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Schleswig-Holstein „Sprachtests sind reiner Aktionismus“
Nachrichten Schleswig-Holstein „Sprachtests sind reiner Aktionismus“
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18:30 24.08.2019
Von Jürgen Küppers
Gila Hoppenstedt ist Expertin für den frühen Spracherwerb, ist als Fachreferentin und Autorin tätig und wurde mehrfach ausgezeichnet. Deutsch lernen Kinder ihrer Überzeugung nach am besten im Unterricht – wenn die Lehrer sie dabei unterstützen. Quelle: Frank Peter
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Kiel

Deutschtests und Sprachförderung für Kinder lange vor der Einschulung: Mit diesem Alternativvorschlag reagierte Bildungsministerin Karin Prien Anfang August auf die radikale Forderung des CDU-Bundespolitikers Carsten Linnemann, Kinder ohne Deutschkenntnisse gar nicht erst einzuschulen. Gila Hoppenstedt sieht das anders.

Frau Hoppenstedt, Sie haben sich über Bildungsministerin Karin Prien geärgert. Genauer gesagt über ihren Vorschlag, schon bei Kita-Kindern mit etwa viereinhalb Jahren Deutschtests durchzuführen und sie bei Defiziten sprachlich zu fördern. Warum kritisieren Sie den Vorstoß? Er klingt doch vernünftig angesichts vieler Migrantenkinder mit Sprachdefiziten.

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Gila Hoppenstedt: Der Vorstoß ist aus meiner Sicht aber nicht vernünftig, sondern reiner Aktionismus. Tests sind defizitorientiert, setzen Kinder unter Druck, bilden deshalb nicht ihr wirkliches Sprachvermögen ab. Außerdem führt die von der Ministerin angestrebte gezielte Förderung der Kinder vor ihrer Einschulung in aller Regel nicht zum Erfolg.

Warum nicht?

Weil Sprachförderunterricht mit lauter Kindern aus nichtdeutschen Familien so gut wie nichts bringt. Das zeigen internationale Studien schon seit Jahren. Das bestätigen mir auch Lehrer bei meinen Fortbildungen. Das Problem ist: Die Kinder lernen in isolierten Förderprogrammen wie „Deutsch als Zweitsprache“ nur die Alltags-, aber keine Bildungssprache, wie sie in der Schule bereits in der Primarstufe gefordert wird. Dabei verstehen die Kinder oft viel mehr als wir ihnen zutrauen.

Journalistin, Autorin und Fachreferentin

Nach einem Lehramtsstudium (Germanistik, Geografie für Gymnasien) an der Uni Kiel absolvierte Gila Hoppenstedt eine Ausbildung zur Rundfunkjournalistin, war neun Jahre Chefredakteurin des Evangelischen Rundfunkdienstes.

Von 2003 bis 2008 leitete die heute 64-Jährige das Pilotprojekt „Integriertes Sprachenlernen in der Grundschule“ im Auftrag der Hamburger Bildungsbehörde, wurde dafür 2005 mit dem Europäischen Sprachensiegel ausgezeichnet.

Seit 2010 leitet sie als Fachreferentin des Goethe-Instituts für „Frühes Deutsch“ oder der „Akademie Frühe Bildung“ Fortbildungen für Kita-Fachkräfte oder Lehrer und hat einen Lehrauftrag an der Kieler Christian-Albrechts-Universität für „Deutsch als Fremdsprache“. Die Autorin zahlreicher Fach- und Lehrbücher zur Sprachvermittlung wurde mehrfach ausgezeichnet.

Das müssen Sie mit einem Beispiel erklären.

Nehmen wir an, im Fach Heimat- und Sachkunde sollen Kinder das Bild eines laufenden Igels erläutern. Kinder mit geringen Deutschkenntnissen formulieren das typischerweise oft so: „Da rennt der! So kurze Beine da unten.“ Im Schulbuch steht aber: „Obwohl der Igel kurze Beine hat, ist er schnell und flink“. Die Konjunktion „obwohl“ zeigt einen Widerspruch zwischen Inhalt von Haupt- und Nebensatz. Muttersprachlich deutsche Kinder aus gut gebildeten Elternhäusern kennen und verwenden diese Konstruktion. Kinder auf Alltags-Sprachniveau sind damit total überfordert.

