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Schleswig-Holstein Die jungen Bürgerlichen kommen
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00:18 26.04.2013
Von Christian Hiersemenzel
Stadtteil mit Flair: Der Blücherplatz gehört zu den beliebten Wohngegenden. Quelle: cjue
Kiel

Das Wachstum in der Landeshauptstadt wird durch junge, urban orientierte Menschen getragen, die zu anderen Gruppen nur geringe Berührungsängste haben – sofern denn die Rahmenbedingungen stimmen.

„Stadtentwicklung bedeutet, für Zielgruppen zu planen“, sagt der Leiter im Stadtplanungsamt, Florian Gosmann. Damit Kiel auch in den nächsten Jahrzehnten für Firmenansiedlungen und qualifizierte Mitarbeiter attraktiv bleibt, sei es nötig, ein vitales, mischgenutztes Quartier zu schaffen, das für verschiedene Milieus attraktiv ist – „ein richtiges Stück Stadt“. Menschen, die ihren Wohnort nach Kiel verlegen wollen, erwarten für sich und ihre Familien demnach ein Umfeld, das ihrem Lebensgefühl entspricht. Die Frage lautet: Was will die moderne, junge Mittelschicht? „Für diese Menschen sehe ich durchaus ein Defizit.“

Um klarer durchzublicken, hatte die Stadt den Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung Vhw aus Berlin mit einer Milieustudie beauftragt: Der Begriff Sinus-Milieu ist vom Sinus-Institut rechtlich geschützt, stützt sich auf jahrzehntelange Erkenntnisse der Markt- und Sozialforschung und befasst sich mit einer Analyse von Lebenswelten.

Grob gesagt gibt es aktuell in Deutschland zehn verschiedene Milieus, von denen jedes sein eigenes Wohnprofil hat. „Das Einkommen spielt für die Wahl eines Stadtteils zwar eine Rolle, gibt aber nicht allein den Ausschlag“, stellt der Vhw-Bereichsleiter für Forschung und Consulting, Bernd Hallenberg, fest. Für das gesellschaftliche Selbstverständnis und dafür, wo jemand bevorzugt lebt, seien Bildung und Wertevorstellungen ebenso entscheidend. „Während der eine für wenig Geld eine möglichst große Wohnung sucht und sich in erster Linie am Preis orientiert, ist ein anderer bereit, sehr viel mehr Geld auszugeben und gegebenenfalls in eine kleinere Wohnung zu ziehen, dafür aber in guter Lage in einem vitalen Umfeld zu leben.“

Für Kiel erwarten die Experten in den nächsten Jahrzehnten tiefgreifende Veränderungen im sogenannten traditionellen Milieu und damit in der Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Ordnung und Pflichterfüllung sind diesen Menschen wichtig, und in Kiel leben sie vor allem in Zeilenbauten am Stadtrand – in Pries zum Beispiel, aber auch in Hassee, Ellerbek, Dietrichsdorf, Wellingdorf, Elmschenhagen und einem Teil von Mettenhof. „Da sie ihre Schwerpunkte in bestimmten Wohnsegmenten haben, ist es wichtig, sehr frühzeitig über ihre – teilweise schwierige – Nachfolge als Mieter und zum Teil Eigentümer nachzudenken“, heißt es in der Studie. Denn so brutal es auch klingen mag: In 15 Jahren wird es zumindest nach den Erkenntnissen der Experten in Kiel nicht mehr genügend Menschen geben, die sich für eine klassische Mietwohnung in Ellerbek interessieren.

Das Team um Bernd Hallenberg sagt für Kiel ein starkes Anwachsen zweier Milieus voraus: Die sogenannten adaptiven Pragmatiker, also Menschen unter 40 Jahre aus der zielstrebigen, aber konventionell-sicherheitsorientierten gesellschaftlichen Mitte, schätzen Kiel als Einkaufsstadt und legen unter anderem Wert auf gute Verkehrsanbindungen. „Junge Bürgerliche wollen anders als die Älteren urban leben – das ist für Städte ein entscheidender Aspekt“. Mit zehn Prozent ist dieses Milieu in Kiel bereits relativ stark vertreten, Tendenz steigend. Für die sogenannten Expeditiven sagen die Fachleute eine ähnliche Tendenz voraus: Dahinter verbirgt sich die gut ausgebildete Kreativszene mit in jeder Beziehung mobilen Menschen, die Abwechslung schätzen und Kultur wie Gastronomie lieben.

„Die Veränderungen in der Milieulandschaft werden durch die Veränderung der bevorzugten Lagen und Wohnformen die qualitative Seite des Wohnungsangebotes stärker berühren als die quantitative“, stellten die Experten fest. Darüber hinaus würden in größerem Umfang Wohnungen für die sozial Schwächeren benötigt, aber eben auch bezahlbare Wohnungen für die erwähnten jungen, stabilisierend wirkenden Milieus. Die jüngeren, auf ein urbanes Leben orientierten (Kreativ-)Milieus seien mit zusammen 35 Prozent überrepräsentiert. Darauf müssten Stadtplaner aufbauen.

„Kiel sollte nicht versuchen, das gesamte Spektrum an Wohnraum anzubieten“, rät Hallenberg. Es werde der Stadt nicht gelingen, die Rahmenbedingungen für jeden Geschmack zu erfüllen. Kiel könne aber vom allgemeinen Trend zum guten Leben in der Stadt mit ihrer bunten Vielfalt profitieren. „Bei den jüngeren Milieus stehen die Chancen gut, dass es Kiel gelingt, seine Attraktivität weiter zu stärken. Vielfalt ist hier durchaus möglich.“ Von allein entstehe sie allerdings nicht.

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