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Schleswig-Holstein „Wir müssen etwas vermitteln, was die Menschen nicht mehr hören wollen“
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Holocaust: Wie Erinnerungskultur ohne Zeitzeugen funktionieren kann - Interview mit Ruth Ur zu "Licht zeigen"

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16:43 18.01.2022
Von Dennis Betzholz
Anlässlich des 75. Jahrestages zur Befreiung des KZ Auschwitz hat die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in den vergangenen zwei Jahren die Ausstellung „Survivors“ in Essen organisiert. Ruth Ur, Yad-Vashem-Direktorin für den deutschsprachigen Raum, sieht darin ein Beispiel für eine Erinnerungskultur in einer Zeit ohne Zeitzeugen.
Anlässlich des 75. Jahrestages zur Befreiung des KZ Auschwitz hat die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in den vergangenen zwei Jahren die Ausstellung „Survivors“ in Essen organisiert. Ruth Ur, Yad-Vashem-Direktorin für den deutschsprachigen Raum, sieht darin ein Beispiel für eine Erinnerungskultur in einer Zeit ohne Zeitzeugen. Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa, Jörg Gläscher
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Kiel

Nach einer mehr als 20 Jahre langen internationalen Karriere beim British Council ist Ruth Ur heute die Geschäftsführerin des Freundeskreises Yad Vashem und Direktorin für den deutschsprachigen Raum von Yad Vashem. Die internationale Gedenkstätte ist die weltweit führende Institution zum Thema Holocaust und verantwortlich dafür, die Erinnerung an diese Zeit wachzuhalten. Doch mehr als 75 Jahre nach den Gräueltaten werden die Menschen, die selbst Opfer des Nazi-Regimes wurden, immer weniger.

Frau Ur, wie wichtig sind Zeitzeugen für Ihre Arbeit?

Ruth Ur: Es gibt nichts Beeindruckenderes und Überzeugenderes, als mit einem Überlebenden zu sprechen. Aus erster Hand zu erfahren, was damals geschehen ist, ist der beste Weg. Ich merke jedes Mal, wenn ich im Zuge meiner Arbeit mit Zeitzeugen spreche, dass die Authentizität nicht mit Audio-Aufnahmen zu ersetzen ist. Erst vor zwei Wochen wieder.

Erzählen Sie.

Yad Vashem zeichnet im Auftrag des Staates Israel nichtjüdische Menschen mit dem Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ aus, die unter nationalsozialistischem Regime Jüdinnen und Juden vor der Ermordung gerettet haben. Im bayrischen Arzberg wurde nun Elise Conrad posthum ausgezeichnet, als 641. Deutsche von insgesamt fast 28.000 Menschen weltweit. Sie hatte Anfang 1945 einen jungen und sehr kranken Juden aus Ungarn bei sich aufgenommen, nachdem sie gesehen hatte, wie dieser aus einer Pfütze Wasser trank. Ihre Kinder nahmen die Medaille nun während einer kleinen Zeremonie entgegen. Das Besondere war: Der Gerettete selbst lebt noch, er ist heute 98 Jahre alt und hat eine Botschaft übermittelt. Er habe das Glück gehabt, sagte er, drei Mütter gehabt zu haben: die, die ihn geboren hat, Elise Conrad, die ihm das Leben gerettet hat, und La France, die ihn nach dem Krieg aufgenommen hat. Dieses Gefühl in diesem Raum kann nichts ersetzen. Es fühlte sich an, als habe jemand tief in die Historie hineingegriffen und diese Geschichte herausgeholt.

Diese Erlebnisse werden bald nicht mehr möglich sein: Die Zeitzeugen sterben aus. Wie geht Yad Vashem damit um?

Das ist unsere große Herausforderung. Die Aufgabe von Yad Vashem ist die Sammlung und Dokumentation von Informationen über den Holocaust. Dazu gehören auch die Lebensgeschichten von Zeitzeugen. Hier in Deutschland überlegen wir uns Wege, das Material aus Yad Vashem und die Stimmen der Zeitzeugen so nah wie möglich an die Menschen bringen.

Ruth Ur dreht sich um, schwenkt den Bildschirm zu einem eingerahmten Plakat, das auf dem Schrank hinter ihr steht. Das Gespräch findet per Videoschalte statt, Ur sitzt in ihrem Büro in Berlin.

