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Schleswig-Holstein In der Kinderstube der Schweinswale – Whalewatching auf der Flensburger Förde
Nachrichten Schleswig-Holstein In der Kinderstube der Schweinswale – Whalewatching auf der Flensburger Förde
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08:29 03.09.2019
Der Nabu bietet seit 2015 in den Sommermonaten Whalewatchingtouren auf der Flensburger Förde an. Die Förde ist eine Kinderstube der Schweinswale, der einzigen heimischen Walart der Ostsee.
Der Nabu bietet seit 2015 in den Sommermonaten Whalewatchingtouren auf der Flensburger Förde an. Die Förde ist eine Kinderstube der Schweinswale, der einzigen heimischen Walart der Ostsee. Quelle: Ingo Wagner/dpa
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Flensburg

Drei, vier Mal tauchen sie kurz hintereinander aus dem Wasser der Flensburger Förde auf. Von den Wellen sind die kleinen dunklen Erhebungen auf den ersten Blick nur schwer zu unterscheiden. Dennoch, Aufregung erfasst die knapp ein Dutzend Passagiere der „Flora II“. „Da, ein Schweinswal!“, rufen die Ersten. Der Kapitän drosselt das Tempo. Fast alle an Bord können einen Blick auf die kleinen Wale - ein Muttertier und ihr Kalb - erhaschen. Auch wenn das Schauspiel einige hundert Meter entfernt stattfindet und nach weniger als einer Minute wieder vorbei ist, sind die Gäste der von der Naturschutzorganisation Nabu organisierten Tour über die Förde zufrieden.

Anders als ihre manchmal durchziehenden bekannteren Verwandten, die Großen Tümmler, ziehen die nur etwa 1,50 Meter großen Schweinswale wenig Aufmerksamkeit auf sich. Das liegt auch daran, dass sie normalerweise nicht komplett aus dem Wasser springen oder neugierig neben Booten und Schiffen her schwimmen, wie Jan Langmaack vom Nabu Schleswig-Holstein erklärt. Zum Atmen taucht lediglich der Rücken aus dem Wasser auf, bevor der Zahnwal in einer rollenden Abwärtsbewegung wieder abtaucht.

Bis in den September an der Küste unterwegs

2015 hat der Nabu Schleswig-Holstein die ersten „Whalewatching“-Touren auf der Flensburger Förde angeboten. Ziel der Beobachtungsfahrten ist es, Urlauber, aber vor allem auch Anwohner für den Schutz der Schweinswale in der Ostsee zu sensibilisieren. „Auch viele Einheimische wissen gar nicht, dass der Schweinswal hier hergehört“, sagt Langmaack.

Dabei ist die Flensburger Förde eine der „Kinderstuben“ dieser Meeressäuger, wie die Leiterin der Nabu-Landesstelle Schweinswalschutz, Dagmar Struß, sagt. In den Sommermonaten und bis in den September hinein seien die Tiere regelmäßig an der Küste unterwegs und suchten an Abbruchkanten und Muschelbänken nach Nahrung. In der warmen Jahreszeit leben jedes Jahr mehrere Kleinfamilien in der Flensburger Förde. Im Winter zieht es sie eher ins tiefere Wasser.

Schweinswale teilen sich in zwei Populationen

Die Schweinswale in der Ostsee teilen sich nach Angaben des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund in zwei Populationen: In die der westlichen Beltsee und die der zentralen Ostsee. Die Bestandszahlen der Beltsee-Tiere gelten den Angaben zufolge nach aktuellen Nachforschungen als unsicher und deuten auf einen Rückgang hin. Die Tiere der zentralen Ostsee stehen mit nur noch wenigen Hundert Individuen schon auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten der Weltnaturschutzunion (IUCN).

An der deutschen Ostseeküste verenden nach Nabu-Angaben jährlich rund 150 bis 200 Tiere. Aus der Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine Schriftliche Anfrage der grünen Bundestagsabgeordneten Steffi Lemke geht hervor, dass vergangenes Jahr 203 tote Schweinswale angespült wurden. 134 davon in Schleswig-Holstein, 69 in Mecklenburg-Vorpommern.

Beifang durch Stellnetze häufigste Todesursache

Für die bedrohte Art sei es wichtig, dass sich Menschen für sie einsetzten, sagt Struß. „Denn bei den menschgemachten Ursachen der Bedrohungen hat sich noch nicht viel getan.“ Die Schweinswal-Expertin beobachtet mit Sorge aktuelle Studien, nach denen die durchschnittliche Lebenserwartung der Ostseeschweinswale unter vier Jahre gesunken ist. „Das ist eine dramatische Entwicklung“. Denn die Geschlechtsreife der weiblichen Tiere setze erst mit etwa 5 Jahren ein und dann bekämen sie nur alle ein bis zwei Jahre ein Junges.

Nach Angaben des Nabu ist Beifang durch Stellnetze die mit Abstand häufigste Todesursache. Doch auch Lärm, Nährstoffeinträge, Überfischung und fehlende Schutzgebiete setzten den Tieren sehr zu. Der Nabu fordert zum Schutz der einzigen heimischen Walart die Meeresschutzgebiete der Ostsee mindestens zu 50 Prozent als Nullnutzungszonen auszuweisen, in denen dann neben der Fischerei auch Schifffahrt, Rohstoffabbau und der Bau industrieller Anlagen verboten sein soll. Bisher ist all dies in den Schutzgebieten noch erlaubt.

Muschelbänke als Nahrungsgründe

Langmaacks Gäste haben es sich an Deck der „Flora II“ gemütlich gemacht. Die Blicke schweifen über das glitzernde Wasser, die Küste, die dänischen Ochseninseln. Mit seinen Worten zieht Langmaack die Whalewatcher aber unter die Wasseroberfläche. Er berichtet von den verschiedenen Lebensräumen in der Ostsee und speziell in der Flensburger Förde.

Von den Seegraswiesen, in denen viele Tiere ihre Kinderstube haben. Denn zwischen den Pflanzen sind sie geschützt vor Fressfeinden. Und von den Miesmuschelbänken, die „Hotspots“ der Artenvielfalt seien. Allein 13 verschiedene Nacktschneckenarten habe er bei seinen Tauchgängen in der Innenförde entdeckt, sagt Langmaack. Und auch den Schweinswalen dienen die Muschelbänke als Nahrungsgründe.

Entstehung toter Zonen möglich

Doch die Schönheit der Förde ist bedroht - etwa durch Muschelfischerei, Munitionsaltlasten oder auch Überdüngung. Greenpeace hat die Förde und weitere küstennahe Gebiete der Ostsee auf sogenannte tote Zonen, die durch Überdüngung entstehen und in denen fast nichts mehr lebt, untersucht. In der Flensburger Förde und in der Kieler Förde wurden jeweils ab einer Wassertiefe von etwa acht Metern Sauerstoffkonzentrationen von weniger als zwei Milligramm pro Liter am Meeresboden gemessen. Das ist laut Greenpeace-Experten der Grenzwert für „schlechte Sauerstoffbedingungen“. Die Entstehung toter Zonen ist möglich.

Auch Langmaack hat bei seinen Tauchgängen in der Förde bereits solche toten Zonen, die auch temporär sein können, entdeckt. Fotos davon zeigt er den Gästen auf der „Flora II“. Denn für die Naturschützer ist es wichtig, dass möglichst viele Menschen wissen, dass es auch unter Wasser eine schützenswerte und bedrohte Fauna und Flora gibt. „Denn oft werden einfach aus Unwissenheit Entscheidungen getroffen, die schlecht für die Natur sind.“

Von RND/dpa

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