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Schleswig-Holstein Heimat am anderen Ende der Welt
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14:00 25.10.2013
Von KN-online (Kieler Nachrichten)
Rose Jesse liebt es zu tanzen. Das passende Samba-Outfit darf da nicht fehlen. Quelle: privat
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Kiel

Frau Jesse, wann sind Sie nach Deutschland gekommen?

Ich bin erst im Juli 2003 mit fast 40 Jahren nach Deutschland gekommen. Eigentlich wollte ich schon als junge Erwachsene nach Deutschland, vor allem wegen der Arbeit. Als Grundschullehrerin verdient man in Brasilien nicht sehr viel Geld, aber das war nicht der Hauptgrund, warum ich nach Deutschland wollte. Vielmehr begeisterten mich Land und Leute. Im Januar 2003 lernte ich in einem Lokal in Sao Paulo zufällig einen deutschen Professor kennen, der in Deutschland eine Firma besaß. Er bot mir dort eine Stelle als Übersetzerin an und ich ergriff diese Chance.

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Wie haben Sie sich in Deutschland verständigt? Konnten Sie schon vorher Deutsch sprechen?

Nein, ich konnte neben meiner Muttersprache Portugiesisch „nur“ Spanisch und Englisch, leider kein Deutsch (sie lacht). Richtig Deutsch habe ich erst durch meinen deutschen Ehemann gelernt, außerdem habe ich noch einen Deutschkurs für Migranten an der Volkshochschule besucht. Mit meinem Mann unterhalte ich mich jedoch überwiegend auf Spanisch, weil es einfacher und schneller geht, mit unseren deutschen Freunden und meiner neuen Familie hier verständigen wir uns aber auf Deutsch.

Können sie uns etwas zur Schulbildung in Brasilien erzählen?

In Brasilien gehen alle Kinder bis auf die Indios (Anm.: Ureinwohner Brasiliens) im Alter von sieben bis vierzehn Jahren zur Schule. Die öffentlichen Schulen sind wie in Deutschland kostenlos. Wir haben dort ähnliche Unterrichtsfächer wie in Deutschland, aber auch ganz andere, wie z.B. Körperpflege (sie zeigt stolz ihre kunstvoll lackierten Fingernägel). Allerdings kennen wir nicht so viele unterschiedliche Schularten, an die achtjährige Grundschule schließt sich gegebenenfalls nur noch eine drei- bis vierjährige Sekundarstufe an.

Was gefällt Ihnen besonders gut in Deutschland?

Mein Ehemann. Ich liebe blonde Haare und grüne Augen. Außerdem gefallen mir die deutschen Namen, deshalb habe ich auch den Nachnamen meines Mannes angenommen. Statt Mendez dos Santos heiße ich jetzt Jesse mit Nachnamen. Klingt doch schön, oder? Das deutsche Essen schmeckt mir auch sehr gut. Bis auf die Sommermonate ist es mir hier aber zu kalt.

Und was gefällt Ihnen besonders gut in Brasilien?

Natürlich mag ich Brasilien, weil es mein Heimatland ist und dort meine Familie lebt, aber auch, weil es viele freundliche und hilfsbereite Menschen gibt. Diese sind auch nach meinem Eindruck lebenslustiger und offener als die Deutschen. Außerdem ist das Klima in ganz Brasilien deutlich wärmer als in Deutschland. Allerdings ist der Unterschied zwischen armer und reicher Bevölkerung wesentlich größer als hier. Viele Arme leben in Slums und haben keine Chance auf Bildung und Arbeit, also auch keine Chance, aus den Slums herauszu-kommen.

Mit welchem Land verbinden Sie das Wort Heimat?

 Meine Heimat ist und bleibt Brasilien. Ich denke, das kann man gut verstehen, schließlich habe ich dort meine gesamte Kindheit verbracht und viele brasilianische Verwandte wohnen noch heute dort. Das sind meine Mutter und meine beiden Schwestern mit ihren Familien. Mindestens alle zwei Jahre besuche ich sie mit meinem Mann. Auf diese Wochen freue ich mich immer sehr, auch, wenn ich hier in Deutschland jetzt auch eine Familie habe.

Hatten Sie persönlich Probleme sich zu integrieren – oder wurde es Ihnen leicht gemacht?

Ich persönlich hatte überhaupt keine Probleme. Ganz im Gegenteil, viele interessieren sich im positiven Sinne für meine Herkunft. Ich habe mich sehr schnell in Deutschland eingelebt und wurde hier von allen sehr freundlich aufgenommen. Geholfen beim Einleben haben mir mein Mann und viele Freunde. Durch die Musik und den Tanz lernt man viele Menschen kennen. Das verbindet natürlich und dann ist es auch egal, aus welchem Land man kommt.

Haben Sie Fremdenfeindlichkeit in Brasilien wahrgenommen?

Nein, Fremdenfeindlichkeit habe ich nie wahrgenommen. Das mag daran liegen, dass die Bevölkerung einen ausgesprochenen Mischcharakter hat. Viele sind portugiesischer, spanischer oder italienischer Abstammung. Hinzu kommen noch viele andere Völker, die vor langer Zeit nach Brasilien eingewandert sind.

Wie stellen Sie sich ihre Zukunft vor?

Ich möchte zusammen mit meinem Mann glücklich alt werden und hoffe, dass wir noch viele gemeinsame Auftritte haben werden. Nis ist nämlich leidenschaftlicher Musiker und bei einigen seiner Engagements trete ich als Bauchtänzerin auf. Tanzen liegt uns Brasilianern im Blut (sie freut sich und zeigt uns ein paar Samba-Schritte). Wir genießen unser Leben hier sehr und sind gerade in ein altes Fachwerkhaus gezogen. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass wir, wenn wir alt sind, in Brasilien leben werden.

Von Emma Friedrichs und Kim Fey, Klasse 9a, Hebbelschule Kiel