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Schleswig-Holstein Trotz Kritik: Dänemarks Wildschweinzaun ist fast fertig
Nachrichten Schleswig-Holstein Trotz Kritik: Dänemarks Wildschweinzaun ist fast fertig
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10:24 24.11.2019
Flensburg: Zaunpfähle stehen im Waldboden. In wenigen Tagen dürfte der umstrittene Wildschweinzaun an der deutsch-dänischen Grenze fertiggestellt worden sein. Quelle: Frank Molter/Carsten Rehder/dpa/Montage: RND
Flensburg/Kopenhagen

Es ist ruhig an diesem trüben Vormittag an der deutsch-dänischen Grenze nahe Flensburg. Nur wenige Menschen sind an der Flensburger Förde und im angrenzenden Kollunder Wald unterwegs.

Ein älterer Spaziergänger aus dem nahen dänischen Krusau berichtet davon, häufiger in der Gegend unterwegs zu sein. „Heute wollte ich das hier anschauen“, sagt er und weist hinter sich. Hier, wenige Meter neben dem vor allem am Wochenende von Spaziergängern, Radfahrern und Joggern genutzten Wanderweg, stehen Arbeiter im Wald. Sie setzen Zaunpfähle in den Waldboden - einige der letzten für Dänemarks umstrittenen Grenzzaun.

„Wir wollen den Zaun am liebsten wieder entfernt sehen“

Die Dänen bauen den Zaun von der Nord- bis zur Ostsee, er soll ein 70 Kilometer langes und 1,50 Meter hohes Bollwerk zum Schutz der heimischen Schweinezucht vor der Afrikanischen Schweinepest (ASP) werden. Wohl noch Ende November soll alles fertig sein. Für viele in der Region ist und bleibt der Zaun ein Ärgernis.

„Das passt mir gar nicht“, sagt der Spaziergänger und ist damit nicht allein. Flensburgs Stadtsprecher Clemens Teschendorf sagt: „Wir wollen den Zaun am liebsten wieder entfernt sehen.“ Für einen wirksamen Schutz gegen die Schweinepest hält er ihn - wie viele andere - ohnehin nicht.

Zum Unverständnis für den sichtbaren Zaun an der ansonsten nahezu unsichtbaren Grenze haben sich in Deutschland mittlerweile aber auch ernsthafte Sorgen vor der Afrikanischen Schweinepest gesellt. In einer polnischen Region nahe der deutschen Grenze wurde der Erreger kürzlich bei toten Wildschweinen nachgewiesen. Mittlerweile gibt es dort mehr als 20 ASP-Fälle - in Deutschland bisher noch keinen.

Klicken Sie hier, um zahlreiche Fotos von den Bauarbeiten zum Wildschweinzaun zu sehen, der an der Grenze zwischen Dänemark und Deutschland entstehen soll.

Jäger, Landwirte, Förster und Spaziergänger sind gefordert

In allen deutschen Bundesländern gelte erhöhte Wachsamkeit, insbesondere aber in den an Polen grenzenden, sagt eine Sprecherin des schleswig-holsteinischen Umweltministeriums. Auch der Deutsche Jagdverband (DJV) rief zu höchster Wachsamkeit auf.

„Es ist extrem wichtig, dass Landwirte, Forstwirte, Jäger und Spaziergänger verdächtige Kadaver sowie Tiere mit Blut an Haut oder Schnauze sofort melden“, betonte DJV-Sprecher Torsten Reinwald kürzlich. „Wir wissen nicht, wo das Virus in Deutschland zuschlagen wird“, sagt er. „Es ist aber keine Frage des Ob, sondern nur noch eine des Wann.“

Polnische Wildschweine auf Ærø angespült?

Ausgerechnet in Dänemark war man bei der Überprüfung letztens inkonsequent: Auf der Insel Ærø knapp 50 Kilometer östlich von Flensburg wurden Ende Oktober innerhalb weniger Tage sieben tote Wildschweine angespült – normalerweise sind es nur ein oder zwei pro Jahr.

Die Behörden vermuteten, dass sie aus Deutschland oder Polen stammten. Auf Afrikanische Schweinepest wurden sie aber nicht getestet. Ein Fund der Schweinepest auf dänischem Boden würde einen sofortigen Exportstopp für dänische Schweineprodukte in Nicht-EU-Länder bedeuten - und dieser hat einen für Dänemark extrem wichtigen Wert von rund elf Milliarden dänischen Kronen (rund 1,5 Milliarden Euro) pro Jahr.

