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Schleswig-Holstein Ex-Chef weist Vorwürfe zurück
Nachrichten Schleswig-Holstein Ex-Chef weist Vorwürfe zurück
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10:57 21.06.2019
Von Bastian Modrow
Detlef H., Angeklagter und früherer Leiter der Lübecker Außenstelle der Opferschutzorganisation Weißer Ring, soll laut Anklage bei einem Beratungsgespräch mit einer von ihm betreuten Frau unaufgefordert sein Geschlechtsteil entblößt haben.  Quelle: Daniel Bockwoldt
Lübeck

Der Fall Detlef H. hatte im Frühjahr 2018 bundesweit für Aufsehen gesorgt: Mehr als zwei Dutzend Frauen, die Hilfe beim Weißen Ring Lübeck gesucht hatten, erhoben schwere Vorwürfe gegen den Opferschützer. Die Frauen warfen ihm sexuelle Belästigungen und exhibitionistische Handlungen vor. Die Staatsanwaltschaft ermittelte zeitweise in 29 Fällen, von denen final nur der Fall der heute 41-jährigen Dora M. übrig blieb.   

Das Interesse an dem Prozess ist groß. Bereits eine Stunde vor Beginn der Verhandlung bildet sich eine Schlange vor dem Eingang. Das Publikum ist gemischt. Auf der einen Seite sind es Frauen, die ihre "Erfahrungen mit dem Herrn H." gesammelt haben, auf der anderen "Freunde" und "Weggefährten" des Angeklagten. "Der Dedel ist ein Guter, der macht so was nicht", sagt ein Prozessbeobachter jedem, der es hören will.

Eindeutige Komplimente und Belästigung

Staatsanwältin Magdalena Salska ist anderer Auffassung. Sie wirft H. in der Anklage vor, "in besonderem Maße Vertrauen missbraucht" zu haben. Konkret soll er am 12. April 2016 der hilfsbedürftigen Dora M. im Büro des Weißen Rings im Gewerkschaftshaus in Lübeck zunächst eindeutige Komplimente gemacht haben, bevor er unvermittelt sein Geschlechtsteil aus der Hose geholt hätte. Laut Anklage habe er die dreifache Mutter, die zur Tatzeit ihr viertes Kind erwartete, aufgefordert, seinen Penis zu berühren und ihre Brüste sowie ihr Geschlechtsteil zu zeigen. Er soll der Frau, die kurz zuvor Opfer häuslicher Gewalt geworden war, die Adoption ihres ungeborenen Kindes vorgeschlagen haben. Zur Linderung ihrer Geldnot soll der Opferschützer angeregt haben, in Hamburg als Prostituierte zu arbeiten.

H. sichtlich gelassen

H. verzieht während der Anklage-Verlesung keine Miene. Er sitzt ruhig, zeitweise sogar sichtlich gelassen neben seinem Verteidiger Oliver Dedow. Dass seine Version der Ereignisse ganz anders ist, überrascht keinen im Saal. Immer wieder hatte der ehemalige Pressesprecher der Polizeidirektion Lübeck im Vorfeld von einer "Schmutzkampagne" gesprochen. Den Fragen der Vorsitzenden Richterin Andrea Schulz pariert er mit eben der Professionalität, die einige Journalisten vor Ort noch aus seiner aktiven Sprecherzeit kennen. 

Man habe ein ruhiges Gespräch geführt

Er habe Dora M. helfen wollen. Darum habe er nach dem Anruf der Hilfesuchenden Mutter auch sehr schnell einen Termin ausgemacht, ihr nicht nur einen Barscheck über 250 Euro ausgestellt, sondern die Mutter nebst ihren Kindern zum Essen eingeladen. "Sie hatten Hunger", sagt der Angeklagte. Dass er zeitnah ein zweites Treffen vereinbarte, das habe einen schlichten Grund gehabt: "Bei dem ersten Treffen waren ihre drei Kinder dabei, die sehr unruhig waren und rumturnten." Als sich Opferschützer und Opfer im Gewerkschaftshaus trafen, habe man ein sehr ruhiges Gespräch geführt. Unangenehm sei - so H. - nur der Moment gewesen, als Dora M. ihn gebeten habe, er möge ihr Kontakt zu "einflussreichen und  wohlhabenden Männern"  vermitteln, um ihre Geldsorgen zu lösen. "Sie sagte, sie würde sich dann erkenntlich zeigen", behauptet H. im Prozess. Als Richterin Schulz wissen will, ob ihm dies nicht wenigstens ungewöhnlich vorgekommen wäre, antwortet H.: "Mir ist nach so vielen Jahren im Umgang mit Menschen nichts mehr fremd."

Sind geliehene Umzugskartons der Grund?

Warum sollte sich Frau M. die Vorwürfe ausdenken, fragt die Vorsitzende. "Ich habe keine Erklärung, ich denke, sie war wütend", antwortet H.. Wütend, weil der Opferschützer ausgeliehene Umzugskartons von der gelernten Dolmetscherin zurückgefordert hatte?

41-Jährige ist sichtlich nervös

Als am Mittag Dora M., die mit ihrem Anwalt auch als Nebenklägerin auftritt, den Saal betritt, verfinstert sich der Blick des Angeklagten spürbar. Er mustert die 41-Jährige, die mit ihrer neuen Betreuerin von Weißen Ring im Zeugenstand Platz nimmt, kritisch. Die Frau ist sichtlich nervös, schildert erneut, was sich an besagtem Abend im Gewerkschaftshaus ereignet haben soll. Warum sie trotz des Vorfalls noch mehrere Wochen mit H. Kontakt gehabt habe, will Richterin Schulz wissen. "Er hat sich entschuldigt und gesagt, er habe sich an dem Abend nicht im Griff gehabt", sagt Dora M.. Verteidiger Dedow will wissen, warum sie nicht schon früher Anzeige erstattet habe. 

Eine Frage, um die es am Freitag unter anderem gehen wird. Von entscheidender Bedeutung für den weiteren Verlauf des Prozesses dürfte das Gutachten der externen Diplom-Psychologin Gabriele Reichert zur Glaubwürdigkeit der Zeugin werden.    

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