Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Schleswig-Holstein Den Arm heben, heißt „Ja“
Nachrichten Schleswig-Holstein Den Arm heben, heißt „Ja“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:51 20.11.2013
Unüberwindbare Schwelle: Rollstuhlfahrer sind im Alltag oft auf Hilfe angewiesen. Quelle: fotolia
Anzeige

Um 6.30 Uhr wird Christian von seiner Mutter geweckt. Er hat ein kleines Zimmer im Erdgeschoss des Hauses. Christian wird von seiner Mutter gewaschen, bekommt die Zähne geputzt, wird gewickelt und angezogen. Schon jetzt wird mir klar, wie schwer es seine Mutter hat. Sie hat neben Christian noch drei weitere Kinder.

 Die ganze Familie sitzt zusammen am Frühstückstisch. Die 15-jährige Schwester von Christian schmiert ihm ein Brot. Er bekommt es hingestellt, greift mit der linken Hand zur Gabel und isst. Sein Vater erzählt mir stolz, dass Christian das wieder gelernt habe. Noch vor vier Jahren mussten sie ihm jedes Stück Brot in den Mund geben, da er die Gabel nicht selbst halten konnte.

Anzeige

 Der Bus, mit dem Christian zur Arbeit fährt, hupt und der junge Mann wird von seiner Mutter vor die Tür gefahren. Die Fahrt geht nach Preetz in die Tagesförderstätte. Da an diesem Tag ein Montag ist, kommt die Kiti Kiel (Zentrum für tiergestützte Pädagogik)mit ein paar Tieren. Christian füttert die Meerschweinchen und streichelt den Hund. Man sieht ihm richtig an, dass ihm der Umgang mit Tieren gefällt. Seine Familie hat selbst vier Hunde und diverse Kleintiere zu Hause.

 Zum Mittagessen gibt es Spaghetti Bolognese. Christian mag das nicht und macht das kenntlich, indem er seinen Teller vom Tisch schmeißt. Er kann nicht reden, weiß sich aber so zu helfen. Als seine Betreuerin fragt, ob er lieber etwas anderes essen möchte, hebt er seinen Arm. Diese Geste heißt „ja“.

 Nach dem Mittagessen wird gebastelt. Christian sitzt an der Papierschneidemaschine, die er mit großem Eifer und Begeisterung betätigt. Es werden Karten gebastelt, die zu Weihnachten verkauft werden. Um 15 Uhr hat der 30-Jährige Feierabend und wird wieder von seinem Bus abgeholt und ist dann gegen 16 Uhr zu Hause.

 Dort wird er freudig von den Hunden der Familie empfangen. Christians Mutter zieht ihm die Jacke und die Schuhe aus und schiebt ihn ins Wohnzimmer, wo er Fernsehen gucken darf. Um 16.40 Uhr klingelt es dann an der Tür und die Krankengymnastin kommt. Mit ihr übt er das Stehen. Seine Familie hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass er irgendwann wieder laufen kann.

 Seine Schwester schnappt sich danach einen der vier Hunde, zieht Christian eine Jacke und Schuhe an und geht mit ihm in die Stadt. Sie erzählt mir, dass es für sie normal ist, dass die Leute gucken und manchmal auch einen blöden Spruch machen. Teilweise fragt sie auch einfach, ob sie irgendwelche Fragen beantworten soll, wenn sie nicht aufhören zu gaffen. Die schlimmste Situation, die sie mit ihrem Bruder erlebt hat, war, als eine Mutter ihre Kinder genommen hat und mit ihnen weggegangen ist, als ob Christians Behinderung ansteckend sei.

 Wieder zu Hause, isst die Familie zusammen Abendbrot. Danach schauen alle noch im Wohnzimmer Fernsehen, bevor sie schlafen gehen. Ich habe an diesem Tag viel gelernt. Und das Wichtigste, was ich mitgenommen habe, ist, dass Menschen mit Behinderung Respekt verdienen!

 Von Paulina Schuldt, Klasse 9b, Gymnasium Lütjenburg