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Schleswig-Holstein Hat die Ostsee-Küstenfischerei eine Zukunft, Herr Zimmermann?
Nachrichten Schleswig-Holstein Hat die Ostsee-Küstenfischerei eine Zukunft, Herr Zimmermann?
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06:20 23.09.2019
Von Sven Hornung
Christopher Zimmermann, Leiter des Thünen Instituts für Ostseeforschung, steht vor der Fischauktionshalle in Hamburg. Er ist einer der beiden deutschen Delegierten des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES). Quelle: Sven Hornung

Herr Zimmermann, Ulrike Rodust (SPD, Schleswig-Holstein) ist vor fünf Jahren im Fischereiausschuss des Europäischen Parlaments angetreten, mit dem Ziel, dass 2020 alle Fischbestände in der Ostsee gesund sind…

Christopher Zimmermann: Das hat nicht ganz geklappt. Ausgerechnet dem Dorsch und dem Hering in der westlichen Ostsee, also den Beständen, die für die Fischerei in Schleswig-Holstein besonders wichtig sind, geht es nicht gut. Dem Dorsch in der östlichen Ostsee, auch nicht unwichtig für unsere Ostseefischerei, geht es sogar sehr schlecht. Betrachtet man jedoch die gesamte Ostsee, geht es den meisten Fischbeständen tatsächlich gut.

Darum geht es dem Hering in der westlichen Ostsee so schlecht

Darum geht es dem Dorsch in der östlichen Ostsee so schlecht

Sowohl Ulrike Rodust als auch Werner Kuhn (CDU, Mecklenburg-Vorpommern) haben sich in den vergangenen Jahren für die Interessen der Fischer und Umweltschützer eingesetzt. Frau Rodust geht in Rente, Herr Kuhn verfehlte den Wiedereinzug ins EU-Parlament. Wie bewerten Sie die politische Lage?

Unabhängig davon, wie man zu politischen Parteien steht, das ist definitiv ein herber Verlust für die Fischerei. Der Fischereiausschuss des EU-Parlamentes hat in den vergangenen Jahren stark an Wichtigkeit gewonnen. Beide Politiker waren sachkundig und haben ihr Bestes gegeben, sich für alle Interessengruppen einzusetzen. Wir sind sind zwar künftig mit Niclas Herbst (CDU, Schleswig-Holstein, Anm. d. Red.) als neues stellvertretendes Mitglied im EU-Fischereiausschuss vertreten, aber es wird noch eine Weile dauern, bis Herr Herbst über die nötige Expertise verfügen wird. Wir werden einen Neuanfang starten müssen.

Steckbrief: Christopher Zimmermann

Dr. Christopher Zimmermann (53) ist Leiter des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock, einer Bundesforschungseinrichtung. Zimmermann hat in Kiel Meeresbiologie studiert und an Fischen der Polarmeere promoviert. Er ist einer der beiden deutschen Delegierten des Internationalen Rates für Meeresforschung, deutscher Vertreter im Advisory Committee dieser zwischenstaatlichen Organisation und verantwortet damit die jährliche wissenschaftliche Fangempfehlung für die Fischbestände des Nordostatlantiks. Zimmermann ist als wissenschaftlicher Berater vor allem für die Bundesregierung und EU-Kommission tätig, aber auch für Bundes- und Europaparlament, Handel, Industrie und Umweltverbände. Derzeit ist er Mitglied des Technischen Beratungsgremiums des MSC (Marine Stewardship Council) und saß sechs Jahre im Aufsichtsrat dieser gemeinnützigen Organisation.

Im Herbst werden traditionell die Fangquoten für das nächste Jahr festgelegt. Sie sind einer der wissenschaftlichen Ratgeber für die EU-Kommission und somit ganz nah dran am Entscheidungsprozess.

Derzeit ändern sich die Umweltbedingungen im Ökosystem Ostsee schneller, als wir unsere Vorhersagemodelle anpassen können – dadurch steigen die Unsicherheiten erheblich. Wir haben dieses Jahr Abweichungen von bis zu 50 Prozent zwischen letztjähriger Vorhersage und diesjähriger Bestandsberechnung festgestellt. Leider können wir immer erst mit ein paar Jahren Abstand sagen, ob es sich um eine natürliche Schwankung oder um eine systematische, dauerhafte Änderung der Umwelt handelt. Die Politik könnte auf diese Unsicherheiten in der Vorhersage aber reagieren durch die Einführung eines Stabilitätselementes in die Bewirtschaftungspläne. Dann dürften die Fangmengen um nicht mehr als 15 bis 20 Prozent von den Fangmengen des Vorjahres abweichen. Das würde zugleich Planungssicherheit für die Fischerei schaffen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Dieses Jahr haben wir einen neuen Datenpunkt zur Bestandsberechnung für den westlichen Hering hinzugefügt, und das führte dazu, dass in der westlichen Ostsee plötzlich 25000 Tonnen Hering weniger leben als wir noch 2018 annahmen – ohne dass ein zusätzlicher Hering gefangen worden wäre. Das darf natürlich nicht passieren, die Modelle müssen stabile Ergebnisse liefern. Aber wenn sich die Bedingungen so schnell ändern, kommen unsere Modellberechnungen nicht mehr hinterher.

Die Fischerei-Ampel

Grün: Der Fischbestand kann den maximalen nachhaltigen Dauerertrag liefern. Das heißt: Der Elternbestand ist so groß, dass er immer ausreichend Nachwuchs produzieren kann. Im Grunde geht es der Art gut, die Schwankungen können trotzdem erheblich sein.

