Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Schleswig-Holstein Geisternetze in Nord- und Ostsee bedrohen Meerestiere
Nachrichten Schleswig-Holstein Geisternetze in Nord- und Ostsee bedrohen Meerestiere
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:27 16.05.2019
Meeresbiologin Gabriele Dederer hält an Bord des Fischkutters "Ecke20" ein von Tauchern gesichertes Geisternetze aus der Ostsee.  Quelle: Jens Büttner/dpa
Eckernförde

Meter um Meter zieht die Winde des Kutters das Fischernetz aus der Ostsee. Vor lauter Seetang, Rotalgen und Miesmuscheln ist das mehr als 80 Meter lange Geisternetz gut verborgen. Immer wieder knallen Steine und Muscheln auf das Deck der „Ann-Christin“.

Aktivisten der Umweltstiftung WWF fischen mit Hilfe von Tauchern und Fischern binnen weniger Stunden gleich drei Geisternetze aus der Ostsee vor Eckernförde. „Darin können sich Meerestiere verfangen und ertrinken oder ersticken“, sagt Meeresbiologin Gabriele Dederer.

Bis zu 10 000 Netze allein in der Ostsee

Das an Bord gehievte vermutlich mehrere Jahre alte Nylongeflecht erinnert mehr an eine 80 Meter lange Wurst mit Algen denn an ein Fischernetz. Darin haben sich unter anderem zwei weibliche Krebse verfangen. Mit einem Messer befreit die Meeresbiologin eines der trächtigen Tiere und wirft es über Bord.

Nicht mehr zu helfen ist dagegen einem etwa 50 Zentimeter langen Dorsch. Der etwa vier Jahre alte Fisch war bereits in dem Geisternetz verendet.

„Schätzungen zufolge landen alleine in der Ostsee jedes Jahr 5000 bis 10 000 Fischernetze oder Netzteile“, sagt Dederer. Gründe dafür seien „illegale Fischerei, schlechte Seemannschaft oder einfach Pech“, wenn Stellnetze im Herbst bei Sturm mitgerissen werden und am nächsten Tag nicht mehr gefunden werden.

Fünf Meter vom Sandstrand der Eckernförder Bucht entfernt schippert das rote Fischerboot von Lorenz Marckwardt. Weite Teile des Decks nehmen große weiße Säcke ein, in denen sich die Geisternetze sowie Algen türmen. Marckwardt hilft bei der Bergung.

Herstellung aus synthetischen Stoffen

„Es kommt immer wieder vor, dass auch Netze verloren gehen bei Sturm“, sagt der Vorsitzende des Landesfischereiverbands von Schleswig-Holstein. Er unterstützt die Aktion des WWF. „Denn wir brauchen vernünftige Gewässer, wo wir auch als Berufsfischer für die Zukunft vernünftig Fisch fangen können.“

Seit den 1960er Jahren werden Fischernetze nicht mehr aus abbaubaren Naturstoffen wie Hanf oder Sisal hergestellt, sondern aus synthetischen Stoffen wie beispielsweise Nylon (Polyamid). Diese könnten sich auch in herrenlosem Zustand in der Wassersäule wieder aufstellen und weiter töten, sagt Stefanie Werner vom Umweltbundesamt.

„Diese Kunststoffe sind in der Umwelt sehr persistent, sie verrotten nicht im eigentlichen Sinne, sondern werden durch mechanische Kräfte wie Wind, Wellen und UV-Licht zu immer kleineren Plastikpartikeln zerrieben.“ Negative Auswirkungen durch Kunststoffmüll seien für mehr als 800 Meerestierarten dokumentiert.

Nicht nur Gefahr für Meeresbewohner

Ein Forschungsvorhaben des Umweltbundesamtes zeigt: 98 Prozent der Nester in der Brutvogelkolonie von Basstölpeln auf Helgoland enthalten Kunststoffe und dabei insbesondere Netzreste, auch Teile vom Scheuerschutz von Grundschleppnetzen und Verpackungsmaterialien.

