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Schleswig-Holstein Massentierhaltung: Tierschützerin spricht Klartext
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13:40 16.01.2020
Von Heike Stüben
Stefanie Pöpken spricht im KN-Interview über Tierhaltung in Deutschland. Quelle: Provieh
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Kiel

Frage: Frau Pöpken, ProVieh wurde 1973 von zwei Schwestern in Heikendorf gegründet, weil sie bei einer landwirtschaftlichen Exkursion erlebt hatte, wie Mastkälber gehalten wurden. Wie geht es Kälbern heute?

Stefanie Pöpken: Kälber dürfen laut Verordnung maximal neun Wochen allein gehalten werden. Für soziale Tiere ist das zu lang. Dann kommen sie in einer Gruppe in eine Mastbucht. Die kann in einem Tretmiststall oder Tiefstreustall sein oder – wie in vielen Altbauten – auf einem Spaltenboden aus Beton. Dort wachsen sie förmlich in die Box hinein. Das Gesetz billigt einem sechs Monate alten Rind, das bis zu 220 Kilogramm wiegt, eine Fläche von 1,8 Quadratmetern zu. Für das weitere Leben gibt es keine Regelung, höchstens Empfehlungen. Ich kann also auch einen 600 Kilogramm-Bullen auf dieser Fläche halten. Wir haben lange gegen Käfighaltung beim Huhn angekämpft. Bei Mastrinder ist es immer noch erlaubt, dass sie aufgereiht nebeneinander stehen, wenig Platz haben, oft in eigenen Exkrementen liegen, und auch mal auf dem Nachbarrind stehen.

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Was ist mit den Milchkühen?

Milchbauern klagen zu Recht über den geringen Milchpreis. Das treibt sie immer weiter in die Richtung, noch mehr Milch zu produzieren. Anfang des 20. Jahrhunderts hat eine Kuh 3000, 4000 Liter Milch im Jahr gegeben – heute sind es im Schnitt 9000, teilweise 12.000 Liter.

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Die Zucht war darauf ausgerichtet, dass zwischen den Geburten der Kälber möglichst viel Milch fließt. Das hat die Kühe allein schon äußerlich verändert: Wir haben heute knochige Kühe mit großem Euter und wenig Fleisch. Kühe können 20 Jahre alt werden. Doch heute werden sie meist nach fünf Jahren getötet. Das bedeutet eine Verschwendung von Lebewesen.

Was passiert da mit den männlichen und weiblichen Kälbern?

Wenn sie nicht für die Nachzucht infrage kommen, verdient der Milchbauer kein Geld, deshalb müssen sie schnell runter vom Betrieb. Die Kälber werden nach 14 Tagen abgeholt und zu Sammelstellen gebracht. Das bedeutet Stress, andere Umgebung, andere Herde. Dort bekommen sie Antibiotika – prophylaktisch oder weil irgendein Kalb krank ist – und werden dann weiterverkauft, stundenlang ins Ausland transportiert, nach Holland, Spanien.

Im Oktober kostete solch ein Kalb 8,49 Euro – ein paar Euro für ein lebendes Tier. Was wir nicht brauchen, schaffen wir zur Seite. Das fühlt sich wirklich nach „Wegwerfkuh“ an. Ich sehe dabei die Bauern nicht als alleinige Schuldige. Die Verantwortung trägt meiner Meinung nach die gesamte Gesellschaft.

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Müssen Milchkühe Zugang zur Weide haben?

Ich darf meine Kühe das ganze Jahr im Stall lassen, denn Auslauf ist – abgesehen von der Freilandhaltung der Legehennen – grundsätzlich nicht geregelt oder vorgeschrieben, wenn wir vom Ökolandbau absehen. Für die Landwirtschaft ist ja neben dem Tierschutzgesetz die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung relevant. Und die enthält die schon genannte Regelung für Kälber bis sechs Monate, Legehennen, Masthühner und Schweine, aber nichts für Milchkühe, Rinder über einem halben Jahr, auch nichts für Puten, Enten, Gänse, Schafe, Ziegen, Pferde. Da gibt es nichts Verpflichtendes.

Es wäre aber nötig. Und die deutsche Politik könnte all diese Tierhaltungen regeln, um die Tiere besser zu schützen.

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Das Tierschutzgesetz verbietet, Tieren ohne vernünftigen Grund Schmerzen zuzufügen. Warum ist es immer noch erlaubt, Ferkel ohne jede Betäubung zu kastrieren und ihre Schwänze zu kupieren? 

