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Schleswig-Holstein Als Bufdi viel fürs Leben gelernt
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06:10 24.05.2019
Von Heike Stüben
Hanne Wetenkamp (20) aus Kiel absolviert den Bundesfreiwilligendienst in der Sozialpsychiatrie und lernt dort "vieles fürs Leben". Ihre Stelle in den Marie-Christian-Heimen gehört zu den vielen Freiwilligenplätzen in Schleswig-Holstein, für die es noch keinen Nachfolger gibt.  Quelle: Frank Peter
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Kiel

Was kommt nach dem Abitur? Diese Frage hat auch Hanne Wetenkamp bewegt. Einfach loszustudieren kam für die Kielerin nicht in Frage. Ein Jahr lang Erfahrungen in einem ihrer Interessengebiete zu sammeln, dagegen schon. So entschied sie sich für einen Freiwilligendienst – und zwar in einem Bereich, der viele andere Jugendliche eher abschreckt: Die 20-Jährige ging als Freiwillige in die Sozialpsychiatrie der Marie-Christian-Heime in Kiel. Heute ist sie froh darüber.

Hanne Wetenkamp ist ein Bufdi. So werden die Teilnehmer des Bundesfreiwilligendienstes genannt. Es ist die dritte Möglichkeit neben dem Freiwilligen Jahr und dem Freiwilligen Wehrdienst, wenn man sich für eine begrenzte Zeit und für die Gesellschaft engagieren möchte.

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Hanne Wetenkamp wollte im Freiwilligendienst in die Sozialpsychiatrie

„Viele andere wollten gerne in eine Kita, ich wollte das nicht“, erzählt die 20-Jährige. Ihr Vorteil: Berührungsängste gegenüber Menschen mit Einschränkungen jedweder Art hat sie nicht. Viele Einwohner der Marie-Christian-Heime kannte sie in ihrem Stadtteil Kiel-Kroog bereits vom Sehen oder hatte sie in ihrem Schülerjob an der Kasse eines nahegelegenen Supermarkts bedient. Außerdem interessiert sich Hanne Wetenkamp für Psychologie. „Dennoch war es eine Herausforderung, und natürlich habe ich mir vorher Gedanken gemacht, ob ich den Anforderungen hier gewachsen bin“, erzählt sie im Terese-Blunck-Haus, einem hellen, modernen Wohnhaus auf dem weitläufigen Waldhof-Gelände der Marie-Christian-Heime.

29 Menschen mit psychiatrischer Erkrankung leben in dem Haus. Die Aufgabe von Hanne Wetenkamp ist es, den Bewohnern in hauswirtschaftlichen Tätigkeiten zu assistieren, sie also bei der Wäsche ihrer Kleidung oder dem Sauberhalten ihres Zimmers zu unterstützen – und sie manchmal auch an ihre Körperpflege zu erinnern. Eine Tätigkeit, die neben Fachwissen vor allem Einfühlungsvermögen und zugleich professionelle Distanz erfordert. In fünf Seminaren hat sie dafür Know-how an die Hand bekommen. Außerdem steht ihr eine Anleiterin zu Seite. „Sozialpsychiatrie erfordert das enge Zusammenspiel aller Kräfte, und das funktioniert hier sehr gut. Ich habe mich nie allein gelassen gefühlt“, sagt die junge Frau.

Als Bufdi viel fürs Leben gelernt

Vor allem habe das Jahr sehr viel für ihre eigene Weiterentwicklung gebracht. „Das geht auch anderen Freiwilligen in diesem Bereich so. Wir müssen uns viel mit unseren eigenen Grenzen auseinandersetzen. Wie weit darf und kann ich unsere Klienten anfassen? Was mache ich, wenn meine Ekelgrenze überschritten ist? Wie gehe ich mit Kränkungen der Klienten um, die in ihrer Erkrankung begründet sind? Ich habe hier wirklich viel fürs Leben gelernt.“

Und noch eine Erfahrung hat sie gemacht. „In den Seminaren trifft man auf Menschen, die auf der gleichen Wellenlänge sind. Da findet man leicht neue Freunde.“ Auch für ihre berufliche Zukunft sieht Hanne Wetenkamp jetzt klar. Sie hat die Zeit genutzt und auch die anderen Einrichtungen der Marie-Christian-Heime besucht. In der dortigen Werkstatt hat sich sich gerade für weitere sechs Monate nach dem Ende des Freiwilligenjahres beworben – als Vorbereitung auf ihre Wunsch-Ausbildung zur Ergotherapeutin. „Mich hat dieses Jahr im Bundesfreiwilligendienst also in mehrfacher Hinsicht vorangebracht.“

Hanne Wetenkamp für Beibehaltung der Freiwilligkeit

Und wie sieht sie die Diskussion um ein Pflichtjahr? Da ist Hanne Wetenkamp eindeutig für die Beibehaltung der Freiwilligkeit. „Gerade in meinem Bereich kann man diese Arbeit nur freiwillig machen, man braucht Motivation, und die lässt sich nicht verordnen. Sonst riskiert man negative Folgen für die Klienten.“

Freiwillige Helfer ab August gesucht

Wie viele Freiwillige genau im Einsatz sind, weiß niemand. Denn die Stellen werden nicht zentral erfasst. Der Bundesfreiwilligendienst meldet aktuell 1477 Stellen für Schleswig-Holstein. Im Sozialministerium sind weitere 1800 Stellen für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bekannt. Dazu werden vom Land 80 Plätze im Sport, 110 Plätze in den Bereichen Politik, Kultur oder Schule und 180 Stellen für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr gefördert.

Wie viele Plätze darüber hinaus von Trägern und Kommunen und Gemeinden sowie Vereinen noch bereitgestellt werden, ist nicht bekannt. Insgesamt kann man für Schleswig-Holstein von mehr als 3600 Freiwilligenstellen ausgehen.

Viele FSJ-Stellen und Plätze im Bundesfreiwilligendienst sind ab August noch unbesetzt. So sucht der Internationale Bund noch Freiwillige für die Behindertenhilfe im Raum Eutin und für Jugendherbergen. Die Jugendherbergen stellen auch Unterkünfte (zu finden unter www.ib-freiwilligendienste.de/standort/kiel). Auch für Hanne Wetenkamp bei den Marie-Christian-Heimen gibt es noch keinen Nachfolger. Auskunft gibt Sabine Hornstein (Telefon 0431/7801113, s.hornstein@marie-christian-heime.de).

Weitere freie Stellen für ein FSJ findet man unter www.fsj-sh.de und unter www.lkj-sh.de für den Bereich Kultur/Schule und Politik. Der Bundesfreiwilligendienst bietet eine eigene Stellenbörse unter www.bufdi.eu

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