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Schleswig-Holstein Mutter in Lübeck getötet: Doch kein Freispruch für Sohn
Nachrichten Schleswig-Holstein Mutter in Lübeck getötet: Doch kein Freispruch für Sohn
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15:18 14.12.2018
Der 30-jährige Lübecker hat in Lübeck-Siems seine Mutter mit einer Geflügelschere getötet und seine Oma lebensgefährlich verletzt. Quelle: Holger Kröger
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Lübeck/Leipzig

Die VII. Große Strafkammer des Landgerichts Lübeck unter Vorsitz von Helga von Lukowicz hatte den 30-jährigen Lübecker, der seine Mutter mit einer Geflügelschere getötet und seine Oma lebensgefährlich verletzt hatte, im März dieses Jahres freigesprochen. Er habe die Tat im Juli 2017 in einem „atypischen Rausch“ begangen und sei somit schuldunfähig, hieß es in der Urteilsbegründung.

Die Nebenklagevertreter Frank-Eckhard Brand und sein Kollege Ralf Wassermeyer waren, ebenso wie die Staatsanwaltschaft Lübeck, in Revision gegangen. Die beiden Anwälte hatten eine 34-seitige Revisionsbegründung gefertigt. Mit Erfolg, denn am Donnerstag bestätigte der Bundesgerichtshof: „Auf die Revisionen der Staatsanwaltschaft und der Nebenkläger ist das Urteil des Landgerichts Lübeck vom 23. März 2018 mit den Feststellungen aufgehoben worden. Zur neuen Verhandlung und Entscheidung wird die Sache an eine andere Schwurgerichtskammer des Landgerichts zurückverwiesen."

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Anwälte und Familie zufrieden

Nicht nur für Brand, der die Großmutter des Angeklagten vertrat, und Wassermeyer, der Vertreter des kurz nach der Tat verstorbenen Vaters des Angeklagten, ein Erfolg. Die Großmutter des Täters kommentiert das Ergebnis: „Da bin ich sehr zufrieden, und das neue Verfahren werden wir dann auch noch schaffen.“

Tat und Prozess

Was an jenem 14. Juli 2017 genau in dem Haus von Hartmut L.s (Name geändert) Eltern und Großeltern in Lübeck-Siems geschah, wird sich vermutlich nie herausfinden lassen. Fakt ist: Der 30-Jährige tötete seine Mutter unter Einsatz massiver Gewalt mit 50 Stichen einer Geflügelschere, seine Großmutter, die ihrer Tochter zu Hilfe eilen wollte, verletzte er mit dem Küchenutensil lebensgefährlich. Sie ist seitdem auf einem Auge blind und kann nicht mehr in dem Haus leben, in dem ihr Enkel ihre Tochter tötete.

Hartmut L. hatte im Verfahren ausgesagt, sich ab einem gewissen Punkt an nichts mehr erinnern zu können, nach dem Genuss von Cannabis und der Einnahme eines Medikaments gegen Erkältungen habe er sich ganz merkwürdig gefühlt.

Landgericht folgte toxikologischem Gutachten

In ihrer Beurteilung war die VII. Große Strafkammer des Landgerichts nicht dem psychiatrischen Gutachten gefolgt. Der Gutachter ging davon aus, dass Hartmut L. die Tat im Affekt begangen habe. Das Gericht folgte jedoch einem nachträglich angeforderten toxikologischen Gutachten: Demnach sei es nicht ausgeschlossen, dass sich L. zur Tatzeit in einem „atypischen Rauschzustand" befunden habe und somit schuldunfähig sei. Ein zweites psychiatrisches Gutachten war nicht angefordert worden. Begründung für den Freispruch: Er habe kein Motiv für die Tat gehabt und sich anders verhalten als nach Affekttaten üblich.

Generalbundesanwalt übt Kritik

Der Generalbundesanwalt nannte die Vorgehensweise des Landgerichts allerdings ein „rechtlich inakzeptables Gutachen-Hopping“ . Unzulänglich sei auch die „nicht näher begründete Annahme, dass die Wirkungen der festgestellten Drogen zu einem Fortfall der Einsichtsfähigkeit des Angeklagten geführt haben.“

Also beginnt das gesamte Verfahren vor dem Landgericht neu. Wann das sein wird, steht noch nicht fest. Eine Stellungnahme der Staatsanwaltschaft zum Erfolg beim Bundesgerichtshof liegt noch nicht vor.

Sabine Risch

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