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Schleswig-Holstein Wurden die Rotmilane vergiftet?
Nachrichten Schleswig-Holstein Wurden die Rotmilane vergiftet?
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07:30 21.07.2019
Von Frank Scheer
Beeindruckender Wildvogel: Der Rotmilan ist – noch – in Schleswig-Holstein zu Hause. Der schrumpfende Bestand ist streng geschützt. Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert
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Kiel

Beamte des Umweltschutztrupps aus Kiel sowie Vertreter des Landesamts für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume in Flintbek haben in dieser Woche gemeinsam mit Ornithologen im Privatwald Vogelsanger Holz die beiden toten Rotmilane geborgen. „Die Kadaver wurden mitgenommen und sollen toxikologisch untersucht werden“, erklärte Polizeisprecher Oliver Pohl. Ob eine Straftat nach dem Artenschutzrecht vorliegt, könne man momentan nicht sagen, so Pohl weiter. Das Landesamt habe die Untersuchung angeordnet.

Rotmilan steht auf der Roten Liste

Der ungeklärte Tod der streng geschützten Tiere ist auch politisch heikel. Auf Großharrier Gemeindegebiet ist in Richtung Tasdorf im Regionalplanentwurf ein Windeignungsraum vorgesehen. Zu einem Horst von Wildvögeln müssen Betreiber von Windmühlen einen Mindestabstand von 1500 Metern einhalten – 500 Meter mehr als zur Wohnbebauung. In der Gemeindevertretung war erst Ende Juni das Rotmilan-Thema hochgekocht.

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In einer Stellungnahme hatte der Ort im Anhörungsverfahren zum Jahreswechsel auf die Existenz des gefährdeten Raubvogels, für dessen Bestand die Vorwarnstufe in der Roten Liste gilt, hingewiesen. Diese Stellungnahme ist aber bei der Landesplanungsbehörde nicht angekommen. Bürgermeisterin Ilona Bredow hatte darauf in einer Sitzung nochmals mit Nachdruck hingewiesen – wegen der Schutzzone war bereits von einem Aus des Windparks die Rede.

Der Rotmilan hat höchsten Schutzstatus

Der Rotmilan genießt in ganz Europa und gerade in Deutschland den höchsten Schutzstatus. Laut Wildtierkataster Schleswig-Holstein leben und brüten in Deutschland 60 Prozent des Weltbestandes des Rotmilans – und davon der Großteil in Schleswig-Holstein, deshalb trägt das nördlichste Bundesland eine besondere Verantwortung.

Der Rotmilan wird wegen der starken Bestandsrückgänge als gefährdet eingestuft. Als Hauptgründe dafür werden vor allem intensive Flächennutzung, die das Nahrungsangebot verringert, Schlag durch Rotoren von Windkraftanlagen, Unfälle mit Hochspannungsleitungen, vergiftete Beutetiere oder vorsätzliche Vergiftung angeführt.

Die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Schleswig-Holstein Hamburg schätzt die Zahl der im Land brütenden Paare auf 131, den Gesamtbestand auf 240 Paare.

Was hat der Tod der Raubvögel mit dem Windpark zu tun?

Nun sind die beiden Jungtiere tot, das Elternpaar ist verschwunden. Großharries stellvertretender Bürgermeister Karsten Blöcker, der momentan die im Urlaub weilende Gemeindechefin vertritt, wollte keinen Zusammenhang zwischen den verendeten Tieren und dem geplanten Windpark konstruieren.

„Das wäre ein Ding. Aber dazu kann ich nichts sagen. Da muss man mal abwarten, was bei der Untersuchung herauskommt.“ Der zweite stellvertretende Bürgermeister, Holger Nohrden, bedauerte den Tod der Tiere. „Mit Behauptungen sollte man vorsichtig sein, aber angesichts der zeitlichen Abfolge könnte man schon auf so einen Zusammenhang kommen.“ Nohrden bestätigte auch, dass das Dorf wegen der Windenergie gespalten sei.

Volkher Looft, Chef des Landesnaturschutzverbands, wird da schon deutlicher. „Ich weiß, dass die Windkraftlobby immer mehr zu solchen Mitteln greift. Das haben Beispiele wie das Absägen von Seeadlerbäumen und die Tötung von Rotmilanen durch E604 in Daldorf im Kreis Segeberg im Jahr 2018 gezeigt.“ Das Ganze zu beweisen, sei allerdings äußerst schwierig. Das wird es auch im Großharrie-Fall.

Schleswig-Holstein: Milane haben Nestdrang

Nach Angaben des Baumkletterers, der einen der beiden toten Jungvogel aus dem Horst in 25 Metern Höhe geholt hat, war der Körper sehr verwest. „Zwei Wochen muss das Tier dort tot gelegen haben. Das andere Tier war bereits herausgefallen. Reste vom Gefieder waren noch auf dem Waldboden zu sehen.“

Ob die Jungtiere möglicherweise von den Elterntieren vergiftetes Futter bekamen, könne man nicht sagen. „Wenn die Tiere verhungert sind, dann sind die Elterntiere eines unnatürlichen Todes gestorben. Denn Milane haben Nestdrang“, so der Kletterer. Gegen Verhungern würde das sehr gute Nahrungsmittelangebot in diesem Sommer sprechen.

Negenharrie: Kein Leben rund um den Horst

Einem Vogelbeobachter aus der Nachbargemeinde Negenharrie war am vergangenen Sonntag aufgefallen, dass kein Leben mehr rund um den Horst zu registrieren ist und ein Jungtier in einer unnatürlichen Art und Weise dort gelegen hatte. Er hatte das LLUR am Montag informiert, das seinerseits den Umweltschutztrupp einschaltete. Die Gemeinde wurde über den Einsatz informiert, ein Vertreter war aber nicht dabei.

Bei dem Gehölz handelt es sich um einen Privatwald von Landwirten und Jägern. Wegen der Brutphase hatte die Untere Naturschutzbehörde des Kreises Plöns im späten Frühjahr ein Betretungsverbot verfügt – Bäume wurden trotzdem gefällt.

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