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Schleswig-Holstein Ist Schwimmen noch cool, Franziska van Almsick?
Nachrichten Schleswig-Holstein Ist Schwimmen noch cool, Franziska van Almsick?
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18:15 01.08.2019
Von Kristiane Backheuer
Franziska van Almsick blieb ihrem Sport auch nach dem Ende ihrer Schwimmkarriere treu. Quelle: Fabian Hensel
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Kiel

Franziska van Almsick ist eine Schwimmlegende: Die mehrfache Welt- und Europameisterin ärgert sich jedes Mal, wenn mal wieder irgendwo in Deutschland ein Schwimmbad schließt. Mit ihrer eigenen Stiftung hilft sie Kindern, sich sicher im Wasser zu bewegen. Zuletzt gab es in Schleswig-Holstein mehrere Badeunfälle.

Frau van Almsick, Ihre beiden Söhne Don Hugo und Mo Vito sind inzwischen zwölf und sechs Jahre alt. Wann haben die beiden schwimmen gelernt?

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Wir sind mit den beiden von klein auf regelmäßig ins Wasser gegangen, und als sie etwa fünf Jahre alt waren, bekamen sie professionellen Schwimmunterricht von einem Trainer. Mein Großer schwimmt sehr gut und sicher, der Kleine ist eine richtige Wasserratte und denkt, dass er das schon alles kann. Aber das wird noch ein bisschen dauern, bis er sicher schwimmen kann.

Höhepunkte im Leben von Franziska von Almsick.

Und seine Lehrerin heißt dann Franziska van Almsick?

Nein, ich komme erst dann ins Spiel, wenn es um Tricks und Tipps geht, wie man schneller wird oder wo man an der Technik noch etwas verbessern kann. Ansonsten ist es immer sinnvoller, wenn der Unterricht von einem geschulten Trainer durchgeführt wird.

Das Wasser prägt das Leben von Franziska van Almsick noch immer

Seit 15 Jahren ist Franziska van Almsick schon in „Schwimm-Rente“, aber abgetaucht ist sie eigentlich nie richtig. Sie kommentierte nach ihrer Profisportler-Laufbahn Schwimmweltmeisterschaften für die ARD, wirkte als Synchronsprecherin in Animationsfilmen wie „Cars“ und „Findet Dorie“ mit, designte Bademode, schrieb ihre Biografie und drei Kinderbücher. Zu sehen ist die 1,81-Meter große Ausnahmesportlerin zudem immer wieder auf dem roten Teppich zahlreicher Gala-Veranstaltungen. Zwei Mal war sie auch zu hochoffiziellen Anlässen in Kiel: 2009 zur Eröffnung der Kieler Woche und 2015 als Taufpatin der „Mein Schiff 4“.

Gibt es einen Trick, Kinder schnell ans Wasser zu gewöhnen? Wann sollte man frühestens damit anfangen?

Das Wichtigste ist, die Kinder früh ans Wasser heranzuführen. Das kann ganz einfach beim Baden oder in der Badewanne beim Plantschen geschehen. Die Kinder sollen Spaß am Element Wasser haben. Ab einem Alter von etwa fünf Jahren sind Kinder in der Lage richtig schwimmen zu lernen. Am besten von einem ausgebildeten Trainer, da es eine koordinative Sportart ist, bei der die Arme eine andere Bewegung machen müssen als die Beine, und man muss dabei noch atmen. Aber wenn man die Technik einmal verinnerlicht hat, kann man bis ins hohe Alter schwimmen gehen. Und man sollte den Kindern ein gutes Vorbild sein und mit ihnen ab und zu ins Schwimmbad gehen, anstatt sich darauf zu verlassen, dass das andere machen.

Hier in Kiel wohnen wir ja direkt am Meer. Die raue Ostsee ist zum Schwimmenlernen nicht wirklich geeignet, oder?

In Wellen schwimmen zu lernen, ist für Kinder viel schwieriger als im Schwimmbad, wo das Wasser ruhiger ist und die Kinder sicheren Boden unter den Füßen haben und sich auch am Beckenrand festhalten können. Das ist im Meer nicht möglich.