Dies ist ein Plakat der Ausstellung „Survivors“, die – organisiert und kuratiert von Yad Vashem und deutschen Partnern – 2019 und 2020 in Essen stattfand, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz. 75 Überlebende wurden von Martin Schoeller porträtiert, sie alle leben heute in Israel, kommen aber aus unterschiedlichen Orten. Diese Menschen mit neuer Frische zu fotografieren und das auf riesigem Format darzubieten, war etwas ganz Besonderes. Die Ausstellung steht für unsere Aufgabe: den Holocaust sachlich, aber mit frischem Blick und einer zeitgenössischen Sprache zu vermitteln. Wir versuchen, in Deutschland eine Brücke zu bauen: zu vermitteln, was Yad Vashem anzubieten hat und wie wir das vor dem deutschen Publikum verwenden können – natürlich anders als in den USA, in Großbritannien oder in Südafrika.

Wie sieht dieser Unterschied konkret aus?

In anderen Ländern, in denen innerhalb Europas der Holocaust stattgefunden hat, kann jeder mit dem Finger auf Deutschland zeigen – mit dem Verweis: „Das waren die wahren Täter.“ Die Deutschen haben eine andere Beziehung zu dem Thema. Es gibt hierzulande eine Holocaust-Ermüdung. Ich bin erschrocken, wie oft ich – auch von gebildeten Menschen – Sätze gehört habe wie „Das ist doch vorbei“ oder „Ich kann es nicht mehr hören – das habe ich schon alles in der Schule gelernt“. Gleichzeitig ergab eine Studie zum Holocaust: Mehr als jeder dritte Befragte (37 Prozent) antwortete, es solle ein Strich unter das Thema gezogen werden, er oder sie sei fertig damit. Das hat mich motiviert, diesen Job vor zwei Jahren zu übernehmen.

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Das macht Ihre Arbeit aber nicht leichter.

Es ist eine kreative und fordernde Aufgabe: Wir müssen überlegen, wie wir etwas vermitteln, was die Menschen nicht mehr hören wollen. Wir möchten erreichen, dass jeder in Deutschland weiß, was Yad Vashem ist und warum es relevant ist. Es sollen Begegnungen geschaffen werden, die können auch ganz klein sein. Aber wenn es diesen einen Berührungspunkt gibt, kann dieser eine ganze Welt öffnen. Das gelingt zum Beispiel auch durch das Projekt „Licht zeigen“ mit den Kieler Nachrichten oder unsere virtuelle „IRemember Wall“ (Anm. d. Red.: Dort kann sich jeder anmelden und wird zufällig mit einem der Millionen Opfer verbunden. Der eigene Name wird dann mit dem Foto des Ermordeten und seiner Vita auf der virtuellen Wand verknüpft).

Was erwidern Sie jemandem, der für sich feststellt, dass er „fertig mit dem Holocaust“ ist?

Es ist das dunkelste Kapitel der Gesellschaft, für das es keine Vergleiche in der Geschichte gibt. Es ist eine Frage der Menschlichkeit, nicht einer bestimmten Gruppe. Der Holocaust muss eine Erinnerung sein an das, was Menschen anderen Menschen antun können. Das betrifft uns alle.

Gleichzeitig nimmt der Antisemitismus zu.

Antisemitismus war immer da. Ich habe ihn in Deutschland tatsächlich seltener erlebt als in anderen Ländern, in denen ich gelebt habe. Gleichzeitig leben wir in schwierigen Zeiten. Was vor der Pandemie klar war, ist heute nicht mehr klar. Das verängstigt die Menschen – und in ihrer Angst greifen sie auf Gedanken, die weit hinten in ihrem Kopf gespeichert sind, zurück. Leider ist der Antisemitismus einer jener Gedanken.

Sie sind auch verantwortlich für den Freundeskreis Yad Vashem, ein Verein, dessen Aufgabe es ist, die Beziehung zwischen Deutschland und der Gedenkstätte zu stärken. Wie steht es um den Verein?

Der Freundeskreis Yad Vashem besteht seit 25 Jahren. Ich bin stolz darauf, wie viel wir geschafft haben: Wir haben Partnerschaften mit Institutionen auf Bundes- und Landesebene geschlossen, haben mehrere Ausstellungen organisiert und arbeiten mit großen Firmen zusammen, wie der Deutschen Bahn, der Deutschen Bank, Volkswagen, Daimler und Borussia Dortmund. Und das Tolle ist, eine Mitgliedschaft kostet nur 100 Euro im Jahr. Trotzdem ist die geringe Mitgliederzahl enttäuschend – und auch beschämend, dass wir im Land der Täter nur so wenige Mitglieder haben. Das müssen wir ändern.