Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Schleswig-Holstein Irene Johns: „Kinderschutz ist in der Krise doppelt wichtig“
Nachrichten Schleswig-Holstein

Interview mit Irene Johns vom Kinderschutzbund: „Kinderschutz ist in der Krise doppelt wichtig“

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:30 21.11.2020
Von Heike Stüben
Irene Johns ist Landesvorsitzende vom Kinderschutzbund. Quelle: Ulf Dahl; Peter Kneffel/dpa
Anzeige
Kiel

Frau Johns, haben wir Kinder und Jugendliche in der Krise genug im Blick?

Irene Johns: Am Anfang hatte die Politik Kinder und Jugendliche tatsächlich nicht im Blick. Als im Lockdown Kitas und Schulen geschlossen wurden, war das oft eine extreme Belastung für die ganze Familie. Kinder, die unter Armutsbedingungen leben – und das ist jedes fünfte Kind in Schleswig-Holstein und in Kiel ist sogar jedes dritte Kind arm oder von Armut bedroht – war das eine extreme Einschränkung. Homeschooling war für diese Kinder meist unmöglich zu bewerkstelligen. In beengten Wohnverhältnissen, oft ohne eigenen Arbeitsplatz und ohne die nötige digitale Ausstattung sind diese Kinder oft rausgefallen aus dem Unterricht. Wir haben leider erlebt, dass viele dieser Kinder auch nach den Sommerferien den Anschluss nicht mehr geschafft haben. Da sind zusätzliche Angebote, um Lernstoff nachzuholen, dringend notwendig. Das machen wir an vielen Stellen, zum Beispiel in Rendsburg oder im Blauen Elefanten in Kiel.

Anzeige

Wie hat sich die Situation der Familien verändert?

Die Familien stehen viel mehr unter Druck durch Kontaktbeschränkungen, aber auch finanziell durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit. Die Nachfrage in unseren Kleiderstuben ist so groß wie nie zuvor. Und als im Lockdown das kostenfreie Mittagessen in Kita und Schule wegfiel, war das oft ein finanzielles Problem. Wir haben in der Zeit ganz viel Hilfe, zum Beispiel mit Lebensmittelgutscheinen, leisten müssen. Wir haben Mütter erlebt, die hatten Tränen in den Augen, als sie einen Gutschein über 25 Euro bekamen. Der Kinderbonus von 300 Euro kam leider zu spät. Die Erfahrung in der Pandemie bestätigt mich in der Forderung: Wir brauchen jetzt endlich die Grundsicherung für Kinder, um ihr Existenzminium zu sichern. Bis sie da ist, muss der Hartz-IV-Regelsatz um 100 Euro im Monat aufgestockt werden. Kinderarmut muss jetzt politisch Priorität haben.

Was macht die Corona-Krise mit Kindern?

Wir erleben – und das bestätigt auch eine große Studie am Universitätskrankenhaus Eppendorf –, dass psychische und psychosomatische Auffälligkeiten zunehmen. Kinder klagen über Bauch- und Kopfschmerzen. Gerade Kinder von sozial belasteten Familien sind in besonderem Maß betroffen. Jüngere Kinder geben sich oft selbst die Schuld, wenn Eltern durch Corona Probleme haben. Da ist es wichtig, dass Eltern den Kindern das Ganze erklären und ihnen sagen: „Mama und Papa passen schon auf“, um den Kindern die Last zu nehmen.

So können Sie helfen

Der Verein KN hilft ruft in diesem Jahr zu einer Spendensammlung für den Kinderschutzbund im Verbreitungsgebiet der Kieler Nachrichten und der Segeberger Zeitung auf. Dafür ist das Konto – Stichwort Gutes tun im Advent bei der Förde Sparkasse eingerichtet: DE052105 0170 1400 2620 00. Bitte vermerken Sie das Stichwort „Gutes tun im Advent“. Möchten Sie nicht, dass Sie als Spender in der Zeitung erwähnt werden, schreiben Sie bitte hinter den Verwendungszweck den Hinweis „kein Name“. Möchten Sie eine Spendenbescheinigung, vermerken Sie bitte „Spendenbescheinigung“ und Ihre Adresse. Alle Spenden, die bis Ende des Jahres eingehen, werden an den Förderverein des Kinderschutzbundes überwiesen. Damit werden zusätzliche Hilfen für von der Krise betroffene Kinder, Jugendliche und Familien finanziert.

