Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Schleswig-Holstein Terrorpläne: Iraker legen Geständnisse ab
Nachrichten Schleswig-Holstein Terrorpläne: Iraker legen Geständnisse ab
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:18 04.11.2019
Den drei Männern aus dem Irak wird vorgeworfen, einen islamistisch motivierten Terroranschlag vorbereitet zu haben.  Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa/Archivbild
Anzeige
Hamburg

War es Langeweile, Manipulation, Überdruss, Sinnsuche? Wenige Monate genügten, um aus zwei religionsfernen Irakern, die als kurdische Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren, fanatische Islamisten zu machen. Ihre Radikalisierung über Chat-Foren im Internet, Videos und schließlich direkten Kontakt mit Islamisten in Syrien und Großbritannien ging schnell und war gründlich.

„Mein Mandant ist heute fassungslos über sich selbst“, sagte der Anwalt des Angeklagten Shahin F., Alexander Kirmeß. Auch der Angeklagte Hersh F. distanzierte sich von seinen Taten und von islamistischer Ideologie. Glaubt man ihren Worten, so erlebten sie eine Art Gehirnwäsche.

Anzeige

Konkrete Vorbereitungen

Die beiden 23-jährigen Iraker, die in Meldorf in Schleswig-Holstein lebten, gaben am Montag vor der Staatsschutzkammer des Hanseatischen Oberlandesgerichts zu, dass sie über einen Anschlag in Deutschland nachdachten und konkrete Vorbereitungen einzuleiten versuchten. Das habe ihnen ein Kontakt aus Großbritannien vorgeschlagen, da sie nicht selbst im Nahen Osten kämpfen könnten. Dieser Mann, der eventuell „Abdullah“ hieß, habe sie auch mit Bastelvideos zum Bombenbau und Anregungen zur Ausführung des Anschlags unterstützt und maßgeblich zu ihrer Radikalisierung beigetragen.

Die beiden Männer sind Cousins, kamen aber 2016 getrennt über die Balkanroute nach Deutschland. Sie zeichneten vor Gericht einen ähnlichen Lebensweg nach: Kaum Schulausbildung, keinen Beruf, Hilfsarbeiten, bittere Armut, einmal sieben Geschwister, einmal zwölf. Vom Islam wissen sie nichts oder nicht viel; in Deutschland trinken sie Alkohol, rauchen Haschisch, hängen in Spielhallen herum. Auch von Bordellbesuchen ist die Rede.

Im Januar verhaftet

Aber sie haben wenig Geld, kaum Aussicht auf Arbeit, sprechen nicht deutsch, können sich nicht qualifizieren. Erst die Internet-Kontakte mit einem „Chico“ in Syrien und „Abdullah“ scheinen ihnen einen Weg aufzuzeigen. Die Vorbereitungen für einen Anschlag sind stümperhaft und längst sind die beiden jungen Männer ins Visier der Behörden geraten. Im Januar dieses Jahres werden sie verhaftet.

Der dritte Angeklagte, ein 36-Jähriger, wurde von den beiden Haupttätern auf den Kauf einer Waffe angesprochen und hat diesen Wunsch an einen Kontaktmann weitergegeben, war selbst aber nicht Anhänger von islamistischen Ideologien. Zu dem Waffenkauf kam es nicht, so wenig wie zu anderen wirklich gefährlichen Aktivitäten der Angeklagten. Der Höhepunkt ihres terroristischen Schaffens: Sie füllten eine Spraydose mit Schwarzpulver aus Silvesterböllern und jagten sie in die Luft.

Vor IS geflohen

Alle drei Angeklagten in dem Prozess sind Kurden aus dem Nordirak und selbst vor dem islamistischen IS geflohen oder haben - im Fall des älteren Angeklagten - auf der Seite der kurdischen Peschmerga gegen Vorläuferorganisationen des IS gekämpft. Heute beteuert Hersh F., er habe niemals Frauen und Kinder verletzen wollen. Die Vorsitzende Richterin Ulrike Taeubner ist skeptisch und fühlt den Angeklagten auf den Zahn, verlangt Details. Vor allem ihre heutige Einstellung sei für das Gericht sehr wichtig, sagte sie den Angeklagten.

Das Gericht, die Bundesanwaltschaft und die Verteidigung hatten sich auf einen Strafrahmen verständigt, wenn die Angeklagten umfassend aussagen. Danach erwartet die beiden 23-Jährigen eine Haftstrafe zwischen vier Jahren und drei Monaten sowie fünf Jahren. Der dritte Angeklagte, der wegen Beihilfe vor Gericht steht, muss mit einer Strafe zwischen einem Jahr und neun Monaten sowie zwei Jahren rechnen, die jeweils zur Bewährung ausgesetzt werden könnten.

Mehr zum Thema:

Drei Männer wegen Terrorplänen vor Gericht

BKA-Chef: Terrorverdächtige Iraker waren anerkannte Flüchtlinge

„Wir dachten, hier ist heile Welt“

Video: Das sagen Bürger zur Terrorgefahr

Von RND/dpa