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Schleswig-Holstein Das Lebensmittel als Medikament
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07:00 14.03.2016
Von Christian Trutschel
Er wies mit seiner Arbeitsgruppe im Kieler Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin nach, dass bei schwer Fettleibigen entzündliche Prozesse in der Hirnregion für Appetit- und Sättigungsregulation ablaufen – nicht aber bei Normalgewichtigen: Prof. Dr. med. Matthias Laudes. Können spezifische, eigens entwickelte Nährlösungen die Entzündungen stoppen? Dazu laufen jetzt die klinischen Studien. Quelle: Frank Peter
Kiel

Diese Auffälligkeit kann sogar ein Nicht-Mediziner gut erkennen. Matthias Laudes zeigt auf ein wenige Zentimeter großes Areal, orange leuchtend, im Gehirn eines Menschen. Genauer: in der mit der funktionellen Magnetresonanz-Tomographie entstandenen Aufsicht-Querschnitt-Aufnahme des Gehirns eines stark übergewichtigen Menschen. Das orange gefärbte Areal bedeutet: Achtung! Entzündung.

In diesem Zentrum liegt zwar der Schwerpunkt auf der Behandlung bereits eingetretener chronisch-entzündlicher Erkrankungen. Doch hier wird auch schon die Medizin von morgen gestaltet, in der es nach den Vorstellungen der heute Forschenden möglich sein wird, identifizierten Risikopatienten je nach Stadium ihrer chronischen Entzündung mit präventiven und intervenierenden Maßnahmen zu helfen. „Jeder von uns wird irgendwann chronisch krank“, sagt Prof. Dr. med. Stefan Schreiber, Direktor der Klinik für Innere Medizin I (Gastroenterologie, Hepatologie, Ernährungs- und Altersmedizin). „Unser Ziel ist es, das Leben von chronisch Kranken und älteren Menschen besser zu machen.“

Laudes steht auf Focus-Ärzteliste

Prof. Dr. med. Matthias Laudes, Oberarzt an der Klinik für Innere Medizin I, ist Endokrinologe, Rheumatologe, Diabetologe, 43 Jahre alt und Bereichsleiter Ernährungs- und Stoffwechselmedizin im Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin. 2015 stand er auf der Focus-Ärzteliste als einer der besten Ernährungsmediziner Deutschlands. Es gehört zum Kerngedanken eines vom Bund (mit 75 Prozent) und dem jeweiligen Bundesland (mit 25 Prozent) geförderten Exzellenzclusters (43 gibt es in Deutschland, zwei davon in Kiel: „Inflammation at Interfaces/Entzündungsforschung“ und „Future Ocean/Ozean der Zukunft“), die Besten ihres Faches in den Cluster zu holen und dort optimale Bedingungen zu schaffen für ihre Forschung im Verbund. „Wir erforschen“, sagt Laudes, „wie man in Bezug auf Ernährung bei Menschen mit Risiken für chronisch-entzündliche Erkrankungen verhindern kann, dass sich die Erkrankung manifestiert.“ Das wäre die Vorbeugung. Der andere Bereich betrifft die heilsame Einmischung, die Intervention. Man wisse, dass jede chronische Entzündung das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhe. „Eine große britische Studie zeigte sehr deutlich, dass die rheumatoide Arthritis das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle stärker erhöht als ein Diabetes“. Also forsche man nun daran, gezielt den Stoffwechsel von Patienten so zu beeinflussen, dass deren Herz-Kreislauf-Erkrankungsrisiko sinkt.

NutriSysNorth ist eine für diese Zwecke geschaffene, reine Studien-Plattform, „für die wir das, was es nur an Kliniken wie dieser gibt, nutzen, um zu sehen, wo Ernährungseffekte sich abspielen könnten“. In einer Studiengruppe von insgesamt 100 Teilnehmern – 50 hatten einen Body Mass Index (BMI) um die 20 (ca. 62 kg Körpergewicht bei 1,75 Meter Körpergröße), die anderen 50 hatten einen BMI um 40 (ca. 122 kg/ 1,75 m) – „konnten wir zeigen“, so Laudes, „dass diejenigen mit einem BMI um 40 Entzündungsreaktionen im Hypothalamus, also der für Appetit- und Sättigungsregulation zuständigen Gehirnregion, aufweisen. Die mit einem BMI um 20 nicht – der Unterschied ist ganz klar.“ Was voraussetzt, dass – wie beim UKSH – die relativ teure funktionelle Magnetresonanz-Tomographie (fMRT) zur Verfügung steht und eine gute Zusammenarbeit mit der Klinik für Neuroradiologie etabliert ist. Über eine Blutabnahme lässt sich ein solcher Befund nicht erheben.

