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Schleswig-Holstein Wie gerecht ist unser Bildungssystem?
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21:00 06.03.2020
Von Kristiane Backheuer
Wie gerecht ist unser Bildungssystem? Studenten und Schüler au Schleswig-Holstein haben dazu eine klare Meinung. Quelle: Frank Peter
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Kiel

Sind Schleswig-Holsteins Abiturienten im Nachteil? Mit seinem Gastbeitrag auf KN-online hat der ehemalige Schweriner Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) eine Debatte losgetreten. Zusammen mit der Rostocker Professorin Katja Koch hat Mathias Brodkorb die Streitschrift "Der Abiturbetrug. Vom Scheitern des deutschen Bildungsföderalismus" herausgebracht.

Darin kommen die beiden Autoren zu dem Schluss: Obwohl die Jugendlichen in Schleswig-Holstein bessere Leistungen bringen, sei ihr Abi-Schnitt schlechter als der von Schülern in Ländern mit leichterem Abitur.

Die Folge: Schleswig-Holsteiner bekommen seltener ihren Wunschstudienplatz. Deshalb fordern die Autoren: „Wir brauchen dringend ein Deutschland-Abitur.“ Doch wie reagieren Uni, Studenten und Schüler auf den „Abiturbetrug“? 

So reagieren Doktorandinnen auf den "Abibetrug"

Die beiden Doktorandinnen der Ernährungswissenschaften, Virginia Eickelberg (26) und Yvonne Seidler (28), sind gerade auf dem Weg zur Mensa der Christian-Albrechts-Universität (CAU).

Abi-Noten sind leider oft unfair“, sagt Yvonne Seidler, die aus Eutin stammt und ihr Abi in Ratekau gemacht hat. Die Anforderungen würden in Schleswig-Holstein schon von Schule zu Schule variieren. „Vorm Abi hab’ ich die Schule gewechselt – vom Gymnasium auf die Gemeinschaftsschule. Da war ich den anderen in Mathe ein bis zwei Jahre voraus.“ Trotzdem reichte für Humanbiologie in Greifswald ihr Abi-Schnitt von 2,1 nicht. „Aus Frust bin ich dann erst einmal ein Jahr nach Australien gegangen“, erzählt sie.

Kommilitonin Virginia Eickelberg erlebte die Schulzeit genau anders herum. „Ich hab’ von einem Sport- auf ein Musikgymnasium gewechselt“, sagt sie. „Das war ein großer Bruch.“ Zuvor hätte die Schule eher Realschulniveau gehabt. Trotzdem schaffte sie ihr Abi mit 1,9 und konnte sich deutschlandweit einen Studienplatz für Ernährung aussuchen.

Wünschen würden sich beide, dass bei der Studienplatzvergabe noch andere Faktoren wie soziales Engagement oder Auslandserfahrungen eine Rolle spielen würden. 

Studenten über das Scheitern am Numerus Clausus

„Eigentlich wollte ich auf Lehramt studieren, scheiterte aber am Numerus Clausus“, erzählt Oona Paulsen (19) aus Nordfriesland. Nun studiert sie Ökotrophologie in Kiel. „Das war für mich gar kein Problem“, sagt sie. Sie sei flexibel. Wisse aber von Freundinnen, die verzweifelt versuchen, einen Platz in einem der begehrten NC-Fächer zu bekommen.

Ties Winkelmann (22), Student der Agrarwissenschaften, findet den NC teilweise sinnvoll. „Nur bei Medizin nicht“, sagt er. „Ärzte fehlen doch überall.“ Seine Schwester studiere deshalb in Lettland, weil sie hier keinen Platz bekam.

An der CAU in Kiel haben 21 Studiengänge einen Numerus Clausus

„Den Numerus Clausus legen wir jedes Jahr aufgrund der Bewerberlage und vorhandener Kapazitäten neu fest“, sagt Boris Pawlowski, Pressesprecher der CAU Kiel. Derzeit hätten 21 von fast 200 Studiengängen einen NC. Die Plätze in diesen Fächern seien bis zu 65 Prozent von Landeskindern besetzt. Vergeben werden diese nach der Abiturnote (80%) und der Wartezeit (20%).

Dass die meisten Fächer an der CAU Kiel zulassungsfrei seien, liege vor allem am Hochschulpakt von Bund und Ländern. „Dadurch konnten Studien-Kapazitäten aufgebaut werden.“

Begeehrte Fächer: Medizin, Zahnmedizin, Pharmazie und Tiermedizin

Schwierig bleibe für Abiturienten der Zugang zu Studiengängen wie Medizin, Zahnmedizin, Pharmazie oder Tiermedizin. Diese Fächer werden über ein bundesweites Verfahren zentral vergeben.

„Hier gibt es bis zu sechsmal mehr Bewerber als Plätze“, so Pawlowski. Im Hinblick auf die neue Streitschrift hält auch er bundesweit vergleichbare Leistungs- und Prüfungsstandards für sinnvoll.

Schleswig-Holsteins Abiturienten sind im Nachteil. Was sagen Sie dazu?

Schülersprecher würde Standardisierung der Abi-Anforderungen begrüßen

Und was sagen die Schüler? „Das größte Problem ist gar nicht, dass wir aus Schleswig-Holstein schwerer an die Uni kommen“, sagt Philipp Braun (18), Schülersprecher der Käthe-Kollwitz-Schule Kiel. „Viel schlimmer ist es für alle diejenigen, die mit einem leicht, wenn nicht zu leicht erworbenen Abitur an der Uni scheitern. Das frustriert und demotiviert enorm.“

Eine Standardisierung der Anforderungen und Bewertung des Abiturs würde er deshalb begrüßen. „Damit rettet man die Schicksale vieler Jugendlicher, die in Ausbildung oder Lehre besser aufgehoben wären.“

Anke Erdmann (Grüne) übt Kritik

Kritik zur Streitschrift von Mathias Brodkorb kam von Anke Erdmann (Grüne), die in der vergangenen Legislatur Vorsitzende des Bildungsausschusses im Landtag war: „Dass Abi-Noten auch bei gleichen Leistungen variieren, teilweise sogar zwischen einzelnen Schulen und Lehrkräften, ist klar. Auch kann man die Abi-Noten zwischen einem Flächenland wie Schleswig-Holstein und einer Stadt wie Hamburg nicht vergleichen.“

In Städten liege die Quote derjenigen, die die Schule mit Hochschulreife verlassen, tendenziell höher. Diesen Trend belege bereits auf ein Blick auf die Kreise und kreisfreien Städte in Schleswig-Holstein. Kiel und Lübeck hätten höhere Absolventenquoten als der ländliche Raum.

Erdmanns Hauptkritik an den Ausführungen der Autoren Brodkorb und Koch entzündete sich an deren Berechnung des sogenannten Leistungsquotienten. Als Indikator hätten sie Neuntklässler an Gymnasien herangezogen. „Die Abiquoten umfassen aber auch Gemeinschaftsschulen. Das ist nicht eins zu eins vergleichbar.“

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