Gelb: Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass der Bestand nicht mehr genügend Nachwuchs produziert, weil nicht mehr genügend Elterntiere vorhanden sind. Bei schneller und ausreichender Reduzierung der Fangmengen kann sich der Bestand schnell erholen. Warnbereich!

Rot: Aufgrund der geringen Anzahl der Elterntiere ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass nur noch schwache Jahrgänge produziert werden. Die Fischerei muss in der Regel stark reduziert werden, damit der Bestand sich schnell erholen kann.

Das bedeutet, der Hering in der westlichen Ostsee steckt tief im roten Bereich?

Wir sind überzeugt, dass der Bestand in einem sehr schlechten Zustand ist und dringender Schonung bedarf. Aber ob nun 25000 Tonnen mehr oder weniger absolute Biomasse Hering vorhanden sind, dafür würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen. 2018 haben wir gesagt, der Heringsbestand liegt bei etwa 105000 Tonnen, dieses Jahr schätzen wir ihn auf 75000 Tonnen. Ich denke, es wird zu keiner Schließung der Fischerei, aber erneut zu einer starken Absenkung der Fangmengen im Jahr 2020 kommen. Wir empfehlen, einen langfristigen Managementplan ab 2020 einzurichten, mit dem Ziel, dass der Heringsbestand 2025 wieder im grünen Bereich ist. Das kann man erreichen, aber es wird erneut für die Fischer zu einer drastischen Kürzung der Quote kommen. Und das ist für die Fischerei, die 2019 bereits fast 50 Prozent Einbußen hinnehmen musste, existenzgefährdend. Zumal die Fischer keine Schuld am schlechten Zustand des Herings haben. Der Bestand ist durch die klimabedingte Temperaturerhöhung der Ostsee weniger produktiv als vorher, und die Politik ist in den letzten Jahren der Empfehlung der Wissenschaft weitgehend gefolgt.

Wie geht es unserem Sorgenkind, dem Dorsch, in der westlichen Ostsee?

Aktuell eigentlich gut, er lag Anfang 2019 auf der Grenze zwischen dem gelben und grünen Bereich. Auch die Nahrungssituation für den Westdorsch ist prima. Nachdem der Bestand 2015 kollabiert war, hat er 2016 einen sehr starken Jahrgang produziert. Davon profitieren die Fischer wohl noch bis ins Jahr 2021. Wir haben nur ein Problem: Die Jahrgänge 2017 und 2018 waren wieder extrem schwach, der ganze Bestand besteht also aus einem einzigen Jahrgang. Das heißt, die Perspektive ist miserabel. Selbst wenn der Jahrgang aus 2019 gut sein sollte, wird der Dorschbestand wieder stark abnehmen. Wir empfehlen eine Quotenreduzierung um 60 bis 75 Prozent.

Mal Hand aufs Herz, hat die deutsche Küstenfischerei überhaupt noch eine Zukunft?

Wir stehen definitiv vor einer fundamentalen Strukturänderung der deutschen Küstenfischerei an der Ostsee. Die Berufsfischer hangeln sich von Krise zu Krise, parallel dazu gibt es Vorschriften, wie lange die Politik überhaupt Subventionen zahlen darf. Ich vermute, dass der ein oder andere Heringsfischer aufgeben wird. Wenn man sich zudem die Altersstruktur der deutschen Küstenfischer anschaut, dann haben viele die Altersgrenze erreicht. Mit 55 Jahren können Fischer abschlagfrei in den Ruhestand gehen. Dennoch brauchen die Küstenregionen eine lebendige Fischerei, und ich bin davon überzeugt, dass sie eine Zukunft hat.

Was würde passieren, wenn die Küstenfischerei für ein paar Jahre geschlossen wird?

Dann sind die Menschen weg, sie suchen sich einen anderen Job. Die Küstenfischerei ist dann für immer verschwunden, die Fische werden stattdessen mit großen Fangschiffen in kürzester Zeit gefangen. Deshalb erscheint es uns sinnvoll, jedenfalls Teile der Fischerei am Leben zu halten und lieber die Erholung der Bestände über einen längeren Zeitraum zu strecken, um die Fischereistrukturen zu erhalten. Das wird jetzt eine politische Entscheidung sein.

Das müssen Sie bitte erklären.

Es gibt in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern rund 200 Fischer, die vom Heringsfang leben. Über 50 Prozent ihrer Einkünfte werden in der kurzen Heringssaison erzielt. Wenn die Fangmengen nun um weitere 60 Prozent reduziert werden, bleibt vielleicht genug Heringsquote für 80 der 200 Fischer. Dann muss sich die Politik entscheiden, ob 120 Fischern der Ausstieg ermöglicht wird. Oder man geht davon aus, dass in fünf Jahren eine realistische Chance besteht, dass sich der Heringsbestand wieder im grünen Bericht befindet, dann müssen alle 200 Fischer so lange subventioniert werden. Ich gehe aber davon aus, dass die Zahl der Fischer in den nächsten Jahren deutlich sinken wird.

Könnten die guten Plattfischfänge den Fischern helfen?

Scholle und Flunder geht es in der westlichen Ostsee ausgezeichnet, und die Anlanderlöse sind aktuell sogar noch besser als beim Dorsch. Nur sind die Fangmengen insgesamt deutlich geringer, als sie es für den Dorsch einmal waren.

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