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Schleswig-Holstein "Abiturienten in Schleswig-Holstein sind benachteiligt"
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14:13 06.03.2020
Von Christian Hiersemenzel
Von einer Vergleichbarkeit des Abiturs seien die Bundesländer meilenweit entfernt, stellt Mathias Brodkorb fest. Er fordert radikale Konsequenzen: „Wir brauchen ein Deutschland-Abitur.“  Quelle: Armin Weigel/dpa
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Kiel

Brodkorb, ehemals im Kabinett von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), und die Rostocker Professorin Katja Koch hatten zahlreiche Studien ausgewertet. Demnach liegen Schleswig-Holsteins Neuntklässler in den meisten Fächern im Mittel-, in einigen im Spitzenfeld und bekommt auf einer Skala von 1 (Spitze) bis 3 (Schlussfeld) genau 1,83 sogenannte Leistungsrangpunkte. Zwar rangieren Länder wie Hamburg und Hessen mit 2,46 und 2,79 Leistungsrangpunkten weit dahinter. Trotzdem sind deren Abi-Durchschnittsnoten mit 2,41 und 2,39 besser als in Schleswig-Holstein mit 2,55.

So wurde gemessen

Das „Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen“ (IQB) ließ 2015 und 2018 in den neunten Klassen der Gymnasien in Mathematik, Deutsch, Englisch, Physik, Chemie und Biologie Vergleichsarbeiten schreiben und vergab dafür pro Fach und Land Punkte. Ein Bundesländer-Ranking von 1 bis 16 lehnt Brodkorb ab, es sei statistisch zu ungenau. Er teilt die Länder stattdessen pro Fach in eine Spitzengruppe, eine Mittel- und eine Schlussgruppe ein. Für einen Platz in der Spitzengruppe gibt es einen Punkt, in der Mittelgruppe zwei und in der Schlussgruppe drei Punkte.

Die Gesamtzahl wird dann durch die Zahl der Fächer geteilt und ergibt als Quotient die „Leistungsrangpunkte“. Weil Bayerns Schüler in allen Fächern zur Spitzengruppe gehören, bekommt Bayern die Wertung 1,0. Diese Werte setzt Brodkorb dann in Beziehung zur Abitur-Durchschnittsnote.

Brodkorb spricht von Leistungsverfall an deutschen Gymnasien

Mit dieser Note aber, sagt Brodkorb, müssten sich junge Menschen an den Unis bewerben. Als Grund für diesen „Abiturbetrug“ macht der Ex-Minister einen Leistungsverfall an den Gymnasien anderer Länder aus – unter anderem, weil dort zu viele Schüler Abitur machten. In Hamburg etwa seien es 54,8 Prozent, in Schleswig-Holstein nur 41,6 Prozent. Diese hohe Quote werde mit einer Absenkung der Anforderungen erkauft.

Das ist Mathias Brodkorb

Mathias Brodkorb (42, SPD) war von 2011 bis 2016 Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur, von 2016 bis 2019 Finanzminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Bekannt wurde er mit Aktivitäten in der Hochschulpolitik und der Bekämpfung des Rechtsextremismus.

Gemeinsam mit Katja Koch (Professorin für Sonderpädagogik an der Universität Rostock) hat er nun das Buch „Der Abiturbetrug. Vom Scheitern des deutschen Bildungsföderalismus. Eine Streitschrift.“ geschrieben, die im zu Klampen Verlag erschienen ist. ISBN 9783866746169; 16,00 Euro.

Brodkorb – er legte sein Abitur 1997 in Rostock mit 1,0 ab – fordert radikale Konsequenzen: „Wir brauchen ein Deutschland-Abitur.“ Nur wenn alle Schüler das gleiche Abitur machten, gebe es endlich Leistungsgerechtigkeit. Auch müssten die Anforderungen im Abitur generell angehoben werden, und die Quote der Absolventen sei zu senken. „Wer Versicherungskaufmann werden will, braucht kein Abitur zu machen.“

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Widerspruch von GEW und SPD-Landtagsfraktion

Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft stößt er damit auf Widerspruch. „Das Deutschland-Abi ist ein Hirngespinst“, sagt Geschäftsführer Bernd Schauer. Dafür seien die Bedingungen von Schule zu Schule zu verschieden. Auch der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Habersaat will an der Zuständigkeit der Länder fürs Abi festhalten. Ein Bundesschulministerium wäre für mehr als 30.000 Schulen zuständig. „Ich glaube nicht, dass so eine Riesenbehörde für Innovation und modernen Unterricht sorgen könnte.“

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Bildungsministerin Prien weist Betrugsvorwurf zurück

Auf Zustimmung stößt Brodkorb beim Philologenverband. „Eine höhere Vergleichbarkeit der Abitur-Abschlüsse in Deutschland ist tatsächlich nötig“, sagt Landeschef Jens Finger. Bildungsministerin Karin Prien (CDU) wies den Vorwurf zurück, wonach Schüler um Noten und Zukunftschancen betrogen würden. Allerdings forderte auch sie mehr Vergleichbarkeit und einheitliche Qualitätsstandards.

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