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Schleswig-Holstein Als würde das neue Selbstbewusstsein den Krebs fernhalten
Nachrichten Schleswig-Holstein

KN-Aktion "Gutes tun im Advent" in Kiel - Patientin: Als hält Selbstbewusstsein den Krebs fern

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10:49 14.12.2021
Von Karen Schwenke
Musste erst lernen, nicht immer nur für andere da zu sein: Krebspatientin Regina Gerhardt (57).
Musste erst lernen, nicht immer nur für andere da zu sein: Krebspatientin Regina Gerhardt (57). Quelle: Ulf Dahl
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Kiel

Sie funktionierte und riss sich zusammen, so wie es immer von ihr verlangt wurde. Trotz einer schweren Krebserkrankung stellte Regina Gerhardt aus Kiel über viele Jahre ihre eigenen Bedürfnisse zurück. Keiner sollte sich von ihrer Erkrankung belästigt fühlen. Bis sie eines Tages an die Krebsgesellschaft geriet und darüber einen neuen Blick auf ihr Leben bekam.

Angefangen hatte es vor 21 Jahren mit Schmerzen, wie bei einer Blasenentzündung. Doch was auch immer sie dagegen tat, die Schmerzen wurden stärker und stärker. Regina Gerhardt, von Beruf Krankenschwester, hörte von Familienmitgliedern und selbst von ihrem Urologen, so schlimm sei das schon nicht. War es aber doch.

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Als die damals 36-jährige Mutter von drei Kindern gegen alle Empfehlungen mit unerträglichen Schmerzen die Uniklinik aufsuchte, war der Krebs schon weit fortgeschritten. Ihre Harnblase war zu zwei Drittel mit Tumoren gefüllt. Der Urin konnte kaum noch abfließen. „Ich hatte das Gefühl, ich platze.“ Mehrere Operationen waren nötig, um alles zu entfernen.

Ihre eigene Mutter hatte ihr immer das Gefühl gegeben, wenig wert zu sein

„Die Schwestern und Pfleger waren so gut zu mir“, erinnert sich die heute 57-Jährige. Dieses Gefühl umsorgt zu werden, hatte sie bis dahin nicht gekannt. Ihre eigene Mutter hatte ihr immer das Gefühl gegeben, wenig wert zu sein und im Leben nicht genug zu leisten. Jetzt warf ihr die Mutter vor, wie verantwortungslos es sei, die drei Kinder zu vernachlässigen, um sich zur Operation ins Krankenhaus zu begeben.

Doch nicht nur die Stimmen aus ihrer Verwandtschaft, auch die aus ihrem Innersten mahnten: „Reiß dich zusammen, tue deine Pflicht.“ Neben Haushalt und Kindern übernahm die schwer Kranke auch noch die Pflege ihrer eigenen Großmutter. Unterstützung von anderen forderte sie nie ein. „Nur mein Mann hat all die Jahre zu mir gestanden, von der ganzen restlichen Familie habe ich nur Vorwürfe bekommen.“

Und so kam der Krebs wieder. Aggressiver. Auf erneute Operationen folgten jahrelange Chemotherapien. Und eine chronische Erschöpfung. Diese ständige Müdigkeit bekam „endlich einen Namen, als ich 2014 in den Kieler Nachrichten über Fatigue las und von einer Infoveranstaltung darüber bei der Krebsgesellschaft.“

So können Sie spenden: Per Paypal oder Überweisung

Der Verein KN hilft ruft in diesem Jahr zu einer Spendensammlung für die Krebsgesellschaft Schleswig-Holstein im Verbreitungsgebiet der Kieler Nachrichten und der Segeberger Zeitung auf. Dafür ist das Spendenkonto – Stichwort Gutes tun im Advent – bei der Förde Sparkasse eingerichtet: DE 05 2105 0170 1400 2620 00.

Möchten Sie nicht, dass Sie als Spender in der Zeitung erwähnt werden, schreiben Sie bitte hinter den Verwendungszweck „kein Name“. Möchten Sie eine Spendenbescheinigung, vermerken Sie bitte „Spendenbescheinigung“ und Ihre Adresse.

Alle Spenden, die bis Ende des Jahres für „Gutes tun im Advent“ auf dem Konto eingehen, werden an die Krebsgesellschaft Schleswig-Holstein überwiesen. Damit werden zusätzliche Hilfen für von Krebs betroffene Familien finanziert.

Spenden über Paypal: Sie können hier auch direkt über Paypal für „Gutes tun im Advent“ spenden.

Dort erfuhr Regina Gerhardt, dass sie viele Leidensgenossinnen hat. Erstmals traf sie andere Krebspatientinnen, Frauen, die sich gegenseitig Mut zusprachen, die ihr sagten, sie solle auch mal an sich denken, Expertinnen, die ihr rieten, sie möge sich ihre persönlichen Auszeiten nehmen, das sei wichtig für den Genesungsprozess. „Ich lernte, dass ich das Recht habe, mir Ruhepausen zu gönnen.“

Auch mal an sich zu denken und mit anderen das Leid zu teilen, das half ihr

Zu wissen, dass andere genauso verzweifelte Momente hatten und ähnliche Erfahrungen machten, habe sie stark gemacht, sagt Regina Gerhardt. So stark, dass sie ihre Träume, „fremde Länder und Palmen zu sehen, zu schnorcheln und mit Delfinen zu schwimmen“, in die Tat umsetzte. Mit ihrem Mann und den drei Kindern bereiste sie Thailand, Ägypten und Kuba. Bei der Krebsgesellschaft, sagt sie, „habe ich das Rüstzeugs mitbekommen, für mich selber einzustehen, meine Rechte einzufordern und meine Wünsche umzusetzen. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Seit zehn Jahren sei sie nun tumorfrei. Als würde das neue Selbstbewusstsein den Krebs fernhalten. Dennoch nimmt Regina Gerhardt weiter teil am „Rudern gegen Krebs“ und besucht regelmäßig das Krebscafé, das außerhalb der Pandemie einmal im Monat in den Räumen der Krebsgesellschaft am Alten Markt in Kiel geöffnet ist. „Es kommen andere Betroffene, man wird so nett bedient und hofiert, das ist mir fast unangenehm, aber ich genieße es sehr.“

Kebscafé in Kiel: Ilona Möller ist eine „Vertrauensperson“

Die gute Seele der Schleswig-Holsteinischen Krebsgesellschaft: Ilona Möller. Quelle: Ulf Dahl

Hinter dem Krebscafé steht Ilona Möller. Seit 34 Jahren arbeitet sie bei der schleswig-holsteinischen Krebsgesellschaft. Von der Buchhaltung bis hin zum „Sport nach Krebs“ ist sie für viele Bereiche zuständig. Wer bei der Krebsgesellschaft anruft, hat die 64-Jährige am Apparat. „Sie ist eine absolute Vertrauensperson“, lobt Regina Gerhardt. „Ich weiß, wenn ich irgendwelche Probleme habe, hat sie ein offenes Ohr.“

Denn die Angst, dass der Krebs wiederkomme, den trägt Regina Gerhardt latent in sich. Sie zeigt sich besonders vor jeder Kontrolluntersuchung. Daher ist der Rückhalt und die kompetente Ansprechpartnerin für Gerhardt nach all den Jahren immer noch so wichtig: „Allein zu wissen, dass man sich hier Hilfe holen kann, hilft.“