Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Schleswig-Holstein Warum Kinder mitreden sollen
Nachrichten Schleswig-Holstein Warum Kinder mitreden sollen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:12 12.06.2019
Von Karen Schwenke
Zurück auf den Spielteppich: Michael Selck, Landesgeschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, verschafft sich in der Demokratie-Kita Rappelkiste in Bovenau einen Einblick. Quelle: Uwe Paesler
Kiel.

Herr Selck, Sie wollen Kindern in den Kitas mehr Mitsprache und Entscheidungsfreiheit einräumen. Warum?

Michael Selck: Grundsätzlich geht es bei dem partizipativen Erziehungsansatz darum, dass Kinder ihre Bedürfnisse und Grenzen selbst kennenlernen. Das gilt vor allem für die Selbstwahrnehmung. Besonders deutlich wird das bei den Themen Ernährung und Bewegung. Wenn man keine festen Essenszeiten vorgibt, dann essen Kinder, wenn sie Hunger verspüren, und entwickeln so ein natürliches Sättigungsgefühl. Und wenn sie nicht stundenlang auf dem Stuhl sitzen müssen, sondern ihrem spontanen Bewegungsdrang nachgeben dürfen, entwickeln sie ebenfalls ein Gefühl für sich selbst. Das ist in den ersten sechs Lebensjahren entscheidend. Nur so entstehen selbstbewusste Menschen, nämlich Menschen, die sich über sich selbst sehr bewusst sind. 

Stellen wir uns wir uns ein Beispiel aus dem Kita-Alltag vor: Ein Kind will seine Jacke nicht anziehen und im T-Shirt rausgehen, obwohl es draußen eiskalt und nass ist. Darf es das?

Ja, klar darf es das. Denn wenn das Kind seine Bedürfnisse kennt, weiß es, wann es friert und wann nicht. Dabei ist selbstverständlich sichergestellt, dass die Fürsorgepflicht, insbesondere im Hinblick auf die Gefährdung von Kindern und den Gesundheitsschutz immer gewahrt wird. Verantwortung für Kinder zu übernehmen, heißt im Hinblick darauf nicht, Kindern ihre möglichen Entscheidungsrechte zu nehmen, sondern Entscheidungsbefugnisse zu geben. 

Sie verfolgen diesen Ansatz in Ihren Demokratie-Kitas. Was und wie dürfen die Kinder dort noch mitbestimmen?

Es geht uns darum, dass Kinder nicht nur lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu äußern, sondern diese auch vor einer Gruppe zu vertreten und Kompromisse zu finden für gemeinsame Entscheidungen. Dafür sind Abstimmungsprozesse nötig. In den Demokratie-Kitas gibt es – quasi analog zu unserer parlamentarischen Demokratie – ein Kinderparlament, in dem Delegierte aus den Gruppen über bestimmte Fragen abstimmen; etwa über den Speiseplan, über Aktivitäten, Gruppenregeln, die Gestaltung eines Sommerfestes oder eines neuen Spielplatzes. Bei solchen Entscheidungen sind Kinder sehr kreativ und häufig viel klüger, als wir es vermuten. Dabei entwickeln sie auch gegenseitige Rücksichtnahme. Sie lernen also all das, was für Demokratie letztendlich so wichtig ist.

Und was dürfen Kinder nicht entscheiden?

Das Konzept ist nicht zu verwechseln mit antiautoritärer Erziehung. Den Kindern werden durchaus Grenzen gesetzt; wo eine gesundheitliche Gefährdung besteht und die Fürsorgepflicht der Erzieher eintritt. In welchem Rahmen, das entscheiden die Mitarbeiter. Jede Demokratie-Kita gibt sich dafür eine eigene Verfassung, in der die Mitarbeiter festlegen, was die Kinder entscheiden dürfen. Die Frage ist: Was wollen wir den Kindern zutrauen, was können wir leisten? Ein fester Rahmen verschafft natürlich Sicherheit. Und je mehr die Erzieher davon abweichen, je mehr Macht sie also abgeben, desto größer sind auch ihre Herausforderungen. Deswegen gibt es Verfassungen mit wenigen Mitbestimmungsbereichen und Verfassungen, die den Kindern sehr viele Entscheidungen überlassen. Die Paragraphen der Verfassung sind sowohl für die Mitarbeiter als auch die Kinder verbindlich.

Derzeit ist das Thema Demokratie der Awo offenbar besonders wichtig. Zum 100-jährigen Bestehen veranstalten Sie dazu in dieser Woche auch eine Fachtagung in Heide. Weshalb gerade jetzt?

Kinderschutz war schon vor 100 Jahren ein Schwerpunktthema der Awo und ist es heute immer noch. Unsere Demokratie-Kitas basieren auf dem Konzept „Kinderstube der Demokratie“. Bei den undemokratischen Tendenzen, die es gerade in der Gesellschaft gibt, ist es gut, dass wir mit Demokratie-Entwicklung dort beginnen, wo Menschen noch am meisten lernen. 

