Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Schleswig-Holstein Geiselnehmer hatte JVA-Küchenmesser
Nachrichten Schleswig-Holstein Geiselnehmer hatte JVA-Küchenmesser
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:01 18.06.2019
Norbert Trabs (Leiter Polizeidirektion Lübeck) und rechts Landespolizeidirektor Michael Wilkens bei der Pressekonferenz der Landespolizei zur Geiselnahme in der JVA Lübeck. Quelle: Frank Peter
Anzeige
Lübeck

Mit einem Überraschungscoup und Pyrotechnik haben Spezialkräfte der Polizei den Geiselnehmer in der Justizvollzugsanstalt Lübeck überrumpeln und die festgehaltene 32-jährige JVA-Psychologin unversehrt befreien können. Landespolizei-Chef Michael Wilksen und der Leiter der Polizeidirektion Lübeck, Norbert Trabs, berichteten am Dienstag in Kiel über das Geschehen vom Vortag, bei dem 330 Sicherheitskräfte aus mehreren Bundesländern im Einsatz gewesen waren.

Der Täter hatte sein Opfer mit einem Küchenmesser bedroht. "Das Messer mit einer zwölf Zentimeter langen Klinge stammte nach den bisherigen Erkenntnissen aus den Beständen der JVA", sagte Wilksen. Zum Motiv hieß es, der 36 Jahre alte Rumäne habe gefordert, man solle ihm offizielle Entlassungspapiere mit Unterschriften des Lübecker Oberbürgermeisters und der Anstaltsleitung geben und ihn in seine Heimat ziehen lassen.

Anzeige

Der Geiselnehmer muss wegen eines Sexualdeliktes eine mehrjährige Haftstrafe verbüßen. Wilksen sagte, der Mann sei von den Behörden "als gefährlich und rücksichtslos" eingestuft worden. Hätte es im Gefängnis Übergriffe gegen die Geisel gegeben, hätte man umgehend eingegriffen.

So verlief die Geiselnahme

Chronologisch lief die Geiselnahme so ab: Um 14.12 Uhr meldete die JVA-Leitung der Regionalleitstelle eine Geiselnahme. Sie erfolgte laut Wilksen in den Räumen der Sozialtherapie in der JVA, in denen normalerweise rückfallgefährdete Sexualstraftäter betreut werden. Der Mann habe sich mit der Frau in deren Büro verbarrikadiert, Möbel vor die Tür geschoben und das Schloss manipuliert. Ob der Mann einen Termin zur Gesprächstherapie hatte oder eher zufällig die Psychologin als Geisel nahm, müssten die Ermittlungen noch ergeben.

Döner wurde zum Verhängnis

Im Zuge der Verhandlungen mit der Polizei forderte der Rumäne um 18.50 Uhr zwei Döner sowie das Entlassungsschreiben. Aus Kabeln knüpfte er ein Seil, über das er einen Korb mit den von ihm gewünschten Sachen ziehen wollte.

Die Polizei entschloss sich, diese Situation für den Zugriff zu nutzen. "Während der Mann am Seil zog, beide Hände dafür nutzen musste und nicht die Geisel bedrohen konnte, stürmten Sicherheitskräfte in das Zimmer", berichtete Wilksen. Bei dem Zugriff um 20.07 Uhr sei detonierende Spezial-Pyrotechnik zum Einsatz gekommen, um den Mann abzulenken. "Es waren keine Sprengungen", sagte Wilksen. Der Rumäne sei überwältigt worden und habe Schrammen und Rötungen erlitten. Die Psychologin blieb unversehrt.

Es gebe auch keine Hinweise, dass die Frau während der Geiselnahme Gewalt erlitten habe, sagte Wilksen. Aber es müsste noch die Ermittlungen im Detail abgewartet werden. Die Frau konnte noch am Abend zu ihrer Familie nach Hause. 

Täter soll in anderes Gefängnis

Nach der Geiselnahme in der JVA Lübeck soll der Täter jetzt in ein anderes Gefängnis verlegt werden. Dies könnte auch in einem anderen Bundesland liegen, sagte ein Sprecher des Justizministeriums.

Von dem dramatischen Geschehen im Innern der JVA bekamen Anwohner nicht viel mit. Der  in seinem Kern aus den Jahren 1908 und 1909 stammende Gefängniskomplex ist von hohen Mauern und Stacheldraht umgeben. Der eigentliche Eingang liegt hinter  einer Kurve der Auffahrt und ist von der Straße aus nicht einsehbar. 

Aufregung bei den Anwohnern

Dennoch versammelten sich am Montag im Lauf des Nachmittags immer wieder Schaulustige vor der JVA. An der Einfahrt zum Parkplatz versammelte sich eine Gruppe Jugendlicher, auf der anderen Straßenseite hatten zwei junge Frauen im geöffneten Fenster eines Wohnblocks mit ihren Smartphones Position bezogen. Als gegen 20 Uhr die Detonationen der Spezial-Pyrotechnik das Ende der Geiselnahme einleiteten, reagierten alle erleichtert. "Das war ganz schön aufregend", sagte eine Anwohnerin, die gebannt das Geschehen verfolgt hatte.

Es war nicht die erste Geiselnahme im Lübecker Gefängnis. Am Heiligabend 2014 hatten vier Männer einen Justizvollzugsbeamten in ihre Gewalt gebracht, um ihre Flucht aus dem Gefängnis zu erzwingen. Der Versuch scheiterte. Im Juli 1997 hatte ein Mann in der JVA Lübeck einer Sozialpädagogin nach einem Gespräch in ihrem Büro plötzlich ein selbstgebasteltes Messer an den Hals gehalten und sie rund fünf Stunden in seiner Gewalt behalten. Das Ganze war damals unblutig beendet worden, als der Geiselnehmer mit der Frau das Gefängnis in einem präparierten Fluchtauto hatte verlassen wollen.

Lesen Sie auch: Geiselnehmer saß schon in Psychiatrie.

Lesen Sie weitere Nachrichten aus Schleswig-Holstein.

Von dpa

Thomas Geyer 18.06.2019
Bastian Modrow 18.06.2019
Anzeige