Wie reagieren Jugendliche auf die Einschränkungen?

Aus einer Jugendstudie mit 5000 Befragten wissen wir, dass sich viele Jugendliche alleingelassen mit den Sorgen fühlen. Da fehlen Gespräche mit Eltern und im Lockdown natürlich auch mit Freunden. Damals ist gerade für die Jugendlichen die Welt, die nach außen gerichtet ist, zusammengebrochen. Alles, was Jugend ausmacht, war vorbei, und es hat keiner gefragt, wie es ihnen damit geht. Deshalb muss eine erneute Schließung von Schulen und auch Kitas unbedingt verhindert werden. Ehe man Schulen schließt, muss man vielleicht sagen: weniger Unterricht. Und auch bei den jetzigen Einschränkungen haben wir deshalb gefordert, dass für Erwachsene, Kinder und Jugendlichen nicht der gleiche Maßstab gilt. Kann man nicht für Jugendliche und Kinder Sporthallen öffnen und Gruppen zulassen? Sie brauchen Freiräume.

Wie verändert die Pandemie die Arbeit des Kinderschutzbundes?

Corona zeigt uns, dass Kinderschutz in Krisen doppelt wichtig ist. Denn die Zahl der Kinder, Jugendlichen und Familien, die Hilfe brauchen, ist durch die Corona-Einschränkungen deutlich gestiegen. Gleichzeitig fallen durch die Corona-Beschränkungen die meisten Entlastungsmöglichkeiten weg – zum Beispiel, weil man nicht mehr in den Sportverein gehen oder sich mit Freunden treffen kann. Wir können keine Gruppenangebote mehr machen, sondern nur noch in Einzelgesprächen unterstützen. Das kostet aber viel mehr Zeit, und wir würden das gerne noch ausweiten, zum Beispiel für Familienpaten, aber dazu bräuchten wir mehr Geld. Deshalb freuen wir uns über die Aktion „Gutes tun im Advent“. Spenden ermöglichen zusätzliche Hilfen und Angebote für mehr Menschen.

Lesen Sie auch: Verein KN hilft sammelt Spenden für den Kinderschutzbund

Was können ihre Beraterinnen konkret tun?

Corona verschärft Probleme und Krisen. Stellen Sie sich ein junges Paar mit neugeborenem Baby vor, der Vater ist durch Corona in Kurzarbeit, die wirtschaftliche Lage der Familie angespannt, die junge Mutter völlig isoliert. Gruppenangebote für junge Mütter können zurzeit ja nicht stattfinden. Das Baby schreit oft über lange Phasen, die Mutter kann nachts nicht schlafen, über ihr bricht alles zusammen. Sie hat sich zum Glück bei uns gemeldet. In solchen Situationen können unsere Fachberaterinnen zumindest Hausbesuche machen. Allein der Satz „Wie geht es Ihnen?“ führt zu einer ersten Entlastung. Es gab noch nie so viele weinende Menschen in der Beratung wie in der Pandemie. Und unsere Fachberaterinnen von den „Frühen Hilfen“ machen so viele Hausbesuche wie nie.

Fürchten Sie, dass Kinder durch die Corona-Krise auch mehr Gewalt erleben?