„Die Frage ist nun“, so Laudes, „ob die chronische Entzündung im Hypothalamus wieder rückführbar ist. Dazu läuft jetzt die Studie mit den 50 Teilnehmern mit einem BMI um 40. Diese werden mit bestimmten Nährstoffen substituiert.“ Welche das sind, „dazu können wir nichts sagen. Da gibt es ein Patentverfahren. Es sind spezielle Mikronährstoffe, die an bestimmten Stellen im Darm freigesetzt werden.“ Eine weitere Untersuchung geht der Frage nach, ob eine operative Magenverkleinerung bei fettleibigen Patienten zu einer Verminderung der Entzündungsreaktion im Gehirn führt.

Funktionell könnte Trinknahrung sein

„Wir bieten das auch für Firmen an“, sagt Matthias Laudes. Im Rahmen einer Auftragsstudie für die Industrie, bei der zwei unterschiedlich definierte Gruppen von Studienteilnehmern den gleichen Ernährungsdrink bekommen. An isolierten Zellen aus dem Blut der Teilnehmer wird dann untersucht, ob Omega-3-Fettsäuren in einer künstlichen Nährlösung positive Effekte zeigen. „Das ist der Vorteil eines großen Standorts. Kleinere Lebensmittelinstitute haben nicht die Ausstattung – fMRT und die Möglichkeit, Entzündungszellen aus dem Blut zu isolieren.“ Kann man diese – geheimen – Mikronährstoffe als Nahrungsergänzungsmittel bezeichnen? „Nein. Es sind Nahrungsbestandteile. Die Idee ist, bestimmte Nährstoffe in angereicherter Form zu geben, die dann anti-entzündlich wirken.“ Im Exzellenzzentrum werde derzeit untersucht, wie sich „Nährstoffe, die technologisch so verändert wurden, dass sie erst im Dickdarm dem Körper zur Verfügung stehen, das Mikrobiom, also die Gesamtmenge der Darmbakterien, günstig beeinflussen. Denn viele Patienten mit chronischen Entzündungen, zum Beispiel mit rheumatoider Arthritis, aber auch Übergewichtige, haben eine veränderte Zusammensetzung ihrer Darmbakterien.“ Seit Jahrzehnten versuchten viele, mit Probiotika die Darmflora günstig zu beeinflussen. Das Problem dabei: Alles, was wir zu uns nehmen, wird schon auf dem weiten Weg durch den Dünndarm in irgendeiner Weise verändert. Doch nur im daran anschließenden Dickdarm sitzen die Bakterien – im Dünndarm gibt es so gut wie keine. „Die Frage ist also: Kommt das überhaupt dorthin, wo es gebraucht wird?“ Die Verfahren zur Gestaltung von Lebensmitteln, deren Mikronährstoffe erst dort wirken, wo sie wirken sollen, nämlich im Dickdarm, beschreibt Laudes als „sehr, sehr aufwendig“. Das Ergebnis – letztlich funktionelle Lebensmittel mit einem gemäß der EU-Health-Claims-Verordnung tatsächlich nachgewiesenen und wissenschaftlich belegten gesundheitsfördernden Nutzen – könnte eine Trinknahrung sein. „Denn die Lebensmittel selbst erzeugen die günstigen Effekte – besser als Nahrungsergänzungsmittel.“

Und selbst? Nimmt der Ernährungsmediziner Nahrungsergänzungsmittel? „Ja. Ein einziges. Vitamin D. Weil Vitamin-D-Mangel sehr, sehr häufig ist.“ Aber es reichen doch, je nach Sonnenscheinintensität und Alter der Haut, zehn bis 30 Minuten täglicher Aufenthalt im Freien, dann bildet die menschliche Haut Vitamin D selbst. „Welche Rasiercreme nehmen Sie?“ erwidert Laudes. „Nivea.“ „Dann bildet Ihre Haut das Vitamin D nicht mehr in ausreichender Menge. Den meisten Kosmetikprodukten ist ein Lichtschutzfaktor beigefügt, und schon ein Lichtschutzfaktor von 2, 3 oder 4 reicht aus, um die Vitamin-D-Synthese der Haut zu blocken. Wenn man solche Produkte verwendet, sollte man Vitamin D substituieren. Und dabei, weil es ein fettlösliches Vitamin ist, die empfohlene Menge von 800 bis 1000 Einheiten pro Tag nicht überschreiten.“ Eine gute Ernährungsberaterin könne herausrechnen, wie viel Vitamin D man schon mit der normalen Ernährung zuführe.

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