Nicht zuletzt hat die Europawahl ja gezeigt, wie fragil Demokratien sind. Kann frühkindliche Erziehung in den Kitas tatsächlich etwas für die Demokratie tun, sie stärken? 

Ja. Demokratie, Toleranz und Solidarität sind auf jeden Fall Tugenden, die in der frühkindlichen Phase durch partizipative Bildung gelernt werden. Unsere Grundhaltung ist dabei, dass Gerechtigkeit keine Frage des Alters ist. Alle Menschen haben das Recht, an unserer Gesellschaft teilzunehmen. Es ist völlig egal, wie alt ein Mensch ist, welches Handicap er hat und welcher Kultur oder Religion er angehört. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Demokratie funktioniert. 

Wenn das vor allem in den Demokratie-Kitas gelingt, fragt sich, wie verbreitet das Konzept ist.

Wir haben 2010 begonnen, das Konzept systematisch in der gesamten Organisation einzuführen. Dafür hat die Awo zusammen mit dem Sozialministerium und dem Institut für Partizipation und Bildung ein Zertifizierungssystem entwickelt. Bisher hat sich ein Viertel unserer 100 Kitas im Land zertifizieren lassen, bis Ende 2020 sollen in Schleswig-Holstein aber alle AWO-Kitas das Zertifikat haben. 

Wird sich das Konzept der Demokratie-Kitas auch anderswo durchsetzen?

Wir sind sicherlich Vorreiter, aber auch andere Träger arbeiten mittlerweile an ähnlichen Konzepten. Partizipation ist schließlich eines der zentralen Themen in der frühkindlichen Bildung und die Voraussetzung für den Betrieb einer Kita. Auch der Kinderschutzparagraph VIII a des SGB 8 verlangt Teilhabe- und Beschwerdemechanismen in Kitas. Das Konzept gibt es bisher nur in der Kindertagesbetreuung. Wir sind zwar stolz, wie wir es umsetzen, aber wir fordern auch, dass es seine Fortsetzung in den Schulen findet. 

Ziehen denn die Eltern mit Ihnen an einem Strang? Oder beschweren sie sich, wenn ihr Kind, wie in unserem Beispiel, im Winter ohne Jacke draußen spielt?

Die Eltern reagieren unterschiedlich. Aber grundsätzlich erklären wir unser Konzept und beziehen die Eltern mit ein. Auf Elternabenden wird das in der Regel sehr interessiert diskutiert. Eltern können sich der Methode übrigens auch bedienen. 

Kinderschutz gehört ebenfalls zu Ihren zentralen Anliegen. Wie hängt das mit der Partizipation zusammen?

Durch Partizipation und Demokratie stärken wir Kinder und bringen ihnen bei, dass sie Rechte haben und ihre Stimme wichtig ist. Kinder gehören schließlich zu den Schwächsten in unserer Gesellschaft und bedürfen eines besonderen Schutzes. Sie haben die Neigung bei allem, was ihnen passiert – auch bei gewalttätigen oder sexuellen Übergriffen –, sich selbst die Schuld dafür zu geben. Der beste Kinderschutz ist es also, wenn Kinder selbstbewusst sind, wenn sie wissen, was ihnen gut tut und was nicht, und wenn sie das auch artikulieren können. Dann können sie Stopp sagen, oder sie können sich Hilfe holen. Kinder, die das alles nicht gelernt haben, halten still und schweigen.

Zur Person:

Michael Selck (54) ist seit 2010 Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt Schleswig-Holstein. Er hat an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel Sozialpädagogik und frühkindliche Bildung studiert. Anschließend war er bei der Arbeiterwohlfahrt in der Kinder- und Jugendhilfe tätig, und später verantwortlich für die Kindertagesbetreuung.

Schwerer Zugunfall bei Heide: An einem unbeschränkten Bahnübergang ist am Mittwoch ein Auto von einem Regionalzug erfasst und mehrere hundert Meter mitgeschleift worden. Der Autofahrer wurde schwer verletzt. Die Bahnstrecke Heide-Neumünster musste gesperrt werden.

12.06.2019

Ein einjähriges Kind ist am Mittwochnachmittag in Lübeck aus dem fünften Stock eines Mehrfamilienhauses gefallen und tödlich verunglückt. Erste Ermittlungen der Polizei haben ergeben, dass der Junge wahrscheinlich beim Spielen aus dem Fenster gefallen ist und so auf eine Straße stürzte.

12.06.2019

Reha gestrichen: Iris Richter aus Kiel ist nach einer Hirnblutung auf gutem Weg, doch dann stellt sich die Krankenkasse quer.

Heike Stüben 12.06.2019