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Schleswig-Holstein Was die City zum Glut-Ofen macht
Nachrichten Schleswig-Holstein Was die City zum Glut-Ofen macht
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21:26 25.07.2019
Von Ulrich Metschies
Sonenschirm auf, Jalousie runter: Innenstädte heizen sich infolge der Klimaerwärmung besonders stark auf. Quelle: Frank Peter
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Kiel

„Im Tagesmaximum liegen die Temperaturen in größeren Städten um drei bis vier Grad über den Werten in der weniger bebauten Umgebung“, sagt Daniela Jacob vom Climate Service Center Germany (Gerics) mit Sitz in Hamburg. Als Grund für dieses Temperaturgefälle nennt die Meteorologin vor allem drei Faktoren.

Gründe für das Temperaturgefälle zwischen Stadt und Land

Erstens: Riesige Flächen aus Stein, Beton und Asphalt erwärmen sich nicht nur stärker als die natürliche Umgebung, sondern fungieren auch als Hitzespeicher. Folge: Die ersehnte Nachtabkühlung fällt in der Stadt spürbar geringer aus als auf dem Land. Verstärkt wird dieser „Wärmeinseleffekt“ noch, wenn es kaum Grün- und Wasserflächen gibt, die durch Verdunstungskälte für Entlastung sorgen.

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Zweitens: Früher wurden im Städtebau relativ großzügig so genannte Frischluftschneisen freigehalten – etwa entlang von Straßen oder Flüssen – um die Luftzufuhr in die urbanen Zentren zu verbessern. In Zeiten von Wohnungsmangel und steigenden Grundstückspreisen wurden diese Schneisen zunehmend durch Bebauung verengt.

Auch der dritte Faktor geht auf Kosten der Durchlüftung: In der Vergangenheit wurden viele Baulücken geschlossen – nicht nur, um mehr Wohnraum zu schaffen, sondern auch, um Heizenergie zu sparen. „Beide Ziele sind absolut berechtigt“, so Jacob, „aber der Preis ist auch ein wachsendes Hitzeproblem.“

Temperaturen über 30 Grad sind kritisch für Mensch und Infrastrukur

Klar ist: Durch den Klimawandel werden unsere Städte perspektivisch immer häufiger zu sommerlichen Glut-Öfen, die vor allem alten und gesundheitlich eingeschränkten Menschen das Leben zur Qual machen können. Am Beispiel Hamburg hat das zur Helmholtz-Gemeinschaft gehörende Gerics einmal berechnet, wie die globale Erwärmung die Sommer in größeren Städten bis Mitte des Jahrhunderts verändert.

Demnach könnte die Zahl heißer Tage mit Höchsttemperaturen über 30 Grad um bis zu acht Tage im Jahr zunehmen – selbst wenn es gelingt, den Klimaanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen. Über 30 Grad: Das ist eine Größenordnung, die auch kritisch wird für Infrastruktur wie Straßen, Schienen oder Stromleitungen.

Ergebnisse sind auch auf Kiel übertragbar

Noch deutlicher zunehmen wird demnach die Zahl der schwülen Tage, an denen Luftfeuchtigkeit in Verbindung mit hoher Temperatur eine gesundheitlich kritische Schwelle überschreiten. Hier erwartet das Gerics im Extremfall einen Anstieg um bis zu 23 Tage und im Mittel immerhin noch eine Zunahme um fünf Tage im Jahr. Auch wenn Kiel nicht unbedingt eine Metropole ist: Auch auf die Landeshauptstadt seien diese Ergebnisse prinzipiell übertragbar, sagt Jacob: „Aber natürlich ist der Wärmeinseleffekt umso stärker, je größer eine Stadt ist.“

Was können Stadtplaner tun, um den Sommer in der City möglichst erträglich zu gestalten? Die Antworten ergeben sich aus den Ursachen für die urbane Aufheizung: „Je mehr Grün und je mehr Wasser wir in die Städte holen, desto besser“, sagt die Expertin. Mit dem Bau des Holsten-Fleet ist Kiel also immerhin beim Thema Wasser auf dem richtigen Weg.

Trennung von Wohnen und Arbeiten aufbrechen

Hilfreich, so Jacob, sei zudem eine weniger dichte Bebauung und die Verwendung von Materialien, die sich weniger stark aufheizen und einen besseren Temperaturausgleich ermöglichen, wie etwa Holz oder Lehm. Zudem plädiert Jacob dafür, die Trennung von Wohnen und Arbeiten so gut es geht aufzubrechen. Viel Kreativität sei gefragt, im das Umland so weit zu beleben, dass die Menschen nicht mehr ständig zwischen Stadt und Land hin- und herfahren müssten: „Das würde nicht nur dem Klima helfen, sondern würde auch den Städten Luft verschaffen.“

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Ulf Billmayer-Christen 25.07.2019