Das ist zu befürchten. Wobei mir wichtig ist, dass Gewalt oft aus Überforderung, aus wirtschaftlichen oder gesundheitlichen Krisen und auch aus Unwissenheit entsteht. Eltern wollen das vermeiden, deshalb suchen viele Hilfe. Am Elterntelefon haben wir seit Beginn der Krise 50 Prozent mehr Anrufe. Wir sind in der Krise aber auch besonders darauf angewiesen, dass die Bevölkerung sensibel ist. Wenn ich viel Geschrei höre, dann sollte ich mal klingeln und nachfragen, wie es geht. Und wenn ich mich selbst nicht traue, dann sollte ich beim Jugendamt oder dem Kinderschutzbund Hilfe holen. Das ist kein Denunziantentum, sondern Hilfe für Kinder.

Sie sagen, Gewalt wächst manchmal auch aus Unwissenheit. Ein Beispiel?

Eine Mutter berichtete, dass ihre Tochter sie immer in den Bauch trete. Es stellte sich heraus, dass es ein dreimonatiges Baby ist, dass beim Wickeln immer kräftig strampelt. Was Lebensfreude war, interpretierte die Mutter als Angriff und reagierte dementsprechend, indem sie die Füße des Babys festhielt. Als ich das Verhalten des Babys dann erklärte, konnte die Mutter das Kind verstehen und sich auch anders ihm gegenüber verhalten. Deshalb sind „Frühe Hilfen“, bei denen unsere Fachberaterinnen in die Familien gehen, als Prävention so wichtig.

Es gibt auch die andere Seite von Gewalt: kriminelle Täter, die mit Bildern von Kindesmissbrauch viel Geld machen. 2019 wurde in Schleswig-Holstein in 465 Fällen wegen Herstellung, Nutzung und Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt. Erleichtert die Pandemie solche Taten?

Die Besorgnis ist groß, dass Täter durch Corona mehr Möglichkeiten zu diesen Taten haben. Deshalb ist es so wichtig, dass Kitas und Schulen auf jeden Fall geöffnet bleiben. Nicht nur für die Entwicklung und Bildung, sondern um den Schutz von Kindern zu gewährleisten. Denn oft sind es Erzieherinnen und Lehrkräfte, die die Signale missbrauchter Kinder erkennen und dann Hilfe bei uns oder den Jugendämtern suchen. Deshalb: Ehe man die Schulen schließt, lieber weniger Unterricht.

Der Kinderschutzbund kümmert sich aber auch um ältere Kinder und Jugendliche mit kranken Eltern. Wie wirkt sich dort die Pandemie aus?

Oft ist gar nicht bekannt, was Kinder und Jugendliche bereits leisten müssen. Ich denke da an eine Zwölfjährige, deren Mutter krebskrank ist und gerade die Chemotherapie durchmacht, also eine Hochrisikopatientin ist. Die Tochter hilft ihr, wo sie kann, und lebt in einer dauerhaften Anspannung: Sie hat panische Angst, sich mit Corona anzustecken und dann das Leben ihrer Mutter zu riskieren. Diese coronabedingte Belastung kommt noch zu der alltäglichen Angst, ob die Mutter den Krebs überlebt. Eine Zwölfjährige ist damit natürlich überfordert. Dafür habe wir das Projekt Young Carers, also junge Sorgende, das allein durch Spenden finanziert wird: Unsere Beraterin telefoniert oder trifft sich zu Spaziergängen mit solchen Kindern und Jugendlichen, bespricht mit ihnen Sorgen und Ängste. Aber besser wäre es, wenn das wie vor Corona wieder in einer Gruppe stattfinden könnte. Dort können sich die Betroffenen auch gegenseitig stützen.

Was erwarten Sie vom Weihnachtsfest für die Familien?

Das kommt darauf an, wer zusammenkommen darf. Ich glaube, dass Weihnachten anders sein wird. Und ich befürchte, dass es Kinder aus sozial benachteiligten Familien schlimm erwischt. Wir hoffen, dass wir das im Vorfeld etwas auffangen können – vielleicht durch eine Weihnachtsfeier auf dem Spielplatz. Das ist eine gute Idee, weil sonst alle Angebote, die schön sind, für die Kinder wegfallen.

Interview: Heike Stüben

Christian Longardt 09:30 Uhr
08:35 Uhr
KN-online (Kieler Nachrichten) 08:48 Uhr