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Schleswig-Holstein Das Rauschen im Walde
Nachrichten Schleswig-Holstein Das Rauschen im Walde
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14:00 25.10.2013
Die beiden Harris Hawks Tristan (hinten) und Lancelot (vorne) begleiteten den Waldspaziergang. Quelle: Picasa
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Westensee

Bevor wir mit den Vögeln in den Wald gehen, erklären mir Klaudia und ihre Assistentin Tara Jansen, wie ich mich den Vögeln gegenüber verhalten und worauf ich bei der Arbeit mit den Tieren achten soll. Klaudia sagt, es sei wichtig, dass ich mich ruhig verhalte und keine schnellen Bewegungen mache. Wenn der Greifvogel auf meiner Hand sitzt, soll ich darauf achten, dass mein Daumen oben auf der geschlossenen Faust liegt und die Faust höher als der Ellenbogen ist. Wenn ich im Wald einen Vogel zu meiner Faust rufe, soll ich ihm den Handrücken entgegen halten. Wenn ich ihn wieder wegschicken möchte, soll ich ihn mit der Brust in die Richtung halten, in die er fliegen soll.

Heute begleiten uns die Harris Hawks Lanzelot, Akasha und Merlin. Nachdem ich die Einweisung bekommen habe, lerne ich die Vögel kennen und darf sie sogar streicheln. Das Brustgefieder der Vögel ist sehr weich und flauschig warm. Während ich Lanzelots Brust streichle, beobachtet er mich sehr genau. Man hat das Gefühl, dass seinen Augen nichts entgeht. Auf ein Zeichen von Klaudia hin gehen wir in den Wald. Die Vögel fliegen neben uns her.

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Wir sind an diesem sonnigen Mittwochnachmittag im Wald von Gut Bossee in Westensee unterwegs. Der Herbst ist da, das erste verwelkte Laub liegt schon im Park des Herrenhauses. Mit den Greifvögeln gehen wir nun durch eine Landschaft voller uralter Eichen. Man kann nichts hören außer dem Rascheln des Laubes und den zwitschernden Singvögeln. Immer wieder ruft Klaudia die Vögel zusammen und gibt mir Fleisch, damit ich sie belohnen kann, wenn sie bei mir auf der Hand landen.

Wie aus dem Nichts taucht plötzlich von hinten ein Vogel auf. Im letzten Moment höre ich das leise Rauschen der Schwingen und hebe reflexartig die Handschuhhand, und darauf landet – Lanzelot. Es ist jedes mal ein sehr schönes Gefühl, wenn der Vogel so elegant auf meine Hand schwebt. Schon hebt er wieder ab und landet einige Meter vor mir auf einem Ast, wieder mustert er mich interessiert.

Nachdem wir eine ganze Weile durch den Herbstwald gewandert sind, taucht hinter einer Kurve eine kleine Burgruine auf. Klaudia erklärt, dass diese schon als künstliche Ruine errichtet und als geheimer Treffpunkt genutzt wurde. Unterhalb der Ruine fließt ein kleiner Bach vorbei. Leider waren wir nicht lange an der Burg, sondern machten uns wieder auf den Rückweg. Während wir auf dem Rückweg querfeldein durch den schönen alten Wald des wohl schon fast 500 Jahren alten Gut Bossee gingen, fühlte ich mich plötzlich sorgenfrei und war erfüllt von Freude. Kein Gedanke wurde mehr verschwendet. Ich genoss das Gefühl der letzten herbstlichen Sonnenstrahlen auf meiner Haut und das besondere Erlebnis, von diesen wilden und freien Tieren begleitet zu werden. Besonders beeindruckt mich, dass sie immer wieder freiwillig zurück zu mir oder ihren Falknern kommen.

Während des Spazierganges erzählt Klaudia, dass die Harris Hawks eine Besonderheit unter den Greifvögeln sind, denn es ist die einzige Art, die im Schwarm lebt und jagt. Dadurch sind die Vögel in der Lage, eine besonders enge Bindung zu dem Menschen aufzubauen und ihn als Mitglied in ihrer Gruppe zu akzeptieren. Das wiederum macht die Arbeit mit ihnen so einfach. Sie haben immer eine genaue Vorstellung von dem, was ihr Falkner von ihnen möchte, und äußern ihre Vorstellung auch sehr genau, sodass man gut verstehen kann, was der Vogel einem mitteilen möchte, wenn man erst einmal weiß, worauf man achten muss.

Klaudia erzählt mir, dass sie sich genau dies in der Therapie mit den Greifvögeln zu Nutze macht, da sie immer so genau und direkt Rückmeldung geben, können die Kinder ganz alleine prüfen ob sie alles richtig machen, und benötigen dafür nur selten die Rückmeldung des Therapeuten oder Falkners. Besonders Kinder mit Konzentrationsproblemen kommen zu ihr, um durch die Arbeit mit den Vögeln ihre Konzentrationsfähigkeit zu verbessern. Man muss sich im Umgang mit den Falken stark konzentrieren, muss auf viele Kleinigkeiten achten.

Besonders faszinierend ist, dass die Vögel alles freiwillig machen. Geschimpft wird eigentlich nie. „Damit würde man ohnehin nicht weit kommen“, erklärt Klaudia lachend, „die Vögel sind und bleiben freie Wesen, die man nur durch viel Geduld und positive Motivation (in Form von Futter) und viele gute Angebote zur Zusammenarbeit bewegen kann.“

Als ich mit den Vögeln im Wald war, ließ ich den Alltag hinter mir und dachte nicht an die Schule oder die Hausaufgaben, sondern ich habe einfach nur die Natur und die besondere Nähe zu den Greifvögeln genossen. Diesen Tag mit den beeindruckenden Greifvögeln der Horusfalknerei werde ich wohl nie vergessen.

Von Henrik Schulz, Klasse 8c, Hans-Brüggemann-Schule Bordesholm