Wie sollen Lehrer in solchen Situationen reagieren?

Indem sie erst einmal registrieren, dass die unzureichende alltagssprachliche Formulierung des Schülers grundsätzlich richtige Beobachtungen enthält. Das Kind hat den Widerspruch erkannt. Dies ist für Lehrer eine Chance das Kind zu loben und ihm eine Brücke zur Bildungssprache zu bauen. Zum Beispiel so: „Richtig! Der Igel hat kurze Beine. Trotzdem kann er schnell laufen.“

Und welche Schlüsse ziehen Sie aus solchen Beobachtungen für einen effektiven Deutsch-Sprachunterricht?

Am besten lernen Kinder die für sie neue Sprache im deutschen Fachunterricht, also in Mathematik, Sachkunde, Musik oder Naturwissenschaften. Hier werden sie kognitiv auf ihrem Niveau angesprochen und erhalten einen Zugang zur Bildungssprache.

Und sind damit heillos überfordert, weil sie nur Bruchteile des Stoffs verstehen?

Nicht, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Lehrer in Klassen mit hohem Migrantenanteil sollten sprachsensibel sein, Methoden kennen und anwenden, die das Verstehen unterstützen. Wichtig ist, Schülern gut zuzuhören, um zu erkennen, ob deren scheinbar fehlerhafte Sätze nicht doch richtige und damit lobenswerte Beobachtungen enthalten. Fehlerhafte Äußerungen der Schüler sollten Lehrer positiv aufnehmen und in sprachlich hochwertige Formulierungen überführen. Das alles motiviert Schüler, diese Formulierungen in ihr deutsches Sprachrepertoire aufzunehmen.

Und diese Integration von Sprach- in den Fachunterricht beherrschen Grundschullehrer?

Nicht ohne Vorkenntnisse. Die Methodik von „Deutsch im Fach“ muss im Rahmen der Lehrerausbildung erworben. werden. Da ändert sich bundesweit schon einiges. In Schleswig-Holstein unterrichten die meisten Berufsschulen zwar schon nach der Methode. In der Lehrerausbildung für Grund- oder weiterführende Schulen ist „Deutsch im Fach“ aber noch nicht verankert.

Und wenn die Lehrer „Deutsch im Fach“ umsetzen, ist das Problem gelöst?

Auch hier gilt: Die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Mehr als 40 Prozent Migrantenkinder pro Klasse sollten es keinesfalls sein, am besten nur 30 Prozent. Wenn das aufgrund der Bevölkerungsstruktur nicht möglich ist, sollten die Kinder in kleinen Klassen mit bis zu 15 Schülern und – im Idealfall – mit einer Lehrer-Doppelbesetzung unterrichtet werden. Studien zeigen klar, dass bei diesen Werten hervorragende Lernerfolge erzielt werden. Nicht zuletzt deshalb, weil gerade in der Grundschule die Kinder sehr aufnahmebereit sind und voneinander lernen. Dafür muss die Mehrheit aber auch Deutsch sprechen.

Unsere Bildungs- und Finanzministerinnen werden angesichts der Kosten nicht gerade jubeln.

Kann schon sein. Aber man würde andererseits auch Geld sparen für weitgehend wirkungslose Sprachförderprogramme und beim Thema Integration einen großen Schritt weiterkommen. Wir müssen uns klarmachen, wie viel wir von Erstklässlern aus Migrantenfamilien erwarten: Sie sollen in zwei Jahren alphabetisiert werden, in der dritten Klasse bildungssprachliche Sachtexte verstehen. Deutsche Kinder haben dafür acht Jahre Zeit.

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