Steckbrief

Sicher im Wasser fühlte sich Franziska van Almsick schon mit fünf Jahren. Zwei Jahre später wurde sie bereits ins Ost-Berliner Schwimm-Trainingszentrum aufgenommen, wo sie die Jüngste war. Der Trainer damals hatte ihr Talent erkannt. Mit elf Jahren gewann sie bei der Kinder- und Jugendspartakiade neun Goldmedaillen. Unzählige weitere Medaillen folgten. Zwei Mal wurde sie Weltmeisterin, 19 Mal Europameisterin. Bei Olympischen Spielen gewann sie vier Silber- und sechs Bronzemedaillen. Ihre Karriere als aktive Sportlerin beendete sie nach den Olympischen Spielen 2004 in Athen. Hier holte sie zwei Bronzemedaillen mit der 4×200-Meter-Freistilstaffel und der 4×100-Meter-Lagenstaffel. Franziska van Almsick ist mit dem Unternehmer Jürgen B. Harder liiert, mit dem sie zwei Söhne hat. Die Familie lebt in Heidelberg.

2010 gründeten Sie die „Franziska van Almsick Stiftung", mit der deutschlandweit Schwimmprojekte für Kinder unterstützt werden. Hat sich seitdem etwas verändert?

Wir sehen unsere Hauptaufgabe darin, die Schnittstelle zwischen den Schulen und der Stadt beziehungsweise den Bäderbetrieben zu sein, damit der Schwimmunterricht an den Schulen optimal umgesetzt werden kann. So finanzieren wir zum Beispiel die Verwaltungskosten und stellen mit unserer Arbeit den Lehrern ausgebildete Studenten oder Schwimmtrainer zur Seite, die einen Teil der Kinder im Schwimmunterricht übernehmen. Dadurch werden die Gruppen kleiner, der Unterricht intensiver, und die Lehrer werden entlastet. Über 13000 Kinder haben durch unsere Stiftung schon sicher schwimmen gelernt, und es werden immer mehr.

Ertrinken ist bei Kindern die zweithäufigste Todesursache. Jeder zweite Drittklässler kann nicht schwimmen. Schwimmhallen schließen. Was läuft schief?

Ich halte diesen Trend für besorgniserregend. Wenn Schwimmbäder schließen müssen, wird dadurch auch der Schwimmunterricht der Schulen in Mitleidenschaft gezogen. Oft fällt er aus. Wie alarmierend diese Entwicklung ist, zeigen in der Tat die Statistiken: Jedes dritte Kind kann in Deutschland nicht sicher schwimmen, wenn es die Grundschule verlässt. Das ist auch der Grund, warum Ertrinken bei Kindern tatsächlich immer noch die zweithäufigste Todesursache ist. Diese Tatsachen sollten uns und vor allem der Politik die Augen öffnen, dass hier dringend Handlungsbedarf besteht. Solche Zahlen sind erschreckend.

Kann es sein, dass Schwimmen irgendwie gerade nicht cool und populär ist? Das ZDF und die ARD haben nicht einmal mehr die Schwimm-Weltmeisterschaften übertragen.

Schwimmen kann und darf nie uncool sein, denn schwimmen können, rettet Leben.

Hat es Sie nach dem aktiven Ende Ihrer Schwimmkarriere 2004 eigentlich nie gereizt, Ihr Wissen als Trainerin weiterzugeben?

Nein, nach 25 Jahren am und im Becken war das nie ein Thema für mich.

Haben Sie deshalb 2017 das Kinderbuch „Paul Planschnase lernt schwimmen“ geschrieben, um Ihr Wissen so ein wenig weiterzugeben?

Mir liegt das Thema Schwimmen sehr am Herzen, und es gibt wenige gute Bücher übers Schwimmenlernen. Die Geschichte dazu hatte ich schon seit vielen Jahren im Kopf. Irgendwann habe ich sie aufgeschrieben, und es wurde ein tolles Buch daraus.

Mit Ihrer Stiftung betreuen Sie Schwimmprojekte in 24 deutschen Städten. Wann kommt Kiel dazu?

Wir haben zurzeit mehr Anfragen, als wir bedienen können. Ich bin sicher, dass Kiel früher oder später auch auf unserer Landkarte vertreten sein wird.

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KN-online (Kieler Nachrichten) 01.08.2019