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Schleswig-Holstein Mittendrin trotz Krebs: Max aus Flintbek besucht seine Klasse per Avatar
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Flintbek: Wie der krebskranke Max seine Klasse per Avatar besucht

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15:13 17.12.2021
Von Jonas Bickel
Max Ertelt (12) aus Flintbek hat eine schwere Krebserkrankung. Mithilfe eines Avatars kann er aber trotzdem am Schulunterricht teilnehmen – Zoe Hartmann und Elias Schwarz passen auf den Avatar auf.
Max Ertelt (12) aus Flintbek hat eine schwere Krebserkrankung. Mithilfe eines Avatars kann er aber trotzdem am Schulunterricht teilnehmen – Zoe Hartmann und Elias Schwarz passen auf den Avatar auf. Quelle: Ulf Dahl
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Flintbek

„Max, dein Kopf leuchtet blau!“ „Oh ja, stimmt“, antwortet Max Ertelt, ein zwölfjähriger Junge aus Flintbek. Schnell drückt er auf einen Knopf auf seinem Tablet. Der Kopf seines Stellvertreters, einem sogenannten Avatar in der Größe eines Teddybären, ist wieder weiß.

Dieser Roboter sitzt für Max in der 6. Klasse der Schule am Eiderwald in Flintbek. Max kann dort aktuell nicht sein, er ist an Krebs erkrankt. Und doch ist er da, kann sich umschauen, hören, sprechen. Von zu Hause aus ist er per Mobilfunk mit dem Avatar verbunden.

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Seit September bedient Max einen von fünf Avataren in Schleswig-Holstein. Ziel des innovativen Projekts ist es, krebskranken Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen – trotz schwachen Immunsystems oder schlechter körperlicher Verfassung. Ein Stück Normalität, Kontakt zu Klassenkameraden, weg von der Isolation.

Krebsgesellschaft holte Avatare 2018 nach Schleswig-Holstein

Die Avatare wurden im Sommer 2018 von der Schleswig-Holsteinischen Krebsgesellschaft ins Land geholt, finanziert von der Techniker Krankenkasse. Seit Mitte 2019 sitzen die Roboter auch in Schulklassen. Das Projekt wird vom Bildungsministerium und der Landesdatenschutzbehörde begleitet.

Max Ertelt verfolgt den Unterricht über seinen Avatar von zu Hause aus. Quelle: Ulf Dahl

Montagmorgen. Max sitzt vor seinem Tablet im Wohnzimmer und blickt sich durch die Augen des Avatars im Klassenzimmer um. Er kann den Kopf des Avatars um 360 Grad drehen, nach oben und unten schauen. Seine Mitschüler sehen so auch, wenn Max sie anschaut. Der kurzzeitig blaue Kopf? Ein Versehen. Damit kann Max anzeigen, wenn er zu müde ist, um aufmerksam dem Geschehen zu folgen.

2019 wurde bei Max aus Flintbek ein Hirntumor entdeckt

Aber Max ist nicht müde. Er ist gut gelaunt, redet über den eingebauten Lautsprecher mit seinen Klassenkameraden, klickt auf ein Emoji auf seinem Bildschirm und lässt den Avatar dadurch lächeln. Auch wenn Max zu Hause sitzt – er ist dennoch mittendrin.

Mehr Avatare für Schleswig-Holstein geplant

Fünf Avatare der norwegischen Herstellerfirma No Isolation gibt es aktuell in Schleswig-Holstein. Sie werden regelmäßig verliehen, aktuell sind die Avatare auf Sylt, in Norderstedt, Itzehoe, Lübeck und Flintbek im Einsatz. Zwei weitere sind angefragt für eine Ausleihe. Ziel der Krebsgesellschaft ist es, nächstes Jahr mithilfe von Spenden drei neue Avatare zu kaufen, um dann acht statt bisher fünf Avatare zu verleihen.

Ein Avatar kostet etwa 3000 Euro und dann zusätzlich monatlich 65 Euro für das unbegrenzte Datenvolumen und den technischen Support, die Versicherung und eine mögliche Reparatur.

Dass Max aktuell nicht persönlich in der Schule sein kann, liegt an seiner Krebserkrankung. Wenn Max von seiner Krankheit erzählt, von dem, was er in den letzten zwei Jahren durchgestanden hat, bleibt er locker. „Mir macht es nichts aus, darüber zu sprechen“, sagt er und man glaubt ihm. Und das, obwohl sich für Max kurz vor Weihnachten 2019 alles ändert. Eben ist er noch ein scheinbar kerngesunder Junge, der gerade bei einem Freund spielt. Dann schmerzt sein Kopf so unerträglich, dass er nicht mehr ansprechbar ist. „Vernichtungskopfschmerzen“ nennt Max das.

