlözer kunn sölben veele Spraken – un he weer de Meen: Eerst mutt man en Spraak schnacken un denn kann en sik üm‘e Grammatik kümmern. Na Hochdüütsch weer denn Plattdüütsch an’e Reeg. Dor weer se knapp dree Johr old.

Mit Platt kann man anner Spraken lichter liern

1915 wunnerwarkt de Schrieversfru Ida Boy-Edd ut Lübeck in en Artikel över dat Wunnerkind: „Alles, was in Dorotheas Leben und Umwelt geschah, fand auf das merkwürdigste hundert Jahre später sehr ähnliche Wiederholungen, als habe ein geheimes Gesetz obgewaltet, aus ihr gewissermaßen ein Probestück für Zukünftiges zu machen.“ Un jüst so weer dat ok – vör allen Dingen, wat de Spraken angeiht: „In den  siebziger  Jahren  des vorigen  Jahrhunderts  pflegten  viele Familien damals als Grundlage für jegliche Sprachübung mit ihren Kindern  zuerst  Plattdeutsch  zu  reden.“  Hüüttodaags gifft dat de glieke Diskussion un de Experten sünd sik wiss: Plattdüütsch maak di de Döör wiet op to anner Spraken. Ida Boy-Edd weer sik all vör hunnert Johr seker: „Wenn es denn wirklich ein Hilfsmittel war, durch diese Mundart leichter zur Bemeisterung fremder Sprachen zu gelangen, hat es bei Dorothea seine Schuldigkeit getan. Sie lernte bald auch Französisch, Englisch, Lateinisch, Italienisch, Schwedisch, Holländisch und Griechisch.“

Aver Dorothea weer nich blots klook, wat de Spraken angüng. Wat müss de Deern nich all’ns liern: Geometrie, höhere Mathematik, Mineralogie, Botanik, Chemie, Naturgeschicht un Anatomie . . . de lütte Kopp weer bald proppenvull. Ob Dortgen wull froh weer in ehr Leven? Goethe liert ehr 1783 kennen. De groot Dichter meen, datt se „als das schönste hoffnungsvollste Kind zur Freude des strengen, fast mißmutigen Mannes glücklich emporwuchs.“ Dor weer se dörtein. Dorothea sölben weer wull Füer un Flamm för ehr Bildung. An ehr Frünndin Luise Michaelis schrifft se: „Weiber sind nicht in der Welt, blos um Männer zu amüsiren. Weiber sind Menschen wie Männer“, so de plietsche junge Fru. Se is sik wiss, datt all ehr Weten ok en Sinn hett, denn: „Wie, wenn ich nun einen Kaufmann oder Fabrikanten kriegte, der nach Spanien, Holland, Italien, England, Schweden u.s.w. handelt, und ich verstehe die Sprache dieser Länder und könnte ihm gar seine Correspondenz führen? Wieviel Kaufmanns Weiber giebt es denn, die so ein halb Dutzend Sprachen verstehen . . .“

Mit 17 Johr kriggt se den Doktertitel

Tja, se warrd de enzige Koopmanns-Fru blieven, de dat all‘ns kann. Aver ehr Vadder will noch mehr. He will en Titel för sien gelehrte Dochter.  Un twaars „nicht bloß ehrenhalber, sondern von der gesamten Facultät oder wenigstens einigen Abgeordneten geprüft.“ An‘ 25. August weer dat sowiet.  In ehr Daagbook schrifft se 1787: „Zitternd ging ich Abends vor 5 Uhr in des Decani Haus . . . Ich sah die Herren Facultisten einen nach dem anderen ankommen; bey jedem vermehrte sich meine Angst.“ Mit Bravour hett se all de Fragen meistert un opletzt kreeg se de „Ertheilung der philosphischen Doctorwürde“.

En Meilensteen – en „Fräulein Doktor“ geev dat domols noch nich. All gor nich mit söbentein Johr. Denn: „Nur in seltenen Fällen erhielten auch Frauenzimmer die Doctorwürde; Neueres Beispiel sind Dorothea Schlözer in Göttingen“, steiht noch 1858 in’t Universallexikon. De Fru „Doctorin“ weer bald in’e heele Welt bekannt. So is denn ut de lütte Dortgen en junge Fru wurrn, de veel op Reisen weer. Na Paris, na Italien un quer dörch Düütschland. In‘ April 1791 is se mit ehrn Vadder na Hamborg, Kiel un Lübeck ünnerwegens. In Plön hebbt se den  Grafen Schmettow besöcht. He schreev later an Vadder Schlözer: „In Hamburg, in Kiel und auch in Plön bewundert die ganze Welt einstimmig das natürliche, einfache, ungezierte Benehmen der gelehrten Demoiselle Schlözern . .  . , daß ich im voraus dem Manne Glück wünsche, der das Glück haben wird, sie zur Frau zu bekommen.“

In ehrn Lübecker Salon drepen sik Dichter un Denker

Un tatsächli: In de schöne Hansestadt lehrt se den Lübschen Senator un Koopmann Matthäus Rodde kennen un heiraat em 1792 mit 22 Johr. Vun dor an weer se in Lübeck tohuus – in de Breede Straat 13. Se kreeg dree Kinner, hett bavento ehr dree Stiefkinner optrocken un sik üm Huus un Geschäft sorgt.  Liekers stünn de „Frau Doktor Schlözer-Rodde“ jümmers in‘ Middelpunkt vun’e Gesellschap: „Es war eine letzte Zeit des Glanzes und der Pracht für Dorothea, die damals in der vollsten Reife ihrer Schönheit stand“, heet dat bi de  Schrieversfru Ida Boy-Edd. Denn 1810 is ehr Mann bankrott gahn. Se verleert all ehr Vermögen, mutt in en lütte Wahnung trecken. Twee vun ehr Kinner starvt un se warrd krank. Op en letzte Reis nach Frankriek starvt se mit 55 Johr: „Ich stehe erstaunt vor meinem Schicksal“, schrifft se deeopdinkern in ehrn allerletzten Breef an ehrn Broder Karl.

Anne Holbach 10.01.2021
Anne Holbach 10.01.2021
Anne Holbach 10.01.2021