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Schleswig-Holstein Polizei fasst Serien-Bankräuber aus Kiel
Nachrichten Schleswig-Holstein Polizei fasst Serien-Bankräuber aus Kiel
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08:00 14.01.2019
Von Bastian Modrow
Der Kieler Bankräuber Michael J., auf dem Foto links mit Brille, auf dem Dach von Santa Fu. Am 28. Mai 1990 nutzte Michael J. einen unbeobachteten Moment, gemeinsam mit einem Komplizen - einem verurteilten Mörder - auf das Dach der Gefängniskirche zu klettern. Tagelang standen die beiden Straftäter dort und zettelten beinahe eine Revolte an: 250 Häftlinge weigerten sich, nach dem Aufschluss in ihre Zellen zurückzukehren und versammelten sich im Gefängnishof. Quelle: Andre Zand-Vakili (Archiv)
Hamburg/Kiel

Am Donnerstag vergangener Woche, kurz vor Schalterschluss um 18 Uhr, stellt Michael J. sein Fahrrad vor der Filiale der Hamburger Sparkasse (Haspa) in der Langen Reihe ab. Er zieht sich seine Kapuze über den Kopf, verdeckt sein Gesicht unter einer Sturmhaube und betritt den Schalterraum. „Unter Vorhalt einer Schusswaffe bedrohte er drei Angestellte und forderte die Herausgabe von Bargeld“, berichtet Finn Lewin von der Polizei Hamburg. Die Haspa-Mitarbeiter widersetzen sich nicht: Mit den etwa 5000 Euro, die die Angestellten aus der Kasse raffen, gibt sich der Bankräuber zufrieden. Er flüchtet aus der Sparkassen-Filiale, will mit seinem Fahrrad vom Tatort türmen. Weit kommt der Täter aber nicht: Ein Zeuge hatte durch die hell erleuchtete Fensterfront den Überfall mit angesehen und zwei Streifenbeamte, die zufällig in der Nähe waren, alarmiert. Nur wenige Meter von der Haspa-Filiale entfernt stellen sie den Räuber, der sich widerstandslos festnehmen lässt. Die Beute und die Waffe – eine tschechische CZ 83 – werden beschlagnahmt.

Einer der bekanntesten Kriminellen Norddeutschlands

Als die Beamten wenig später den Namen des Verdächtigen in den Polizeicomputer eingeben, staunen sie nicht schlecht – nicht nur wegen des Alters des Mannes. Der 70-jährige Michael J. ist einer der bekanntesten Kriminellen Norddeutschlands. Vor 34 Jahren hatte er seine erste Bank überfallen – und war bis Ende der 1980er-Jahre durch eine Eigenheit aufgefallen: Immer donnerstags, wenn die Geldinstitute bis 18 Uhr geöffnet hatten, ging er auf Beutezug. Schnell hatte der Unbekannte in den Medien einen Namen: Er war der Donnerstagsräuber.

Bereits 13 Jahre Haft

In Hamburg, Hannover und Ulm war er in Schalter- und Kassenräume gestürmt und hatte jedes Mal fette Beute gemacht. Die insgesamt 150 000 Mark verprasste er, gab das Geld unter anderem für Sportwagen aus. Doch irgendwann hatte die Polizei Glück: Sie kam Michael J. auf die Schliche, nahm ihn nach einem Banküberfall fest, an einem Donnerstag. Das Urteil: 13 Jahre Haft.

Er zettelte Revolte im Gefängnis an

Der Kriminelle machte auch hinter Gittern Schlagzeilen: Im Hamburger Gefängnis Santa Fu erwarb sich der Donnerstagsräuber bei Mitgefangenen und der Anstaltsleitung einen neuen Ruf – als „penetranter Querulant“. Er lud Reporter ein und bemängelte „unmenschliche Haftbedingungen“, stellte sich als „Gentleman-Räuber“ dar, der doch niemandem etwas zuleide getan habe. Michael J. weigerte sich schließlich, in Santa Fu zu arbeiten. Als ihm die Gefängnisleitung daraufhin den Fernseher wegnahm, eskalierte die Situation: Am 28. Mai 1990 nutzte Michael J. einen unbeobachteten Moment, um mit einem Komplizen – einem verurteilten Mörder – auf das Dach der Gefängniskirche zu klettern. Tagelang standen die beiden Straftäter dort und zettelten so eine Revolte an.

250 Häftlinge weigerten sich, nach dem Aufschluss in ihre Zellen zurückzukehren und versammelten sich im Gefängnishof. Die Bilder des Aufstands waren abends in den TV-Nachrichten zu sehen. Als mehrere Dutzend Straftäter begannen, in Santa Fu zu randalieren und Feuer zu entfachen, stürmten Spezialeinheiten der Polizei die JVA und schlugen den Aufstand nieder.

Wahrscheinlich seit 2011 rückfällig

Danach wurde es ruhig um Michael J.. Der Donnerstagsräuber geriet in Vergessenheit – in der Öffentlichkeit und bei der Polizei. 2010 wurde der damals 64-Jährige aus der Haft entlassen, in Schleswig-Holstein begann er ein neues Leben. Vermeintlich – bereits 2011, so glauben Ermittler jetzt – soll der Mann wieder rückfällig geworden sein und in einer Filiale der Haspa in der Hamburger Neustadt zugeschlagen haben. Dass sich dieser Überfall an einem Donnerstag ereignete, machte niemanden stutzig. Ebenso wenig wie der Überfall auf eine Sparkasse in der Holstenstraße in Hamburg 2017, der wieder an einem Donnerstag stattfand – aber blutig endete. Grundlos schoss der Räuber einem Bankangestellten in den Bauch. Der 45-Jährige wurde lebensgefährlich verletzt, hatte aber großes Glück. Der Täter entkam unerkannt. Parallelen zu den Raubzügen des Donnerstagsräubers zogen die Ermittler damals nicht.

Räuber lebt in Suchsdorf

Seit Donnerstag vergangener Woche ist die Polizei schlauer. Das LKA Hamburg hat den Fall übernommen. „Die Ermittler prüfen auch, ob Zusammenhänge zu anderen, zurückliegenden Banküberfällen bestehen“, sagt Behördensprecher Lewin. Laut „Hamburger Abendblatt“ bestreitet J. die Überfälle aus 2011 und 2017, hat aber dabei dieselbe Kleidung getragen wie bei seiner Festnahme. Ermittler fuhren Ende vergangener Woche auch nach Kiel. Dort lebte Michael J. seit mehreren Jahren in einem Mehrfamilienhaus im Stadtteil Suchsdorf. Zwei LKA-Ermittler durchsuchten die Wohnung des 70-Jährigen. Der sitzt seit Freitag wieder im Gefängnis. Ihm droht eine lange Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung.

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