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Schleswig-Holstein "Ich hole jetzt meine Waffe" - Patienten werden immer aggressiver
Nachrichten Schleswig-Holstein "Ich hole jetzt meine Waffe" - Patienten werden immer aggressiver
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10:19 05.07.2019
Von Heike Stüben
Gewaltattacken erleben Ärzte in Kliniken und Praxen immer öfter. Häufig entlädt sich der Frust angesichts langer Wartezeiten oder als schlecht empfundener Behandlung auch beim Praxis- und Pflegepersonal. Quelle: Karl-Josef Hildenbrand
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Kiel

„Gewalttätige Übergriffe in Schleswig-holsteinischen Krankenhäusern steigen. Das reicht von verbalen Attacken bis zu tätlichen Angriffen. Immer öfter werden Helfer zu Opfern“, erklärt Michael Wessendorf, Chirurg und Vorsitzender beim Marburger Bund Schleswig-Holstein.

Diese Erfahrung machen auch immer mehr niedergelassene Ärzte. „Gewalt ist längst Alltag in unseren Praxen. Und es wird immer schlimmer“, sagt Dr. Dirk Heinrich, HNO-Arzt in Hamburg und Bundesvorsitzender des Verbandes der niedergelassenen Ärzte (NAV-Virchow-Bund).

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Jeder 4. Arzt schon tätlich angegriffen

Zahlen für Schleswig-Holstein gibt es nicht. Der bundesweite Ärztemonitor 2018 ergab aber: Jeder vierte Arzt wurde schon einmal tätlich angegriffen oder physisch bedroht. Nach einer Studie der Technischen Universität München haben 90 Prozent der Ärzte bereits aggressive Patienten erlebt.

Gefährdet sind auch das Pflegepersonal in Kliniken und medizinische Fachangestellte in Praxen – sie sind oft als erste betroffen, sagt Hannelore König, Vorsitzende beim Verband medizinischer Fachberufe.

"Ich hole jetzt meine Waffe"

Hauptursachen seien eine allgemeine Verrohung, ein immer höheres Anspruchsdenken. Könne der Arzt nicht die geforderte Krankschreibung oder das Rezept liefern, sagt Dr. Henrik Hermann, Internist und Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein, werde gepöbelt, mit Gegenständen geworfen, gar gedroht: "Ich hole jetzt meine Waffe und komme wieder".

In Einzelfällen bleibt es nicht bei der Drohung. In Neumünster musste 2017 ein Kinderarzt nach einem Angriff ins Krankenhaus. In Schleswig wurde 2011 ein Lungenfacharzt von einem Patienten erschossen.

Personalmangel verstärkt Problem

Für Dirk Heinrich sind auch Politik und Krankenkassen gefordert. „Es geht nicht an, dass Ärzte allein gelassen werden, wenn sie den Patienten unpopuläre Kürzungen im Gesundheitswesen mitteilen müssen.“

Gerade in Notaufnahmen führen Personalmangel und Arbeitsverdichtung zu Eskalationen, sagt Michael Wessendorf. "Ein vorhandenes Aggressionspotenzial wird durch lange Wartezeiten in den Notaufnahmen gefördert, weil diese personell unterversorgt sind." Krankenhäuser bieten dort deshalb bereits regelmäßig Deeskalations- und Selbstverteidigungstrainings für die Mitarbeiter an. Doch das reiche nicht immer aus, um Sicherheit zu gewährleisten: „Leider muss mittlerweile in einigen Kliniken Wachpersonal beschäftigt werden.“

Höhere Strafen gefordert

Alle vier Vertreter fordern härtere Strafen: Gewalt gegen Ärzte und Gesundheitsberufe müsse genauso bestraft werden wie Angriffe auf Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungsdienstmitarbeiter. Das „Gesetz zur Stärkung des Schutzes von Vollstreckungsbeamten und Rettungskräften" droht bei tätlichen Angriffen auf Polizisten, ermittelnde Staatsanwälte, Feldjäger und andere Sicherheitskräfte mit bis zu fünf Jahren Haft.

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