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Schleswig-Holstein Aus den Fehlern in Boostedt gelernt
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19:23 10.08.2019
Von Bastian Modrow
„Ich fühle mich wie ein Herbergsvater“, sagt Delf Stummeyer (49), Leiter der Landesunterkunft für Flüchtlinge in Rendsburg. Quelle: Ulf Dahl
Rendsburg/Boostedt

Als Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) das Gelände im Februar dieses Jahres wieder öffnen ließ, ging es vor allem darum, die Konflikte in und um die Landesunterkunft in Boostedt zu entschärfen. Die Rechnung geht auf: In der Gemeinde im Kreis Segeberg hat sich die Stimmung spürbar entspannt.

Viele Familien leben in der Unterkunft

„Wichtig ist, den Menschen, die hier leben, Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung zu zeigen“, sagt Delf Stummeyer. Er ist der Leiter der Unterkunft, fühlt sich selbst aber mehr als „eine Art Herbergsvater“. Er ist spürbar stolz auf seine Landesunterkunft, in der aktuell 436 Flüchtlinge leben. Ein Viertel davon sind alleinstehende junge Männer, der Rest Familien, überwiegend aus Afghanistan, Nigeria und Russland. Der Anteil von Kindern ist hoch: 110 sind es zurzeit.

Knapp 500 Menschen leben zurzeit in der Flüchtlingsunterkunft Rendsburg. Die Polizei nennt die Stimmung entspannt. Der Leitung ist es wichtig, dass die Zuwanderer ein umfangreiches Freizeitprogramm nutzen können.

„Für diese Menschen hat unser Betreuungsverein ein umfangreiches Programm konzipiert“, berichtet der 49-Jährige und zählt exemplarisch Kochprojekte, Fitnesskurse und die Kinderspielstube auf. Es gibt eine alte Bundeswehr-Halle, in der die Migranten Billard oder Tischfußball spielen können. Die LUK-eigene Holzwerkstatt hat Blumenkästen für das gesamte Areal gezimmert. Die bunten Rahmen und Stauden bringen ein wenig Farbe in den Container-Alltag. 

Freizeitangebot verhindert Konflikte

Stummeyer weiß: Je größer die Langeweile der Bewohner ist, umso größer ist die Gefahr, dass es zu „Alltagsproblemen“ mit der Bevölkerung im Ort kommt. „So wie in Boostedt, wo sich Bürger über das Herumsitzen von Flüchtlingen, den Konsum von Alkohol oder das Nicht-zur-Seite-gehen beschwerten, wenn ihnen Mütter mit Kinderwagen entgegenkamen“, berichtet der Mitarbeiter des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten. Solche Konflikte will er verhindern – ebenso wie das rein subjektive Unsicherheitsgefühl von Bürgern, wenn Migranten sich an WLAN-Hotspots tummeln.

Auch hier hat das Land aus dem Fall Boostedt gelernt. „Wir haben sechs leistungsstarke Hotspots auf dem Gelände. Kommt es da mal zu Ausfällen, werden diese mit höchster Priorität behoben“, erläutert Stummeyer. Er hat großes Verständnis: „Fast jeder hat ein Smartphone und nutzt es, um Kontakt in die Heimat zu halten. Das ist sehr wichtig.“

Nur 14 Straftaten in sechs Monaten

All das scheint seine gewünschte Wirkung nicht zu verfehlen. „Streifen sind hier eher wie Spaziergänge. Die Stimmung ist entspannt“, sagt Thorsten Stamp. Der 51-Jährige ist Revierleiter der Polizei in der LUK. Gerade einmal 14 Straftaten habe es seit der Wiedereröffnung im Februar gegeben, vorwiegend kleinere Delikte wie Diebstähle oder Sachbeschädigungen. Lediglich in der vergangenen Woche habe es eine größere Schlägerei um ein Handy gegeben, bei der weitere Kollegen zur Unterstützung geholt werden mussten. „Ansonsten sind wir hier mit fünf Kollegen in der LUK im Einsatz“, sagt der 51-Jährige. Das sei ausreichend.

Polizei setzt auf offensive Informationspolitik

Anders als in Boostedt reiche es hier auch aus, wochentags Präsenz zu zeigen. An den Wochenenden übernehmen bei Bedarf die Einsatzkräfte der Rendsburger Reviere. Rund um die Uhr sei aber immer ein Sicherheitsdienst vor Ort. Gelernt hat aber auch die Polizei, wenn es um ihre Informationspolitik geht: „Wir gehen offensiv mit relevanten Ereignissen um, jede Pressemitteilung geht auch unmittelbar an den Bürgermeister“, sagt Behördensprecher Sönke Hinrichs.

Mit der Wiedereröffnung der LUK Rendsburg ist auch in Boostedt deutlich mehr Ruhe eingekehrt. Die Zahl der Flüchtlinge ist dort deutlich von 1300 im Juli 2018 auf 580 gesunken. In Neumünster leben zurzeit knapp 570 Migranten. Trotz der positiven Entwicklung ist die Zukunft der LUK Rendsburg ungewiss: Ende 2019 will das Innenministerium prüfen, wie und ob es angesichts landesweit sinkender Flüchtlingszahlen weitergeht. 

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