Heinz Gumin Preis: Kieler Professor erhält rennomierte Mathe-Auszeichnung
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Heinz Gumin Preis: Kieler Professor erhält rennomierte Mathe-Auszeichnung

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14:13 28.11.2020
Von Kristiane Backheuer
Der Kieler CAU-Professor Wolfgang Hackbusch ist in der Welt der Zahlen zu Hause. Abakus und Taschenrechner braucht er nicht bei seiner Arbeit. Aber fürs Foto kramt er dann doch in seine Schränken und fördert die bunte Rechenhilfe zutage. Für seine „bahnbrechenden Beiträge zur numerischen Mathematik“ erhielt er am Freitag den Heinz-Gumin-Preis – den höchstdotierten deutschen Mathe-Preis.
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Kiel

Ein Kieler Professor erhielt jetzt den höchstdotierten Mathematikpreis Deutschlands. Doch statt großer Feierlichkeiten in München, spannender Vorträge und eines Kolloquiums ihm zu Ehren gibt es für Wolfgang Hackbusch erst einmal nur eine Urkunde per Post. Corona macht der persönlichen Verleihung des Heinz Gumin Preises einen Strich durch die Rechnung. So ist Zeit, mit dem 72-Jährigen in seinem Haus in Molfsee über schwankende Brücken, Wettervorhersagen und partielle Differentialgleichungen zu plaudern.

Bahnbrechende Beiträge zur numerischen Mathematik 

Um einen Termin bei Prof. Wolfgang Hackbusch werden uns jetzt Mathematiker aus aller Welt beneiden. Sie würden mit ihm über seine  bahnbrechenden Beiträge zur numerischen Mathematik, über hierarchische Matrizen und Tensoren fachsimpeln und nebenbei locker das ein oder andere Problem knacken.

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Laien verstehen da leider nur Bahnhof. Aber der Wissenschaftler, der seit 1982 an der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel lehrte und einer der Direktoren am Max-Planck-Institut in Leipzig war, kann sich zum Glück auch einfach ausdrücken. „Das Problem an der Mathematik ist, dass sie nicht gesehen wird“, sagt er. „Dabei steckt sie überall. Zum Beispiel verborgen in Computer-Programmen.“

Als die Millenium Bridge in London ins Schwanken geriet

Mit seinen wissenschaftlichen Forschungen wollte und will er immer praktische Probleme lösen. Er erzählt von der Millenium Bridge in London, die bei der Eröffnung 2000 durch die große Zahl an Besuchern ins Schwanken geriet und erst nach einer zweijährigen Sperrung und aufwendigen Nachbesserungen wieder eröffnet werden konnte.

„Partielle Differentialgleichungen und ihre richtige Umsetzung in Gleichungssysteme mit sehr vielen Unbekannten können helfen, dass so etwas nicht passiert“, sagt er. Mit Differentialgleichungen werden, so der Professor, verschiedenste physikalische Vorgänge beschrieben.

Das Wetter zuverlässig voraussagen 

Bei der Berechnung der entstehenden Gleichungssysteme sei man auf schnelle Lösungsverfahren angewiesen, die in der numerischen Mathematik entwickelt werden. „Es gibt keine Wettervorhersage ohne hinreichend schnelle Berechnung.“ Ein viel verwendetes Lösungsverfahren seien die Mehrgittermethoden, über die er 1985 ein Buch schrieb. Viele Bücher sollten später noch folgen. Sogar ins Chinesische wurde sein erstes Werk übersetzt.

Als Neuntklässler gab er Elftklässlern Nachhilfe

Schon als Kind in Westerstede (Niedersachsen) war Wolfgang Hackbusch fasziniert von den Naturwissenschaften. Er las sich durch die Bibliothek seines Großvaters, der Volksschullehrer war, liebte das Schachspiel und das Denken. Als Neuntklässler gab er bereits Elftklässlern Nachhilfe.

Dass Wolfgang Hackbusch vielleicht ein wenig anders tickt als andere Menschen, bestätigt seine Frau Ingrid (72) lachend. Einmal hätte auf der Terrasse ganz viel Schnee gelegen, erzählt sie. „Das sah bezaubernd aus.“ Ihr Mann allerdings sagte nur: „Da kann man gut die Eckensingularität erkennen.“

Ein Werdegang voller herausragender Leistungen

Wolfgang Hackbusch studierte Mathematik und Physik an den Universitäten Marburg und Köln. 1980 übernahm er eine Professur an der Ruhr-Universität Bochum. Zwei Jahre später wechselte er auf die Professur für Praktische Mathematik am Informatik-Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Von 1999 bis seiner Pensionierung Anfang 2014 war er Wissenschaftliches Mitglied und Direktor am Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften in Leipzig und zugleich Honorarprofessor der Universität Leipzig. Für seine herausragenden wissenschaftlichen Leistungen erhielt er zahlreiche Ehrungen und Preise, unter anderem den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis.

Seine Frau war eine der ersten Programmiererinnen bei Bayer-Leverkusen

Zum Glück ist Ingrid Hackbusch quasi vom Fach und hat viel Verständnis für die etwas andere Denkweise ihres Mannes. Als eine der ersten Programmiererinnen arbeitete sie einst bei Bayer-Leverkusen. Die Welt der Zahlen liegt also beiden.

Doch das Ehepaar genießt inzwischen den Ruhestand. Ihre beiden Kinder sind nicht in die mathematischen Fußstapfen getreten. „Aber unser Enkel“, sagt Wolfgang Hackbusch vergnügt. „Der hat schon als kleiner Knirps gesehen, was ich mache und wollte immer ganz große Zahlen mit mir errechnen.“ Inzwischen ist er elf und hat bereits eine Klasse übersprungen.

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Die Mathematik ist wie Rätselraten

Wolfgang Hackbusch erinnert sich, dass seine eigenen Kinder mal im Kindergarten gefragt wurden, was denn der Papa macht. Die Antwort war: „Der macht Krickelkrakel auf Papier und wirft es anschließend weg.“ Darüber kann Wolfgang Hackbusch heute noch lachen. „Ja, die Mathematik ist wie Rätselraten.“ Offene mathematische Fragestellungen zu lösen, bedeute für ihn, in unbekannte Gebiete vorzudringen und neue Pfade anzulegen. „Dabei weiß ich nie, was dabei herauskommt.“

Von Tensoren des Grenzranges drei

Auf seinem Schreibtisch liegt gerade ein wissenschaftlicher Aufsatz, den er demnächst an eine amerikanische Fachzeitschrift schicken will. Darin geht es um Tensoren des Grenzranges drei. Zu welchen Ergebnissen er kommt, wird die Fachwelt vermutlich auch im Sommer erfahren. Wenn das Corona-Problem gelöst wird, soll er dann den Heinz Gumin Preis für Mathematik persönlich in München überreicht bekommen und wird dann einen Vortrag zum Thema halten.

Der Heinz-Gumin-Preis

Der Heinz Gumin Preis für Mathematik der Carl Friedrich von Siemens Stiftung wird alle drei Jahre an einen herausragenden Mathematiker im deutschen Sprachraum verliehen.  Mit 50.000 Euro handelt es sich um den höchstdotierten Mathematikpreis in Deutschland.

Schon jetzt lobt Stiftungsvorstand Thomas O. Höllmann: „Wolfgang Hackbuschs Arbeiten schöpfen aus tiefliegenden analytischen und komplexitätstheoretischen Einsichten elegante und effiziente numerische Methoden von hoher Relevanz für Anwendungen, zum Beispiel in der Fluiddynamik und der Quantenchemie.“

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