Weil das Tierschutzgesetz zahlreiche Ausnahmeregelungen enthält, zum Beispiel wenn Tiere sich sonst möglicherweise selbst oder andere verletzen. Damit wird das Kupieren begründet. Dabei ist der Ringelschwanz ein Indikator für Tierwohl. Wenn Schweine intakte Ringelschwänze haben, dann fühlen sich die Tiere wohl. Eine Ausnahmeregelung ist dafür da, bei einem kurzzeitigen Missstand zu helfen. Sie soll aber nicht die Ausnahme zur Regel machen.

Was ist mit dem Kastenstand für Sauen?

Der Kastenstand ist eine Gitterkonstruktion um die Sau herum. Sie kann sich hinlegen, aufstehen, zwei Trippelschritte vor und zurück gehen, sonst ist da kein Bewegungsspielraum. Oft sind die Kastenstände zu kurz. Nach der Besamung im Kastenstand sollen sie einige Zeit in Gruppe laufen dürfen, bis sie in den Ferkelschutzkorb kommen. Das ist ein etwas größerer Kastenstand, in dem die Tiere ihre Ferkel zur Welt bringen, aber weiter unter Bewegungskontrolle sind und ihre Ferkel nicht totdrücken können.

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Für die Sauen ist das eine Quälerei, denn sie haben den Trieb, ein Nest für ihre Ferkel zu bauen und wollen einen sauberen Platz herrichten. Die Sau kann sich nicht drehen, kotet und uriniert, wo sie liegt, also dort, wo später die Ferkel geboren werden. Die Sau will sich um die Ferkel kümmern. Auch das geht im Ferkelschutzkorb nicht.

Eine Sau hat zwölf Zitzen. Wenn sie aber 20 Ferkel zur Welt bringen, müssen die um die zwölf Zitzen kämpfen. Da geht die Zucht in die falsche Richtung. Die Sau ist durch den Ferkelschutzkorb zur permanenten Fütterung der Jungen gezwungen. Sie kann ja nicht mal zwischendurch weg, wie sie es bei einem Nest mit Auslauf machen würde.

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Soll das nicht geändert werden?

Wenn es nach dem Bundeslandwirtschaftsministerium geht, wird es 15 Jahre so weiter praktiziert. Denn so lange soll der Ausstieg aus dem jetzigen Kastenstand dauern – ein Armutszeugnis für die Regierung. Und nach den 15 Jahren wird der Kastenstand nicht abgeschafft, sondern minimal vergrößert. Mutig wäre die Abschaffung. Zurzeit steht eine Sau die Hälfte ihres Lebens in einem Käfig. Da müssen wir doch handeln!

Diese Art von massenhaftem Tierverbrauch bedroht auch die Artenvielfalt und heizt die Klimaerwärmung an. Was fordern Sie?

Landwirtschaft ist der am stärksten subventionierte Bereich. Das ist auch in Ordnung, wenn sich die Landwirtschaft nachhaltig um Ernährung, aber auch um Boden, Wasser und Luft kümmert. Nachhaltig ist aber nicht, Getreide in Biogasanlagen verstromen zu lassen, anstatt es zur Ernährung zu nutzen, nur weil der Preis gerade niedrig ist. Nachhaltig ist auch nicht, so viele Tiere zu halten beziehungsweise ernähren zu müssen, dass global fast 80 Prozent der Agrarflächen dafür notwendig sind.

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Wenige Tiere bedeutet weniger Fleisch und weniger Milch und Milchprodukte.

Es gibt zu viel Fleisch und zu viel Milch. Das ist schlecht für die Tiere, für die Artenvielfalt und auch für das Klima. Das sollte sich ändern und das geht nur über politische Regelungen, bewussteres Konsumverhalten, ein Umdenken in der Landwirtschaft und eine fairere Preisgestaltung durch die Lebensmittelkonzerne. Deshalb gehen Menschen am Sonnabend bei „Wir haben es satt“ auf die Straße. Wir müssen in der Landwirtschaft eine neue Wertschöpfung und eine neue Wertschätzung für die Landwirtschaft herstellen. Eine Agrarwende ist unerlässlich.

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Stefanie Pöpken hat Landwirtschaft studiert mit dem Ziel, in die Entwicklungshilfe zu gehen. Heute engagiert sie sich bei ProVieh aus Kiel. Warum sie das tut und welche Ziele der Verein hat, darüber haben wir mit ihr gesprochen.

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