Max muss weitere Operationen durchstehen

Er wird vom Rettungsdienst ins Krankenhaus gefahren, seine Mutter Aline Siemen ist die ganze Zeit an seiner Seite. Hat Max nur eine starke Migräne? Nein. Das stellt sich 26 Stunden später bei einem MRT heraus. Aline Siemen kann sich noch genau an die Worte des Neurochirurgen erinnern, als dieser plötzlich vor ihr stand: „Ihr Sohn ist in Lebensgefahr, er muss sofort operiert werden.“

So können Sie spenden

Der Verein KN hilft ruft in diesem Jahr zu einer Spendensammlung für die Krebsgesellschaft Schleswig-Holstein im Verbreitungsgebiet der Kieler Nachrichten und der Segeberger Zeitung auf. Dafür ist das Spendenkonto – Stichwort Gutes tun im Advent – bei der Förde Sparkasse eingerichtet: DE 05 2105 0170 1400 2620 00. Möchten Sie nicht, dass Sie als Spender in der Zeitung erwähnt werden, schreiben Sie bitte hinter den Verwendungszweck „kein Name“. Möchten Sie eine Spendenbescheinigung, vermerken Sie bitte „Spendenbescheinigung“ und Ihre Adresse. Alle Spenden, die bis Ende des Jahres für „Gutes tun im Advent“ auf dem Konto eingehen, werden an die Krebsgesellschaft Schleswig-Holstein überwiesen. Damit werden zusätzliche Hilfen für von Krebs betroffene Familien finanziert.

Die Ärzte entdecken eine Blutung im Kopf, darunter einen großen, bösartigen Tumor. Die Operation verläuft gut. Ein Glück. Und trotzdem geht es immer weiter. Chemotherapie, Bestrahlung, eine weitere Operation, wieder Chemo. Zwischendurch kann Max auch wieder in die Schule, im Sommer dieses Jahres steht eigentlich die Reha im Schwarzwald an.

Mitschüler können Max über nicht persönlich sehen

Doch bei der Kontrolluntersuchung werden die Ärzte erneut fündig. Der Krebs hat gestreut, auch im Rücken ist etwas, immerhin in einem frühen Stadium. Es folgt die nächste Operation. Mittlerweile ist Max wieder ziemlich fit. Medikamente muss er trotzdem noch nehmen. „Die Angst“, sagt seine Mutter, „ist ein täglicher Begleiter.“

Die Schulstunde ist fast vorbei. Max verabschiedet sich von seiner Klasse, ruft „tschüss“ und winkt. Winken? „Das ist mir jetzt schon wieder passiert“, sagt Max und lacht. Während er seine Mitschüler sehen kann, sehen diese ja nur den Avatar. Wenn Max vor seinem Bildschirm winkt, sieht das keiner. „Da muss ich mich noch dran gewöhnen“, sagt Max.

Zusätzlicher Unterricht durch zwei Lehrerinnen

Zwei- bis dreimal in der Woche schaltet sich Max mit seinem Avatar dazu, meistens für eine oder zwei Schulstunden. Dabei geht es zwar auch um den Lernstoff. Aber vor allem darum, dabei zu sein, Kontakte zu pflegen. Unterrichtet wird Max zusätzlich zu Hause. Zwei Lehrerinnen kommen dafür regelmäßig vorbei.

Der Avatar von Max ist Teil der 6. Klasse an der Schule am Eiderwald in Flintbek. Quelle: Ulf Dahl

„Der Avatar ist wirklich eine tolle Sache“, sagt Aline Siemen. Max nickt. Möglich gemacht von der Krebsgesellschaft, die unter anderem einen Großteil der Organisation übernimmt, den Kindern und der Schule erklärt, wie genau der Avatar funktioniert.

Schule in Flintbek unterstützt das Avatar-Projekt

Doch das ist nur der eine Teil. Aus Datenschutzgründen mussten alle Eltern in der Klasse von Max zustimmen, dass ein Schüler den Unterricht von zu Hause aus verfolgen darf. „Das ging sehr schnell“, sagt Siemen. Dazu kommt Klassenlehrer Michel Kaesler, der das Projekt mit viel Engagement unterstützt. Und nicht zuletzt zwei Mitschüler, die den Avatar mit in den Unterricht nehmen, auf ihn aufpassen und ihn aufladen.

Im Januar fährt Max in den Schwarzwald zur Reha. Dann ist er weit weg von seiner Schule und trotzdem ganz nah. Denn der Avatar bleibt in Flintbek – und wird durch Max vielleicht auch von Baden-Württemberg aus zum Lächeln gebracht.