Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Schleswig-Holstein Ohne Wende drohen gewaltsame Umbrüche
Nachrichten Schleswig-Holstein Ohne Wende drohen gewaltsame Umbrüche
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:00 09.05.2019
Von Heike Stüben
Matthias Glaubrecht lehrt als Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg. Er fordert eine Wende zu nachhaltigem Wirtschaften und nachhaltigem Lebensstil. Quelle: UHH / Sukhina
Hamburg

Sie beklagen einen katastrophalen Artenschwund. In der Evolution sind schon immer Arten ausgestorben und andere entstanden. Was ist das Außergewöhnliche an der heutigen Situation?

Matthias Glaubrecht: Das Besondere ist, dass wir – wenn wir jetzt nicht gegensteuern – am Ende der Evolution sind. Unsere Situation ist kaum vergleichbar mit dem letzten Massensterben vor 66 Millionen Jahren, das auch das Ende der Dinosaurier gebracht hat. Damals sind durch ein extraterrestrisches Ereignis – einen Meteoriteneinschlag – knapp 85 Prozent des Lebens ausgelöscht worden. Wir sind heute erstmals in der Geschichte des Planeten dabei, solch ein Massensterben von Menschenhand zu bewerkstelligen. Und das geht sehr, sehr schnell und greift in sehr viele Arten ein. Der Bericht des Weltbiodiversitätsrats hat gerade gezeigt, dass bis zu einer Million Tierarten kurz- oder mittelfristig bedroht sind.

Was antworten Sie denen, die sagen: „Wenn einzelnen Arten aussterben, macht das nichts. Die Natur regelt das schon.“?

Das sind Anthropozän-Enthusiasten, vergleichbar mit Leuten, die in einem Auto mit 130 Kilometern pro Stunde auf einen Baum zurasen und darüber reden, wie morgen wohl das Wetter sein wird. Diese Leute ignorieren fundamentale Zusammenhänge, und wir sollten unser Schicksal nicht in die Hand solcher Fahrer legen.

Weil es nicht nur um die Zukunft von Nashorn und Elefanten geht?

Ja, diese Leute verkennen, dass es um das Auslöschen eines Großteils der Evolutionsprodukte geht. Wir haben inzwischen im Freiland weniger Tiger als wir in Zoos und Zirkussen halten. Aber wir müssen gar nicht nach Afrika schauen – denken Sie an die Feldlerche. Die Bestände der Tiere nehmen dramatisch ab. Und da reden wir nicht nur über die Wirbeltiere, sondern vor allem über die Wirbellosen, die wir kaum auf dem Schirm haben.

Wie viele Arten gibt es denn überhaupt?

Ermittelt hat das noch niemand genau, weil es keine einheitliche Datenbank gibt. Wir haben etwa 1,8 Millionen Pflanzen- und Tierarten in den letzten 250 Jahren systematisch erfasst und beschrieben. Aber wir rechnen an Land mit insgesamt sechs Millionen Arten und in den Ozeanen mit nochmals zwei Millionen inklusive der Pflanzen und Pilze. Das heißt, der Großteil der Arten ist wissenschaftlich noch gar nicht erfasst.

Wie wirkt das Artensterben auf das Ökosystem Erde?

Nach allem, was wir wissen, greifen alle Arten wie die Maschen eines großen Netzes ineinander. Je mehr Maschen wir herausnehmen, desto eher zerreißen diese Netze. Wie bei einem Fass, das Sie mit einem Tropfen zum Überlaufen bringen, sehen Sie sehr lange gar nichts. Und dann gibt es plötzlich heftige Reaktionen, das Netz wird brüchig und zerreißt irgendwann. Das gilt es zu verhindern.

Bedroht das Artensterben auch unser Überleben?

Die Tiere und Pflanzen sind wichtig für das Funktionieren der Ökosysteme. Wir gehen davon aus, dass alle diese Arten eine Funktion haben. Damit sind aber auch wir unmittelbar betroffen. Wenn Sie auf dem Gemüsemarkt Tomaten kaufen, dann brauchen Sie Hummeln als Bestäuber oder Sie müssen aufwendig von Hand bestäuben. Auch eine Apfelblüte braucht die Bestäubung durch Insekten. Wenn wir all diese Arten vernichten, ihnen den Lebensraum nehmen, werden wir diese Lebensmittel nicht mehr zur Verfügung haben. Andere Arten sorgen für sauberes Wasser, saubere Luft und gesunde Böden. Pflanzen und Tiere sind Ökosystemdienstleister, die für uns unentgeltlich arbeiten. Und wir schaffen sie gerade ab, obwohl sie unsere Lebensversicherung sind. Es ist vielleicht die größte Dummheit der Menschheit, dass sie das bisher nicht erkannt hat.