Es sei auch ermittelt worden, wie viele der jungen Basstölpel sich in Müll verstricken und strangulieren, der durch die Elterntiere in die Nester eingetragen wird, sagt Winter. „Dadurch starben während der Brutsaisons 2014 und 2015 zwei bis fünfmal so viele Jungvögel wie normalerweise.“

Die Plastiknetze sind längst nicht nur eine Gefahr für Meeresbewohner. „Die Netze können zu Mikroplastik werden und dann im großen Zyklus irgendwann wieder auf unseren Teller landen im Fisch“, sagt Meeresbiologin Dederer.

Mehr als sieben Tonnen geborgen

Seit 2013 geht der WWF in der Ostsee aktiv gegen Geisternetze vor. Seitdem haben Umweltschützer mit verschiedenen Techniken mehr als sieben Tonnen Netzmaterial und Schrott geborgen. Als ergiebigste Methode hat sich die Zusammenarbeit mit Tauchern erwiesen. Sie nutzen detaillierte Aufnahmen, die ein Sonar fünf Meter über dem Meeresgrund gemacht hat.

In diesem Frühjahr ist die Technik vor Kiel und Eckernförde zum Einsatz gekommen. „Allein in der Eckernförder Bucht haben wir im Umkreis von zwei Quadratkilometern drei Geisternetze und drei Leinen gefunden“, sagt Dederer. 2018 entdeckten Umweltschützer in einem 500 Meter langen Geisternetz vor Warnemünde zehn tote Kormorane. Außerdem starben darin Dutzende Flundern und andere Fischarten.

Der Verband der deutschen Kutter- und Küstenfischer räumt ein, dass der Verlust von Netzen auf See ein Problem ist. „Seit es GPS gibt, kommt es aber eigentlich nicht mehr vor, dass Schleppnetze verloren gehen, weil sie an Wracks hängen bleiben“, sagt der Verbandsvorsitzende Dirk Sander. Die Fischer würden bekannte Wrackstellen umfahren. „Da mag aber durchaus noch altes Zeug an Wracks hängen.“

Giftiges Blei enthalten

Der 69-Jährige war selbst 45 Jahre lang Nordseefischer in Ostfriesland. Etwas anders ist die Situation aber beim Fischfang mit Hilfe von Stellnetzen. „Es ist möglich, dass Netze durch einen Sturm verloren gehen und anschließend von den Fischern nicht wiedergefunden werden“, sagt Sander

Es kämen zudem weiterhin neue Hindernisse für Fischer hinzu, sagt Meeresbiologin Dederer. „Es gibt immer wieder neue Wracks, es gibt Container, die auf den Meeresgrund absinken.“ Mit dem Ergebnis des Bergungstörns vor Eckernförde ist sie sichtlich zufrieden.

Die Gruppe bringt am Dienstag die drei - teilweise mehr als 100 Meter langen - Geisternetze mit an Land. Dort sollen sie nun als Sondermüll entsorgt werden. Denn das Recycling ist aufwendig. Sie enthalten giftiges Blei, das vor der Verwertung der Polyamidfasern entfernt werden muss.

RND/dpa

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Bauarbeiten sind abgeschlossen, die Betonfahrbahn ist griffig genug: Auf der A7 werden ab Donnerstag die Schilder zur Geschwindigkeitsbeschränkung auf 120 km/h zwischen Bordesholmer Dreieck und Hamburg abgebaut. Doch nun fordern die Grünen im Kieler Landtag ein dauerhaftes Tempolimit.

Christian Hiersemenzel 15.05.2019

Etwas mehr als einen Monat ist es nun her, dass sich ein Delfin häuslich in der Kieler Förde eingerichtet hat. Zeit genug, eine treue Fangemeinde für sich einzunehmen. Der Delfin lockt immer wieder Schaulustige und Hobbyfotografen ans Wasser, die versuchen, den Meeressäuger abzulichten.

Sebastian Ernst 15.05.2019

Die Pannenserie bei der Bundeswehr geht weiter: In Norwegen ist erneut ein deutsches U-Boot bei einer Kollision mit einem Felsen beschädigt worden. Der Vorfall mit "U 36" ereignete sich am Dienstag in der norwegischen Marinebasis Haakonsvern südlich von Bergen.

Frank Behling 15.05.2019