Video vom Mai 2019: Kritik am Wildschweinzaun

Wildschweinzaun der Liebe“ schmückt den Zaun

Warum aber ein Zaun, wenn schon angeschwemmte Wildschweine in Dänemark nicht getestet werden? „Das ist vollkommen unverständlich. Man fängt damit an, einen Wildschweinzaun zu bauen, der keinen Effekt gegen Wildschweine hat, sondern schädlich für die Natur ist“, sagte die Leiterin der Naturschutzorganisation Danmarks Naturfredningsforening, Maria Reumert Gjerding, nach Angaben der dänischen Nachrichtenagentur Ritzua nach den Ærø-Funden. „Wenn Wildschweine dann nach Dänemark kommen, werden sie nicht getestet, weil man nicht wissen will, was sie möglicherweise bei sich tragen. Das ist relativ absurd.“

Ähnlich sieht es die Aktivistengruppe „Wildschweinzaun der Liebe“, die den Zaun mit Häkelblumen und anderem schmückt. Die Logik hinter dem Verzicht auf Tests sei nicht nachvollziehbar, schrieb die Gruppe auf Instagram. „Sorry Dänemark, aber dann reißt bitte auch diesen furchtbaren Zaun ab!“

Milliarden-Verlust bei Übertragung nach Dänemark

Paradoxerweise profitiert die dänische Schweinezucht derzeit von der Afrikanischen Schweinepest: Weil diese auch in China ausgebrochen ist, steigen die Preise für Schweinefleisch - und damit Nachfrage und Einnahmen bei den dänischen Produzenten.

Gleichzeitig warnte das Online-Medium „Finans“ nach den Funden in Polen, dass eine Übertragung nach Dänemark einen Milliarden-Kronen-Verlust verursachen würde. „Der ultimative Alptraum der dänischen Landwirtschaft nähert sich jetzt mit alarmierendem Tempo“, hieß es nahezu apokalyptisch.

Das Virus stellt nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes für Menschen und andere Tiere keine Gefahr dar. Für die meisten Schweine ist der Krankheitsverlauf aber tödlich. Und der Erreger hält sich lange: in Salami 30, in Parmaschinken sogar 399 Tage. In eingefrorenem Fleisch kann er gar bis zu sechs Jahre bestehen, so der Verband.

Der Zaun

Das dänische Parlament hat entschieden, dass der Zaun gebaut wird. Er wird 70 Kilometer lang, 1,50 Meter hoch und reicht 50 Zentimeter tief in die Erde. Er soll Wildschweine daran hindern, von Schleswig-Holstein nach Dänemark zu wandern. Die Afrikanische Schweinepest (ASP) soll so nicht ins Land gelangen. Für Kleintiere werden Löcher gelassen. Baubeginn: Ende Januar (Beschluss: August 2018). Kosten: zehn Millionen Euro.

Rund zwölf Millionen Schweine (ohne Ferkel) werden in Dänemark in mehr als 3000 Betrieben gehalten. Sollte der Schweinepest-Erreger auf dänische Bestände übertragen werden, müssten alle Ausfuhren in Nicht-EU-Länder gestoppt werden. Exporteinnahmen im Wert von rund vier Milliarden Euro (davon 1,5 Milliarden außerhalb der EU) pro Jahr drohten dann wegzufallen, warnt das dänische Umwelt- und Lebensmittelministerium. Im Ranking der wichtigsten Exportgüter liegen Schweinefleisch und der Export von Schweinen (Ferkel) auf Platz zwei der Statistik. Dänemark exportiert 14 Millionen Ferkel in EU-Länder (Deutschland, Polen und Niederlande).

Die Übertragung der Schweinepest geschieht laut Friedrich-Löffler Institut nicht nur durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren. Speiseabfällen oder Schweinefleischerzeugnisse sowie andere indirekte Übertragungswege (Fahrzeuge, kontaminierte Ausrüstungsgegenstände einschließlich Jagdausrüstung, landwirtschaftlich genutzte Geräte und Maschinen, Kleidung). Die stark infizierten Gebiete liegen in Osteuropa. Deutschland ist bislang schweinepestfrei, die Ausbreitung gilt jedoch als wahrscheinlich. Für den Menschen ist die ASP ungefährlich.

Nicht Wildschweine, sondern Menschen sind das Hauptproblem

Das für Deutschland zuständige Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) in Greifswald betrachtet die Gefahr einer Einschleppung der Seuche weiter als hoch. Experten sind sich dabei einig: Nicht die Wildschweine sind das Hauptproblem, sondern der Mensch. Über weggeworfene Brote mit Wurst aus dem Fleisch infizierter Tiere sowie den Schlamm in Radkästen von Autos oder in Schuhprofilen kann das Virus in zuvor nicht betroffene Gegenden verschleppt werden.

Nach FLI-Angaben würde sich die Afrikanische Schweinepest pro Jahr nur 15 bis 20 Kilometer weiterbewegen, würde sie nur von Wildschwein zu Wildschwein übertragen. Der DJV sagt klar: „Verantwortlich für die schnelle Verbreitung der Tierkrankheit über Hunderte von Kilometern ist der Mensch.“

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Von RND/dpa

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