Beim Klimawandel erkennen wir das langsam.

Ja, aber beim Artensterben ist das noch dringender als beim Klimawandel. Denn eine Temperaturkurve können Sie mit Anstrengungen vielleicht wieder in eine andere Richtung bewegen. Aber Arten, die aussterben, die sind weg. Wir laufen also Gefahr, dass wir diesmal selbst das Ende der Evolution verursachen. Das Leben wird auf der Erde damit nicht aufhören. Aber die Menschen werden das möglicherweise nicht mehr erleben. Wenn sich Milliarden von Menschen gegenseitig ihrer Lebensgrundlage beraubt haben, dann wird das ein Prozess, den wohl keiner von uns miterleben möchte.

Hilft Artenvielfalt, um den Klimawandel besser zu bewältigen?

Biodiversität bedeutet ja nicht nur Vielfalt der Arten, sondern auch Vielfalt der Lebensräume und genetische Varianz, also die Vielfalt der Variation innerhalb einer Art. Wenn Getreidepflanzen und viele andere Lebensmittel unter anderen Klimabedingungen wachsen sollen, dann brauchen wir Varianten dieser Pflanzen. Wenn wir große Teilbestände vernichten, schränken wir auch die Möglichkeit ein, solche Varianten zu finden, die sich klimatisch besser anpassen können. Es geht also nicht nur um das Artensterben. Wir dürfen auch die Bestände und die Verbreitung der Arten und Artengemeinschaften nicht immer weiter beschneiden. 

Was muss Ihrer Meinung nach jetzt passieren?

Wir müssen uns klar machen, dass wir eine dominierende Art sind und dass wir Opfer unseres eigenen evolutiven Erfolges werden, wenn wir unsere Ressourcen weiter so ausbeuten. Wenn wir die Regenwälder wie in den letzten Jahrzehnten dezimieren, werden wir einen Großteil dieser Artenvielfalt, bedeutende CO2-Speicher und viele Potenziale für Arzneimittel verlieren. Wir plündern die Meere – 80 Prozent sind inzwischen überfischt. Wir müssen an allen Ecken und Enden das Prinzip von nachhaltigem Wirtschaften einführen. Wir dürfen nicht weiter auf Kosten unserer Kinder und Enkelkinder biologisches Kapital von unseren Konten abheben. Es wird kein ewiges Wachstum geben. Wir müssen endlich mit unseren Ressourcen haushalten.

Sind Sie optimistisch, dass wir das Artensterben stoppen?

Nein, ich sehe die Pioniermentalität des Homo sapiens insgesamt, mit der wir uns einst aus Afrika über die Erde ausgebreitet und vor allem seit 500 Jahren einen Kontinent nach dem nächsten ausgeplündert haben. Das abzulegen, wird sehr schwer. Das zeigen auch die großen Widerstände gegenüber verhältnismäßig kleinen Verhaltensänderungen in der Klimadebatte. Wenn wir aber selbst Wirtschaft und Verhalten nicht ändern, dann wird das auf gewalttätige Weise geschehen. Realistische Szenarien sagen voraus, dass die Erde nicht elf Milliarden Menschen tragen wird, sondern dass wir vorher Zusammenbrüche kolossaler Art erleben werden. Meine Auffassung ist: Mit dem Schwinden und Sterben der Arten haben wir ein Problem, das noch größer ist als der Klimawandel.

Nach Bombendrohungen gegen zwei Supermärkte hat die Polizei einen 23-jährigen Tatverdächtigen aus Wentorf bei Hamburg festgenommen. Bei der Vernehmung hat er die Taten gestanden.

09.05.2019

Ein Wolf ist bei Lübeck wiederholt auf Hunde von Spaziergängern zugelaufen und hat sich nur schwer vertreiben lassen. Obwohl das Tier nicht aggressiv war, stuft das Wolfsmanagement Schleswig-Holstein das Verhalten als auffällig ein. Nun wird überlegt, ob Maßnahmen zur Vergrämung notwendig sind.

Heike Stüben 09.05.2019

In Niebüll kommt es am Donnerstag vermehrt zu Anrufen von falschen Polizisten. Diese rufen vornehmlich ältere Menschen an und fragen gezielt nach ihren Wertsachen und ob Geld im Haus ist. Die echte Polizei warnt vor dieser Masche und bittet darum, ältere Angehörige und Nachbarn zu informieren.

Laura Treffenfeld 09.05.2019