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Schleswig-Holstein Lehrer findet 161 Pflanzen auf Baugrund
Nachrichten Schleswig-Holstein Lehrer findet 161 Pflanzen auf Baugrund
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19:00 13.07.2019
Von Heike Stüben
Jörg Fiester (von links), Klaus Pfeiffer (beide Gemeinde) und Michael Trunsch (VR Bank) zeigen die „Fläche der Vielfalt“ mitten in Probsteierhagen. Quelle: Ulf Dahl
Probsteierhagen

Die Geschichte über rätselhafte Funde, die Kraft der Natur und den Einfluss des Menschen beginnt auf den ersten Blick erst im Jahr 2017. Damals lässt die VR Bank Ostholstein Nord - Plön ihre Filiale gegenüber der Kirche in Probsteierhagen abreißen. Das Grundstück wird durch einen Bauzaun gesichert. Kein schöner Anblick, findet Klaus Pfeiffer von der Gemeinde. Er schlägt der VR-Bank Ostholstein Nord-Plön eG vor, die Fläche mit einem Holzgeländer zu begrenzen.

Die VR-Bank spielt sofort mit

Die VR-Bank stimmt sofort zu und überlegt, eine Blühwiese anzulegen. Erst einmal aber soll das Grundstück regelmäßig gemäht werden. Doch dann bitten Jörg Fiester und Erik Christensen vom Umweltbeirat darum, das Grundstück sich selbst zu überlassen. Die Bank ist auch dazu bereit und erlaubt Christensen, die Fläche regelmäßig zu untersuchen.

Eine glückliche Fügung. Denn der pensionierte Lehrer ist einer der raren Artenkenner im Land. Als Vorsitzender der botanischen Fachgesellschaft (AG Geobotanik Schleswig-Holstein/Hamburg), kartiert er seit Jahren die Pflanzenwelt im Kreis Plön.

Erik Christensen, AG Geobotanik Schleswig-Holstein/Hamburg

Sofort ist klar: Das ist etwas Besonderes

Als Erik Christensen in diesem April die Fläche mitten in Probsteierhagen erstmals unter die Lupe nimmt, ist ihm sofort klar: Das hier ist etwas ganz Besonderes. „Dreimal habe ich die Arten dokumentiert und jedes Mal habe ich neue Arten gefunden.“

Bisher hat er auf der kleinen Fläche sensationelle 161 Pflanzenarten identifiziert – darunter etliche Rote-Liste-Arten wie die Wilde Malve, den Gewöhnlichen Hornklee und die Kuckuckslichtnelke. „Eine derartige Artenfülle und Zusammensetzung auf engem Raum habe ich noch nicht erlebt." Und der 73-Jährige hat schon viel gesehen und einiges wiederentdeckt.

Ein Rätsel: Wie kommt die Pflanze hierhin?

Geradezu der Atem sei ihm gestockt, als er ein Exemplar der Schaben-Königskerze entdeckte. Diese gelbblühende Pflanze ist in Schleswig-Holstein nur einmal dokumentiert worden – vor 100 Jahren. Heimisch ist sie in Süd- und Mitteldeutschland. Heute steht sie als gefährdet auf der Roten Liste des Bundes. Wie aber kann diese Pflanze dann mitten in der Probstei blühen?

Bisher hat Erik Christensen auf der kleinen Fläche sensationelle 161 Pflanzenarten identifiziert.

Christensen hat dafür nur eine Erklärung: Da hat jemand unbeabsichtigt nachgeholfen. „Wahrscheinlich hat der Samen an Autoreifen oder an Kleidung gehaftet. Direkt neben der Fläche ist ja ein Parkplatz. Viele Touristen halten hier, um die Kirche oder das Café zu besuchen.“ Solche Samenverschleppung komme häufiger vor. Doch dass er in unseren Breiten keimen und sich gegen die Konkurrenz durchsetzen konnte, das sei sehr ungewöhnlich.

Das Geheimnis des Wermuts

Rätselhaft ist auch ein weiterer Fund: Wermut. Die alte Arzneipflanze war zwar früher häufig in Küchengärten auf den Dörfern zu finden. Doch dort war sie irgendwann nicht mehr geduldet. Sie verwilderte und steht heute auf der Roten Liste Schleswig-Holstein. Wie sie jetzt nach Probsteierhagen gekommen ist? Erik Christensen geht davon aus, dass die Lösung der Rätsels buchstäblich im Boden liegt.

Der ist nicht nur kalkreich, locker und besonnt, sondern geradezu jungfräulich: Denn das Bankgebäude hat ihn seit Anfang der 70er-Jahre vor Bewegung und Einflüssen wie Stickstoff aus der Luft geschützt. Damit bietet der Boden für viele selten gewordene Pflanzen ideale Bedingungen. „Bevor die Bank gebaut wurde, soll es dort einen Stall mit Hofplatz gegeben haben. Wahrscheinlich wuchs dort damals noch Wermut und der Samen hat über Jahrzehnte im Boden überdauert - bis er durch den Abriss wieder eine Chance bekommen hat.“

Der Rat: mehr Gelassenheit, weniger Versiegelung

Für Christensen zeigt der Hot Spot der Artenvielfalt aber noch etwas anderes. „Die Natur braucht Trittsteinen, also geeignete Flächen, wo Arten einige Zeit überdauern können, bevor sie von dort weitere Trittsteine besiedeln können. Von solchen Trittsteinen gibt es heute viel zu wenige, aber diese Fläche ist einer davon. Und das ist der guten Kooperation von Gemeinde und Bank zu verdanken.“

Es sei deshalb wichtig, Flächen für zwei, drei Jahre brach liegen zu lassen. „Alle sprechen von Blühflächen und wollen Blühwiesen anlegen. Sie sind auch zweifellos wichtig. Aber noch wichtiger wären mehr Flächen, die wir der Natur überlassen, damit sich dort etwas entwickeln kann. Also mehr Gelassenheit! Nicht jede Ecke sauber halten, nicht alles versiegeln. Die vielfältigen Lebensgemeinschaften, die sich auf Brachen entwickeln können, können wir nicht nachbauen.“

Und so soll es weitergehen

So gut es war, die Fläche sich selbst zu überlassen – eine dauerhafte Strategie ist das nicht. Denn, so erklärt Jörg Fiester vom Umweltbeirat, ohne Eingriffe würde sich bald bestimmte Arten durchsetzen, die Fläche irgendwann verbuschen und viele Arten verschwinden – wenn sie keine geeignete Fläche in der Nähe besiedeln können. Fiester und Christensen wollen deshalb nachhelfen: Sie wollen versuchen, einige Raritäten an den Dorfteich umzusiedeln. Vor allem soll die Wiese gegen Sommerende nach alter Art mit der Sense gemäht, das Mähgut dann mit Heugabeln gewendet und auf einem Reuter getrocknet werden. Ein Fachmann aus dem Museumsdorf Molfsee hat bereits zugesagt, diese traditionelle Dreibein aus Holz dafür zu bauen. Möglich ist das alles nur, weil die VR Bank Osthostein Nord-Plön eG mitspielt. „Wir planen zwar einen Neubau auf der Fläche, stehen aber noch am Anfang. Bis zum Baubeginn geben wir der Natur Raum zur Entfaltung und Dr. Christensen die Möglichkeit, das spannende Projekt weiter zu führen“, versichert Philipp Wieck von der VR Bank Ostholstein Nord-Plön

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